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02. April 2008, von Michael Schöfer
Die Wand

(eine Rezension)

Plötzlich allein auf der Welt - eine in Literatur und Film immer wiederkehrende Horrorvorstellung, so beispielsweise in Geoff Murphys packendem Science-Fiction-Klassiker "The Quiet Earth" (1985) oder als Alptraumsequenz zu Beginn von "Open Your Eyes" (1997), mit der damals 23-jährigen Penélope Cruz. Als letzter Mensch auf Erden existieren, das ist auch Thema von Marlen Haushofers Roman "Die Wand". Elke Heidenreich, Deutschlands prominenteste Vielleserin, behauptet: "Wenn mich jemand nach den zehn wichtigsten Büchern in meinem Leben fragen würde, dann gehörte dieses auf jeden Fall dazu." (Klappentext) Nun, ziemlich viel Vorschusslorbeeren.

Worum geht es? Die - im Übrigen namenlose - Heldin ist zu Besuch bei ihrer Kusine in den Bergen. Als sie über Nacht allein in der Jagdhütte zurückbleibt (die Kusine geht mit ihrem hypochondrischen, aber begüterten Ehemann hinunter in die Dorfschänke), geschieht das Unglaubliche: Eine unsichtbare Wand hat das Tal von der Außenwelt abgeschnitten und offenbar bis auf diese kleine Insel sämtliches Leben außen herum schlagartig zerstört. Jenseits der Wand ist alles tot, es gibt keine Menschen mehr, keine Tiere, nicht mal Insekten. Sogar das Autoradio bleibt stumm, die Aussicht auf Rettung ist daher gering. Nur Pflanzen blieben von der Katastrophe verschont.

Nun beginnt der Kampf ums Überleben. Marlen Haushofer beschreibt in einer eindringlichen Sprache den Existenzkampf ihrer Heldin - wie sie sich in der Hütte einrichtet, zum Glück eine trächtige Kuh findet und sich mit Hund und Katz anfreundet. Die Autorin vermittelt glaubhaft eine Atmosphäre aus Einsamkeit und Beklemmung, als Stilmittel hilft ihr dabei die Form des Berichts. Dialoge gibt es im Buch keine. Eigentlich vermisst die Überlebende die Gesellschaft anderer Menschen kaum, denn sie hat sich ihnen schon vorher entfremdet. Im Gegenteil, in der Isolation wird ihr vieles klarer.

Über die Katastrophe selbst lässt Haushofer den Leser leider völlig im Dunkeln. Weder das Wesen der Wand noch die Ursache des Massensterbens werden aufgeklärt. Merkwürdigerweise ist der Abschluss von der Außenwelt nicht hermetisch, die eingeschlossene Region unterliegt nämlich nach wie vor dem Wetter und den Jahreszeiten. Irgendwo oben ist der Weg nach draußen also frei (ohne tödliche Gase oder Viren einströmen zu lassen). Außerdem kann sich das Wasser eines Baches unter der scheinbar unzerstörbaren Wand durchgraben und weiterfließen.

Allerdings ist es noch merkwürdiger, dass sich die Eingeschlossene in ihrem Gefängnis einrichtet. Fluchtversuch? Fehlanzeige! Ich hätte, ähnlich wie der Bach, zumindest probehalber einen Tunnel unter der Wand durchgegraben und - sozusagen als Versuchskaninchen - ein Tier nach draußen geschickt. Hätte es jenseits der Wand überlebt, wäre ich gewiss durch den Tunnel gefolgt. Doch Fluchtbestrebungen sind der Heldin fremd, nur ab und zu verschwendet sie einen Gedanken daran, ohne ihn jemals zu realisieren. Sie kann sich nicht einmal dazu aufraffen, das ganze von der Katastrophe verschonte Gebiet zu erforschen. Was sie anfangs besser getan hätte, denn am Ende kommt es deshalb zu einer bösen Überraschung.

Trotz dieser Schwächen kann ich das Buch durchaus empfehlen, hauptsächlich dank der eigentümlichen Atmosphäre, das es verströmt. Keinesfalls gehört es jedoch zu den zehn wichtigsten Büchern meines Lebens. Ich würde es nicht einmal auf eine einsame Insel mitnehmen. Gerade dorthin nicht, denn in so einem Fall wären damit zweifellos schwere Depressionen vorprogrammiert. Und das ist genau das, was man auf einer einsamen Insel überhaupt nicht gebrauchen kann.