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21. April 2008, von Michael Schöfer
Man mag eigentlich gar nicht mehr dagegen anschreiben


Seit Jahren weisen Kritiker auf die Risiken der aus dem Ruder laufenden Spekulation an den Finanzmärkten hin. Es hat nichts genutzt. Heute schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF) die Verluste der Banken, die aus der Subprime-Krise resultieren, auf sage und schreibe 945 Mrd. Dollar (603 Mrd. Euro). [1] Das Kartenhaus wankt verdächtig. Aber eines ist bestimmt sicher: Ihre private Altersvorsorge. Zumindest müssen Sie das glauben. Wissen werden Sie es jedoch erst, wenn es soweit ist.

Dass die Globalisierung nicht bloß Gewinner kennt, sondern ebenso etliche Verlierer, wurde allzu oft überhört. Jetzt nimmt man erstaunt zur Kenntnis, dass es in den Entwicklungsländern Hungeraufstände gibt, weil die Preise für Lebensmittel explodieren. [2] Das großspurige Versprechen der Staatschefs auf dem Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen im September 2000, weltweit die Armut bis 2015 zu halbieren, platzt gerade wie eine Seifenblase. Besonders perfide: Spekulanten verdienen sich mit dem Hunger anderer eine goldene Nase. "Teure Lebensmittel bieten Chancen für Investments." [3] "Diese fundamentale Veränderung bietet für Investoren zahlreiche Chancen." Ach, tatsächlich?

Welch eine Überraschung: In Deutschland ist der Anteil der Geringverdiener innerhalb eines Jahrzehnts von 15 Prozent im Jahr 1995 auf 22,2 Prozent im Jahr 2006 gestiegen. [4] Bald haben wir, was das angeht, die USA (25 Prozent) eingeholt. Trotzdem heißt es immer noch: Gesetzlicher Mindestlohn - nicht notwendig. Auch dass sich der jetzige Arbeitsplatzaufbau zu einem Gutteil im Niedriglohnbereich bewegt, wird gerne verdrängt. In ein paar Jahren werden wir nicht nur Exportweltmeister, sondern unter den Industriestaaten auch Niedriglohnweltmeister sein. Ganz komisch: Dänemark, das Land mit dem hohen Spitzensteuersatz (63 Prozent) und dem üppigen Arbeitslosengeld (90 Prozent des bisherigen Arbeitsverdienstes), schneidet mit lediglich 8,5 Prozent Geringverdiener-Anteil wesentlich besser ab. Ob das unseren Hartz IV-Ideologen zu denken gibt, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Während bei uns, jedenfalls Josef Ackermann zufolge, die Leistungsträger bestraft werden, herrscht über dem großen Teich nach wie vor das Leistungsprinzip. Hedgefonds-Manager John Paulson, manche würden ihn als Heuschrecke bezeichnen, bezog 2007 ein Jahresgehalt von 3,7 Mrd. Dollar (2,3 Mrd. Euro). [5] Dafür müsste selbst Ackermann, der im vergangenen Jahr ein Gehalt von vergleichsweise mickrigen 13,9 Mio. Euro bezog, verdammt lange arbeiten. 165 Jahre, um genau zu sein. Bundesweit liegt der durchschnittliche Bruttoverdienst bei 27.100 Euro, ein Durchschnittsarbeitnehmer müsste daher 84.870 Jahre arbeiten, um das Salär von John Paulson zu erreichen. Ja, ja, ich weiß, keine Neid-Debatte... John Paulson wird es schon wert sein. Er gehört zu den Spekulanten an den Finanzmärkten, vor denen (siehe oben) schon seit langem gewarnt wird. Wenigstens für ihn scheint sich die Krise auszuzahlen.

Man mag eigentlich gar nicht mehr dagegen anschreiben. Es kotzt einen bloß noch an.

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[1] Focus-Online vom 08.04.2008
[2] RP-Online vom 14.04.2008
[3] WirtschaftsBlatt vom 15.04.2008
[4] Tagesspiegel vom 19.04.2008
[5] Die Welt-Online vom 17.04.2008