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30. Mai 2008, von Michael Schöfer
Jetzt kommt's knüppeldick


Früher war hierzulande die Welt des Kapitalismus oberflächlich betrachtet noch in Ordnung. Man regte sich höchstens mal über Firmen auf, die Arbeitsplätze in sogenannte Billiglohnländer auslagerten, obwohl dieser Trend in Wahrheit nicht so stark war, wie gemeinhin vermutet wurde. Oder man schimpfte über Unternehmen, die zum Erreichen einer als maßlos übertrieben geltenden Eigenkapitalrendite Tausende von Arbeitsplätzen zu opfern bereit waren. Klassisches Feindbild: Josef Ackermann. Mittlerweile sind jedoch offenkundig sämtlich Dämme gebrochen: Bei Siemens kam ein Schmiergeld-Skandal ans Licht, der nach heutiger Kenntnis Zahlungen in Höhe von 1,3 Mrd. Euro umfasst und in den mehr als 100 Beschuldigte involviert sein sollen. Korruption hat Siemens wie ein Krebsgeschwür befallen, und die Metastasen wuchern beinahe überall. Die Lustreisen bei VW deckten menschliche Abgründe auf. Etliche Unternehmen haben nachweislich ihre Mitarbeiter bis ins Privatleben hinein bespitzelt, hier steht gegenwärtig insbesondere der Lebensmittel-Discounter Lidl am Pranger. Jetzt kommt noch der Abhör-Skandal bei der Telekom hinzu. Es sollen beim ehemaligen Staatsunternehmen nicht nur Verbindungsdaten ausgeforscht worden sein, sondern auch Bankdaten, außerdem habe die Telekom Bewegungsprofile erstellt. Was man früher gern linken Spontis unterstellte, sich an der Richtlinie "legal, illegal, scheißegal" zu orientieren, gehört inzwischen auch in deutlich betuchteren Kreisen zum Alltagsrepertoire.

Selbst Wohlmeinenden muss diese Art Kapitalismus als von Grund auf verdorben erscheinen. Nun wäre es blauäugig, den Altvorderen abgrundtiefe Ehrlichkeit anzudichten und die behäbigeren Zeiten des "Rheinischen Kapitalismus" zu verklären. Eine auf dem Egoismus der Individuen beruhende Gesellschaftsordnung neigt von jeher aus sich heraus zu schlimmen Deformationen. Bislang war es Konsens, solchen Erscheinungen durch entsprechende Kontrolle entgegenzutreten. Die Gesellschaft hat es allerdings versäumt, die Kontrollmechanismen der technischen Entwicklung anzupassen. Datenkraken wie Google gab es früher jedenfalls nicht. Und die Fülle der Daten, die über uns gespeichert sind, ist schier unüberschaubar. Logisch, dass Informationen, die ohnehin existieren, irgendwann einmal missbraucht werden. Auf dem Gutshof meinen halt viele Gutsherren, alles allein bestimmen zu können. Dass wir in einer Demokratie leben, haben einige immer noch nicht realisiert, insbesondere in der Wirtschaft (Lippenbekenntnisse zählen nicht). Es ist aber zugegebenermaßen eine allgemeine Zeiterscheinung, ethische Standards verstärkt zur Disposition zu stellen. Das fängt beim Datenmissbrauch an und hört bei der Diskussion über die Zulässigkeit von Folter auf. Grenzlinien lösen sich peu à peu auf.

Der Ruf nach strengeren Gesetzen und härteren Strafen ist sicherlich richtig, wenngleich ein bisschen billig. Die Wurzel liegt tiefer. Der Erfolgsdruck wird immer stärker. Und ein System, das, um zu überleben, dazu verurteilt ist, fortwährend Wachstum zu generieren, kann eigentlich langfristig betrachtet bloß scheitern. Kein Wunder, wenn die Handelnden diesem Druck, Grenzen zu überschreiten, schnell erliegen. Die Legitimationsbasis, auf der sie agieren, wird dabei ständig schmaler. Politiker und Manager unterliegen einem rapiden Ansehensverlust, immer weniger vertrauen den gesellschaftlichen Institutionen. Und viele bekunden, die Gerechtigkeit habe abgenommen. Zu Recht. Soll man sich darüber freuen, wenn sich das System die Legitimation selbst entzieht? Man kann das einem lachenden und mit einem weinenden Auge sehen. Selbstverständlich ist eine gerechtere Gesellschaft wünschenswert, aber bei einem Umbruch, und ich glaube, wir stehen vor einem solchen, wird das Wünschenswerte selten Realität. Stimmt etwa die These von Bundespräsident Horst Köhler ("Wir waren nahe dran an einem Zusammenbruch der Weltfinanzmärkte"), sind Verwerfungen analog zur Weltwirtschaftskrise in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr ausgeschlossen. Die daraus resultierenden Folgen sind hinreichend bekannt.

An einer grundlegenden Reform des Kapitalismus führt meines Erachtens kein Weg vorbei. Man muss hoffen, dass der Übergang ohne große Brüche geschieht. Evolution, nicht eruptive Veränderung, ist das Gebot der Stunde. Dazu müssen aber alle Beteiligten ein Mindestmaß an Vernunft walten lassen. Ob unsere Demokratie wirklich krisenfest ist, muss sich nämlich erst noch zeigen.