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21. August 2008, von Michael Schöfer
Chinesen sind keine Affen


Die Europäer haben die Demokratie erfunden, behaupten sie zumindest. Sieht man einmal großzügig darüber hinweg, dass im antiken Griechenland nur Vollbürger wahlberechtigt waren, dazu gehörten weder Sklaven noch Frauen, stimmt das womöglich. Jedenfalls hat ein Teil der Menschheit - nein, George W. Bush gehört definitiv nicht dazu - aus dieser Idee mittlerweile etwas gemacht, das sich durchaus sehen lassen kann. Allen Irrungen und Wirrungen zum Trotz (wenn Sie jetzt an George W. denken, liegen Sie goldrichtig).

Aber die Europäer sind nicht die wahren Erfinder der Volksherrschaft, genau besehen nicht einmal der Homo sapiens, denn die Demokratie findet man schon im Tierreich. Genauer gesagt bei den Affen. "Auch Affen kennen eine Art Demokratie, hat ein französisches Forscherduo beobachtet. Bei den indonesischen Tonkeamakaken gibt demnach die Mehrheit die Richtung vor, in die sich die Gruppe bewegt. Alter, Geschlecht oder Rang scheinen dabei keine Rolle zu spielen. Offenbar herrscht bei den Tonkeamakaken echte Gleichberechtigung", liest man in der Frankfurter Rundschau. [1] "Ein evolutionärer Vorzug dieser Methode der Entscheidungsfindung könnte sein, dass sie die Erfahrung und Bedürfnisse aller Gruppenmitglieder berücksichtige." Damit scheinen die Tonkeamakaken (Macaca tonkeana) sogar weiter zu sein, als es damals die alten Griechen gewesen sind. Wer hätte das gedacht, Sozialdarwinisten flippen jetzt gewiss aus.

Nur zufällig fällt diese Meldung mit dem Jahrestag des Einmarsches der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei anno 1968 zusammen. Die, die den Prager Frühling mit ihren Panzern niederwalzten, waren vielleicht Idioten, aber ganz bestimmt, wie wir jetzt wissen, keine Affen. Das würde nämlich unsere entfernten Verwandten aus der Meerkatzenfamilie zutiefst beleidigen. Chinesen sind bekanntlich ebenfalls keine Affen, lies: sie sind keine Demokraten. Das erleben wir anlässlich der Olympischen Spiele immer wieder aufs Neue. Beispiel gefällig? Um den Anschein zu wahren haben die Regierenden ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit in Peking drei offizielle Demonstrationszonen ausgewiesen.

"Spontane Demonstrationen sind nach Angaben von Sicherheitsdirektor Liu Shaowu verboten. Versammlungen sollen im Zizhuyuan-Park im Nordwesten Pekings, im Ritan-Park im Osten und im Shijie-Park im Südwesten der Stadt stattfinden. Liu hob nicht ausdrücklich hervor, dass Kundgebungen außerhalb dieser Zonen verboten seien, erklärte aber, dass Demonstranten in die Parks verwiesen werden. Demonstrationen müssen mindestens fünf Tage im Voraus angemeldet werden." [2] Besser als gar nichts, dachte man zunächst.

Doch die Chinesen haben alle hinters Licht geführt. Bisher wurden nach offiziellen Angaben 77 Anträge auf Aktionen in den Zonen eingereicht, die aber alle zurückgezogen, ausgesetzt oder nicht genehmigt wurden. Mit anderen Worten: In den offiziellen Demonstrationszonen durfte bislang keine einzige Demonstration stattfinden. "Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua erklärte, die betreffenden Bürger hätten 74 Anmeldungen selbst zurückgezogen, weil sich die zuständigen Behörden der Probleme angenommen hätten. Zwei Demonstrationsanmeldungen seien unvollständig gewesen, nur eine wurde auch formell abgelehnt." [3] Das ist buchstäblich eine olympiareife Ausrede, stellt der erstaunte Tonkeamakake fest.

Wie sich die Behörden der Probleme annehmen wird deutlich, wenn man nachfolgende Meldung liest: "Zwei alte Frauen müssen nach einer Entscheidung der chinesischen Behörden ein Jahr lang in ein Arbeitslager, weil sie während der Olympischen Spiele gegen eine Zwangsräumung protestieren wollten. Die 79-jährige Wu Dianyuan und die 77-jährige Wang Xiuying seien im Jahr 2001 ohne Entschädigung aus ihrer Häusern in Peking vertrieben worden, berichtete die Organisation Human Rights in China. Zu Olympia beantragten sie fünf Mal die Erlaubnis, dagegen zu demonstrieren. Die Behörden hätten beide daraufhin zehn Stunden lang befragt und zu einem Jahr Umerziehung durch Arbeit verurteilt. 'Wang Xiuying ist fast blind und gelähmt', sagte der Sohn einer der Frauen, Li Xuehui." [4] Kein Wunder, wenn zahlreiche Anträge - völlig freiwillig, versteht sich - "zurückgenommen" werden.

Was wird von den Spielen in Peking im Gedächtnis zurückbleiben? Nun, die äußerst seltsame Weltrekordflut im Schwimmen (insgesamt 25 Weltrekorde) und die nicht minder befremdlichen Fabelweltrekorde des Jamaikaners Usain Bolt über 100 und 200 Meter. Außerdem natürlich die von vielen erwartete Engstirnigkeit und Intoleranz des chinesischen Regimes sowie die peinlichen Ausflüchte des IOC. Nicht zuletzt die Proteste gegen die Unterdrückung in Tibet. Tja, und die lapidare Feststellung, dass 2008 nicht das Jahr des Affen war - wenigstens nicht in China.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 21.08.2008
[2] Die Welt vom 24.07.2008
[3] Frankfurter Rundschau vom 21.08.2008
[4] Die Welt vom 21.08.2008