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25. August 2008, von Michael Schöfer
Irreführende Darstellung im Weltspiegel


Das renommierte ARD-Magazin "Weltspiegel" gehört seit Jahren zu den wenigen Sendungen, die ich mir regelmäßig ansehe. Gestern, am 24. August 2008, wurde darin unter anderem über die Pilgerreise von zwei Iranerinnen in den Irak berichtet ("Iran - Irak: Pilger im Krieg"). Das südirakische Kerbela ist bekanntlich der bedeutendste Wallfahrtsort der Schiiten, denn im Stadtzentrum befindet sich die Grabmoschee Husseins, eines Enkels des Propheten Mohammed, der hier im Jahr 680 n. Chr. in einer Schlacht getötet wurde. Bei den beiden Frauen handelte es sich um die Witwe Zeinab, die ihren Mann im Irak-Iran-Krieg (1980-1988) verloren hat, sowie um deren Tochter Zahra. Normalerweise sind die Auslandsreportagen des Weltspiegel so informativ wie ausgewogen, billige Feindpropaganda findet man dort nicht. Umso mehr war ich überrascht, als die ARD-Korrespondentin Golineh Atai in ihrem Beitrag den Beginn des Irak-Iran-Krieges irreführend darstellte.

Wörtlich heißt es in der Reportage: "Iran führte einen gnadenlosen Krieg gegen den Irak. (...) Acht Jahre kämpften Iran und Irak einen ergebnislosen Stellungskrieg. Eine halbe Million Iraner kamen um, vielleicht mehr. (...) Sie alle starben für den Traum, die heiligen Stätten der Schiiten in Kerbela von Saddam Hussein zu befreien." [1] Das ist zwar nicht gelogen, es entsteht aber beim unbedarften Zuschauer durch die Unterschlagung von entscheidenden Informationen der falsche Eindruck, der Iran habe seinerzeit einen Angriffskrieg gegen den Irak begonnen. Dem Zuschauer wird nämlich suggeriert, die Aggression sei vom Iran ausgegangen, um "die heiligen Stätten der Schiiten zu erobern". Jedenfalls empfand ich das so.

Leider verlor Golineh Atai kein Wort darüber, dass in Wahrheit der irakische Diktator Saddam Hussein der Aggressor war, der den Krieg "am 22. September 1980 (...) mit massiven Luftschlägen auf iranische Flughäfen der Städte Teheran, Täbris, Kermanschah, Ahvaz, Hamadan und Dezful" entfachte. "Gleichzeitig rückte die irakische Armee mit insgesamt 100.000 Mann an drei Stellen (...) über die iranische Grenze in die erdöl- und erdgasreiche Provinz Chuzestan vor." [2] Eine Tatsache, die man keinesfalls unerwähnt lassen sollte. Zur ersten größeren Gegenoffensive des Iran kam es im Januar 1981. Und erst am 27. März 1982 startete der Iran eine Offensive, in der er dann tatsächlich das Ziel verfolgte, die heiligen schiitischen Stätten Kerbela und Nadschaf zu "befreien". Im Rahmen dieser Operation haben die iranischen Truppen am 13. Juli 1982 erstmals (!) die irakische Grenze überschritten, also knapp zwei Jahre nach Beginn des Krieges. Dennoch, aus der Sicht des Iran war es ursprünglich ein Verteidigungs-, kein Eroberungskrieg.

Nicht zuletzt durch die Politik des Iran (Atomprogramm) ist die internationale Lage gegenwärtig äußerst angespannt, man hat bereits mehrfach befürchtet, die USA und/oder Israel könnten militärisch gegen den Iran vorgehen. Gerade deshalb sollten Journalisten präziser formulieren, um von vornherein Missverständnisse zu vermeiden. Es geht nicht darum, den Iran, weltweit einer der schlimmsten Verletzer von Menschenrechten, in Schutz zu nehmen, sondern lediglich um die korrekte Darstellung von Sachverhalten. Es ist bestimmt wenig hilfreich, durch derart irreführende Reportagen ohnehin bestehende Feindbilder noch zu verstärken. Schade, dass der Weltspiegel diesmal den eigenen Ansprüchen ("Garant für journalistische Qualität") nicht gerecht wurde.

Nachtrag (24.09.2008):
Die Autorin des Beitrags, Golineh Atai, schickte mir folgende E-Mail, die ich hier gerne wiedergebe:

"Auf langen Umwegen erreichte mich Ihre Kritik an einem Weltspiegel-Beitrag von mir. Entschuldigen Sie die späte Antwort. Erst einmal danke, dass Sie die Sendung verfolgt haben/verfolgen! Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass ein Satz wie "...damals führte der Iran einen gnadenlosen Krieg gegen den Irak" etwas suggerieren könnte, dass faktisch nicht stimmt. Das war aber nicht meine Absicht. Natürlich führte auch der Irak einen gnadenlosen Krieg gegen den Iran, und historisch unbestreitbar ist, dass 1980 der Irak den Iran angegriffen hat. Gnadenlos war dieser Krieg insofern, als von iranischer Seite Kindersoldaten eingesetzt wurden, und von irakischer Seite Chemiewaffen.

Übrigens: Es gibt historische Quellen, nach denen Saddam Hussein den iranischen Botschafter in Bagdad Monate vor dem Angriff auf eine mögliche Eskalation aufmerksam gemacht hatte. Die Warnungen des damaligen Botschafters in Teheran seien von Ayatollah Khomeini nicht ernst genommen worden.

Ich hoffe, Sie schauen weiterhin aufmerksam den "ARD-Weltspiegel". Wir freuen uns jedenfalls immer über Feedback und diskutieren darüber rege, und das ist auch in ihrem Fall geschehen."

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[1] ARD, tagesschau.de
[2] Wikipedia, Erster Golfkrieg