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06. Mai 2008, von Michael Schöfer
Kollisionen


Das Leben besteht gelegentlich aus Kollisionen, und zuweilen endet es sogar mit einer solchen. Das nennt man dann eine Tragödie. Wie sich Kollisionen auswirken, hören wir zum Beispiel jeden Tag im Verkehrsfunk. Nicht selten verursachen sie kilometerlange Autobahnstaus. Doch das sind nur die banalen Crashs, denen wir kaum noch Aufmerksamkeit schenken (höchstens wir stehen gerade im hinteren Drittel eines 15 km-Staus). Aber haben Sie gewusst, dass die Andromeda-Galaxie in ungefähr zwei Milliarden Jahren mit unserer Milchstraße zusammenstoßen wird? Nein? Na, dann passen Sie jetzt mal auf. Momentan ist Andromeda noch zweieinhalb Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Die Spiralgalaxien bewegen sich freilich mit einer Geschwindigkeit von 500.000 Stundenkilometern aufeinander zu. [1] Wissen Sie eigentlich, was das heißt, wenn zwei Objekte, die jeweils mehr als 100 Milliarden Sterne besitzen, mit dieser enormen Geschwindigkeit zusammenprallen? Und das ganz ohne Knautschzone und Airbags? Im Grunde unvorstellbar. Aber ich kann Sie beruhigen, die Abstände zwischen den Sternen sind so riesig, dass es vermutlich kaum direkte Treffer geben wird. In fünf Milliarden Jahren sind die Galaxien dann hoffentlich friedlich vereint.

Allerdings gibt es nicht bloß materielle Kollisionen, sondern auch geistige. Ideologische, um genau zu sein. So schrieb etwa ein gewisser Samuel P. Huntington vor Jahren ein Buch über den Zusammenprall von Kulturen ("Clash of Civilizations"). Der deutsche Titel, "Kampf der Kulturen", ist eine unpräzise Übersetzung. Im Wesentlichen geht es darin um die Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem Islam. Doch ideologische Kollisionen müssen sich nicht nur im Weltmaßstab ereignen, auch in der Provinz können sie vieles gehörig durcheinander wirbeln.

Beispielsweise in Baden-Württemberg. Im Musterländle ist nämlich am nächsten Muttertag, der in diesem Jahr auf den Pfingstsonntag fällt, der Verkauf von Blumen verboten. Ministerpräsident Günther Oettinger gibt trotz großer Proteste einfach nicht nach. Und Klagen können dagegen ebenso wenig ausrichten. Gerade hat der Verwaltungsgerichtshof das Blumenverkaufsverbot gebilligt. "Die Vorschriften des Ladenöffnungsgesetzes in Baden-Württemberg ließen für den Muttertag 'nichts Abweichendes' zu. Laut gesetzlicher Regelung habe im Südwesten am Pfingstsonntag die Feiertagsruhe Vorrang und könne 'nicht im Wege der Ausnahmebewilligung überspielt werden', so das Gericht. (...) Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, das den Blumenverkauf am diesjährigen 11. Mai verboten hat. Ministerpräsident Günther Oettinger hat trotz zahlreicher Forderungen nach einer Freigabe bisher stur auf dem Verbot beharrt. (...) Kurios ist vor allem, dass trotz des Verbots im Ländle am kommenden Sonntag knapp 400 Städte und Gemeinden die Blumenläden öffnen lassen können - falls sie es wollen. Laut Gesetz sind nämlich Ausnahmen vom Verbot für 'Kur-, Erholungs-, Ausflugs- und Wallfahrtsorte' möglich." [2] Na, wenn das keine Kollision ist, was dann?

Mir ist mir völlig schleierhaft, was Oettinger da geritten hat. Der gute Mann (bitte nicht allzu wörtlich nehmen, bekanntermaßen bin ich kein Fan der CDU) bringt nicht nur die gesamte Blumenhändlerriege gegen sich auf, für die der Muttertag gewissermaßen das Weihnachtsgeschäft ist, sondern legt sich zugleich mit einem Großteil der Bürgern an. Jeder, der eine Mutter hat, für sie am kommenden Sonntag aber keine Blumen kaufen darf, wird ziemlich wütend auf ihn sein. Und die leer ausgehenden Mütter sowieso. Wenn es wenigstens um eine echte Gewissensfrage ginge. Aber nein, es geht bloß um eine Lappalie. Absolut unverständlich, warum Günther Oettinger, der ja schließlich irgendwann wiedergewählt werden will, seine Wähler vergrault. Im Grunde eine politische Dummheit ohnegleichen. Naja, mir soll's recht sein (siehe oben). Der Schwabe Oettinger ist für seine Halsstarrigkeit weithin bekannt. Nach der hochgradig verunglückten Trauerrede für Hans Karl Filbinger [3] brauchte er etliche Tage Zeit (und sogar etwas Nachhilfe von Bundeskanzlerin Angela Merkel), um endlich die Tragweite seiner Worte zu begreifen. Er wäre fast darüber gestürzt.

Ich bin gespannt, wie die Kollision von kleinkarierter Prinzipenreiterei und Bürgerwunsch am Ende ausgeht. (Fast ist man geneigt, das Ganze als Provinzposse abzutun.) 2011 werden wir es wissen, dann sind wieder Landtagswahlen. Ich fürchte allerdings, das Gedächtnis der Wähler wird nicht so weit reichen. 2011 ist der Muttertag bereits am 8. Mai, während der Pfingstsonntag auf den 12. Juni fällt. Wie sich Günther Oettinger wohl verhalten hätte, wenn beide Anlässe zufällig im Wahljahr auf einen Tag zusammengefallen wären? Dann hätte er die Kollision bestimmt vermieden, behaupte ich. Ob ich damit seine Halsstarrigkeit sträflich unterschätze? Leider werden in Bezug auf hypothetische Fragen keine Wetten angenommen.

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[1] astronews.com vom 18.04.2000
[2] Rhein-Neckar-Zeitung vom 06.05.2008
[3] siehe War Hitler Nationalsozialist? vom 12.04.2007