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18. Mai 2008, von Michael Schöfer
Mehr als bloß Public Relation?


Der zur Tengelmann-Gruppe gehörende Textildiscounter KiK ist vom Arbeitsgericht Dortmund dazu verurteilt worden, einer Verkäuferin 9.000 Euro nachzuzahlen und ihr künftig einen höheren Stundenlohn zu überweisen. Bislang zahlte Kik lediglich einen Stundenlohn von 5,20 Euro. Zum Vergleich: Das wären bei einer 40-Stunden-Woche ein Monatsgehalt von 904 Euro (5,20 x 40 x 4,348). Brutto, wohlgemerkt. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

KiK zahle nur rund die Hälfte des Tariflohns, stellte das Gericht fest. [1] "Unzulässig niedrige" und "sittenwidrige" Löhne seien das. "Das Dortmunder Urteil ist ein Präzedenzfall im Kampf um höhere Löhne im Einzelhandel. Für zahlreiche Verfahren, die bundesweit gegen Kik anhängig sind, hat dieses Urteil Signalwirkung, sagte die Einzelhandelsexpertin von Verdi, Henrike Greven." [2] "Kik muss nun für vier Jahre die Differenz zu einem angemessenen Lohn nachzahlen, der laut Gericht zwischen 7,90 und 8,20 € liegt." [3]  Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

"Die Frau ist nach Angaben von ver.di nach wie vor in einer KiK-Filiale in Mülheim/Ruhr beschäftigt. Allerdings hätten sich die Arbeitsbedingungen seit Beginn des Verfahrens im vergangenen Herbst erheblich verschlechtert. So habe es etwa Stundenkürzungen gegeben. Mittlerweile arbeite die 46-Jährige nur noch zehn Stunden im Monat." [4] Ihr Verdienst sei demzufolge auf mickrige 52 Euro gesunken. Rache dafür, dass jemand sein Recht sucht? Bei der Ausbeutung von Mitarbeitern gibt es offenbar für manche Unternehmen keinerlei Schamgrenze mehr.

Im Gegensatz zum konkreten Verhalten von KiK gibt sich die Tengelmann-Gruppe gerne umweltbewusst und sozial. "Wir engagieren uns für die Erhaltung einer lebenswerten Umwelt für unsere Kinder!", heißt es etwa auf der Website der Unternehmensgruppe. [5] Herzzerreißend, nicht wahr? Kinder gehen immer, Politiker und Werbefachleute haben das längst erkannt. "Weltweit leben viele Millionen Kinder durch Armut, Hunger, Kriege und körperliche sowie seelische Gewalt in großer Not. Mit der Stiftung 'help and hope', die KiK 2005 gegründet hat, will das Unternehmen dazu beitragen, diese Not zu lindern. Ihr Ziel ist es, durch Hilfe zur Selbsthilfe die Situation der Kinder nachhaltig und langfristig zu verbessern."

Ausgerechnet KiK. Den armen Kindern in der sogenannten Dritten Welt helfen, klingt zumindest hervorragend. Die sind zum Glück anonym, da guckt keiner so genau hin, das kann keiner überprüfen. Aber offenbar hindert das den Discounter nicht, hierzulande als Verkäuferinnen beschäftigte Mütter unter die Armutsgrenze zu drücken. Was wohl deren Kinder dazu sagen?

Tengelmann unterstützt die Tafeln. "Lebensmittel, die an der einen Stelle überzählig sind, werden gesammelt und dort verteilt, wo sie fehlen. Ein bisschen Robin Hood", heißt es auf der Website von Tengelmann. Klar, arme Verkäuferinnen müssen sehen, wo sie das Essen für den Mittagstisch herbekommen. Und man tritt KiK bestimmt nicht zu nahe, wenn man behauptet, dass sich das Unternehmen, was die gezahlten Löhne angeht, eher wie der Sheriff von Nottingham verhält. Robin Hood verhält sich nämlich anders: edel, hilfreich und gut.

"Gesellschaftliche Verantwortung sollte jeder Einzelne entsprechend seiner Möglichkeiten übernehmen", mahnt die Tengelmann-Unternehmensgruppe, doch vermutlich gilt das mal wieder bloß für andere, nicht für Tengelmann selbst. Die übliche Heuchelei eben.

Da ich seit vielen Jahren Tengelmann-Kunde bin, habe ich mir erlaubt, gegen das Verhalten von KiK zu protestieren. Die Tengelmann-Unternehmensgruppe erhielt von mir folgende E-Mail:
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin seit Jahren Kunde bei einem Ihrer Tengelmann-Märkte. Bislang dachte ich, es wäre besser, bei Ihnen einzukaufen anstatt bei Discountern wie Lidl (den gibt es hier auch nur um die Ecke, wird von mir aber weitgehend irgnoriert), die ihre Mitarbeiter bekanntlich nicht so gut behandeln.

Was ich aber in der Frankfurter Rundschau (Ausgabe vom 16.05.2008, Seite 21, "Discounter KiK muss Dumping-Lohn aufstocken") über den zu Ihrer Unternehmensgruppe gehörenden Discounter KiK lesen musste, hat in mir die Zweifel wachsen lassen, ob mein Einkaufsverhalten noch richtig ist. Wenn auch Sie Ihre Mitarbeiter gnadenlos ausbeuten, werde ich künftig auf Einkäufe bei Ihnen verzichten. Entschuldigung, aber das ganze Gerede auf Ihrer Website ("Mensch & Natur", "Umwelt & Soziales" etc.) können Sie doch vergessen, wenn Sie nicht danach handeln. Sind die Sprüche denn mehr als bloß Public Relation?

Mit unfreundlichen Grüßen
Wenn wir, die Verbraucher, solche Unternehmen auf unserem Einkaufsweg links liegen lassen, wird sich vielleicht endlich etwas ändern. Dumping-Löhne sind jedenfalls absolut inakzeptabel. Wer vorgibt, fair zu sein, muss auch faire Löhne zahlen.

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[1] justiz-online vom 14.05.2008
[2] Frankfurter Rundschau vom 16.05.2008
[3] Der Westen vom 14.05.2008
[4] Emsdettener Volkszeitung vom 14.05.2008
[5] Tengelmann


Nachtrag (01.08.2008):
Die Firma Tengelmann hat es bis jetzt nicht für nötig befunden, auf meine E-Mail und die darin geäußerte Kritik zu antworten. Folge: Ich kaufe jetzt öfter woanders ein.