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23. April 2008, von Michael Schöfer
Was sind das bloß für Menschen?


Die Nahrungsmittelpreise explodieren. Folge: In den etlichen Entwicklungsländern gibt es bereits Hungeraufstände, weil sich viele die gestiegenen Preise einfach nicht mehr leisten können. Not zieht stets eine besondere Sorte Mensch an: Spekulanten, die sich am Unglück anderer eine goldene Nase verdienen. Gewissensbisse kennen sie nicht, davon kann man bekanntlich nicht leben. Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral. (Bertolt Brecht) Wenn sie überhaupt jemals kommt, muss man leider hinzufügen.

"Harte Rendite mit Soft Commodities?", fragt beispielsweise das Börsenmagazin der ARD. Unverhohlen wird dafür geworben, mit Hilfe des Hungers "satte Gewinne einzufahren". Die Analyse ist ebenso harmlos wie zutreffend: "In China etwa hat sich der Verbrauch von Rind- und Schweinefleisch in den vergangenen Jahren vervielfacht. Der zunehmende Wohlstand erfasst dort, wie auch in anderen Schwellenländern, immer größere Teile der Bevölkerung." Doch jetzt kommt's: "Gründe genug, Soft Commodities [weiche Rohstoffe = Agrarrohstoffe, Anm.d.Verf.] auch als Investment neben klassischen Rohstoffen in den Blick zu nehmen. (...) Die Fonds- und Derivateindustrie bietet (...) dem Privatanleger eine Reihe von Möglichkeiten, Soft Commodities mit ins Depot zu nehmen. (...) Die Performance vieler Soft-Commodities in den vergangenen Jahren hat allerdings zu wünschen übrig gelassen. (...) Für kurzfristige Investoren sind die Soft Commodities dagegen immer eine wahre Spielwiese. Denn die Preise sind stark volatil und schwanken zum Beispiel bei Missernten, politischen Krisen oder sogar Wetterveränderungen teilweise extrem. In China beispielsweise sorgte jüngst ein mysteriöses Massensterben bei Schweinen für einen 30prozentigen Anstieg bei Schweinefleisch. Zudem lassen sich bei Agrarprodukten auch Trading-Strategien auf der Basis von saisonalen Schwankungen umsetzen." [1]

Merke: Missernten, das Massensterben von Schweinen, politische Krisen und der Klimawandel sind gut fürs Geschäft. Grenzenlose Gier und absolute Skrupellosigkeit - empfohlen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Mit "Teure Lebensmittel bieten Chancen für Investments" und "Diese fundamentale Veränderung bietet für Investoren zahlreiche Chancen" bringt es das österreichische WirtschaftsBlatt unverblümt auf den Punkt. [2]

"In der Vergangenheit hätten sich Agrarrohstoffe für Privatanleger nicht gerechnet - zumindest nicht für Investoren mit langfristigem Horizont. Für kurzfristige Spekulationen eignen sich Agrarrohstoffe dagegen hervorragend: Fällt eine Ernte deutlich schlechter aus als erwartet, schießt in der Regel der Preis in die Höhe. Wer solche Wetten wagt, kann viel gewinnen", begeistert sich die FAZ. "Langfristig aber zeigt der Trend bei den meisten Agrarrohstoffen seit vielen Jahren nach unten." Fazit: "Agrarrohstoffe lohnen auf lange Sicht nicht." [3]

Womit zweierlei bewiesen wäre. Erstens: Je schlechter die Lage, desto besser die Renditeerwartungen. Scheint so etwas wie ein Naturgesetz zu sein. Angebot und Nachfrage eben. Und wie teuer, bitteschön, ist heute das Gewissen? Ach, so billig? Klar, will halt keiner haben. Zweitens: Mit seinem Pessimismus ("Agrarrohstoffe lohnen auf lange Sicht nicht.") lag das Blatt, das in Deutschland den ökonomischen Sachverstand gepachtet zu haben glaubt, voll daneben. Es mehren sich daher die Zweifel.

"Die Rohstoff-Hausse läuft auf allen Zylindern. (...) Wohl dem, der auf Rohwaren gesetzt hat. (...) Angebotsknappheiten treffen auf eine insbesondere in Asien sehr stark steigende Nachfrage. Hinzu kommt, dass sich zunehmend spekulative Marktakteure engagieren und Endinvestoren aus anderen Assets wie Aktien in Rohstoffe umschichten. Für den Weizen sagte dieser Tage Unicredit voraus, dass sich der Preis bis Ende 2009 nochmals um 50% verteuern wird." So hört sich das etwa beim Börsenreport an. Aber es wird auch darauf hingewiesen: "So schön der Boom für die richtig Investierten auch sein mag, darf doch nicht übersehen werden, dass die Entwicklung ihre Schattenseiten hat." Endlich Mitleid mit den Hungernden? Nein, es sind die Inflationsängste, die Sorgen bereiten: "Als Kehrseite des Rohstoffbooms muss die Hoffnung begraben werden, dass die Abkühlung in den USA schon bald die Inflationsraten drücken wird." Tja, so ist das: Die einen begraben die Hoffnung auf Dämpfung der Inflationsrate, die anderen die Leichen mit den aufgedunsenen Bäuchen.

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[1] boerse.ard.de vom 31.05.2007
[2] WirtschaftsBlatt vom 15.04.2008
[3] FAZ.Net vom 21.09.2006