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30. Oktober 2008, von Michael Schöfer
Es gibt keinen Grund zur Selbstgerechtigkeit

Wie dumm darf man im Kapitalismus eigentlich sein? Hochbezahlte Bank-Manager haben offenbar ihre eigenen Produkte nicht mehr verstanden, und bei den Hedgefonds wird das dicke Ende wohl erst noch kommen. Die Politiker öffneten dafür, unterstützt von der Crème de la Crème der Ökonomieprofessoren, bereitwillig Tür und Tor. Stichwort: Deregulierung. Warnungen von Attac & Co. haben offenkundig nichts gefruchtet. Die Krise wäre, bei rechtzeitigem Handeln, durchaus vermeidbar gewesen. Genauso geht es momentan der Automobilindustrie. Kritiker haben sich buchstäblich den Mund fusselig geredet: die Fahrzeuge seien zu teuer, zu schwer, zu schnell und zu durstig. Genutzt hat es wenig - wie bei den Banken. Jetzt haben die Hersteller den Salat (Absatzeinbrüche) und rufen Väterchen Staat zu Hilfe. Endlich sind sie aufgewacht - leider mindestens 15 Jahre zu spät (Greenpeace stellte bereits 1996 ein Auto vor, das bei 90 km/h weniger als drei Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht). Die Autozulieferer fordern einen staatlichen Hilfsfonds, die Bundesregierung plant eine Steuerbefreiung für schadstoffarme Neuwagen, darüber hinaus soll die EU 40 Mrd. Euro für die Entwicklung von umweltfreundlichen Fahrzeugen locker machen. Das sind die Milliarden, die der Staat aufgrund der ständigen Unternehmenssteuersenkungen eigentlich gar nicht besitzt. Es hat den Anschein, als ob der Kapitalismus nur etwas für Dumme, Ignoranten und eitle Blender ist.

Doch es gibt keinen Grund zur Selbstgerechtigkeit, ausschließlich die anderen zu verurteilen ist vollkommen unangebracht. Wie haben wir etwa Josef Ackermann für das Anpeilen von 25 Prozent Eigenkapitalrendite gehasst - aber haben wir ihn nicht auch ein bisschen dafür bewundert, als er sein Ziel tatsächlich (wenigstens in den zurückliegenden Jahren) erreichte? Jetzt echauffieren wir uns über die maßlose Gier der Manager, doch vor dem Platzen der Internet-Blase wollte selbst der kleine Mann auf der Straße durch Aktienspekulation schnell reich werden. Die Welt war voll von Möchtegern-Investoren. Heute lachen wir darüber, aber viele wähnten sich damals durch den Kauf von EM.TV-Aktien schon auf dem sicheren Weg zum Millionär. Bundesschatzbriefe waren in dieser Zeit so erotisch wie Feinripp-Unterwäsche - nämlich gar nicht. Und beim Autokauf konnten die Vehikel nicht flott und luxuriös genug sein, wer es sich leisten konnte fuhr lieber die S-Klasse oder den Roadster von BMW, als einen dem eigenen Image abträglichen Kleinwagen. Protzen mit dem Gaspedal war eben in. Bei Wahlen kreuzten wir mehrheitlich die "blühenden Landschaften" an, der Kritiker der Währungsunion (Oskar Lafontaine) schmierte dagegen mit 33,5 Prozent (noch immer das schlechteste SPD-Wahlergebnis seit 1957) förmlich ab, obgleich er am Ende recht behielt. So schlimm traf es später nicht einmal den Agenda-Schröder. Mit anderen Worten: Wir sind irgendwie selbst schuld an der Misere. Die Deppen, Verzeihung, sitzen nicht bloß in den Vorständen und den Parteizentralen. Zu den Blendern gehören notwendigerweise auch jene, die sich willig blenden ließen. Jede Medaille hat zwei Seiten.

Was lernen wir daraus? Wir dürfen es uns nicht zu einfach machen. Wenn wir die Verantwortung allein in den Manager-Etagen suchen und nicht auch ein bisschen bei uns selbst, wird sich kaum etwas ändern. Wer lukrative - und zudem ziemlich riskante - Zertifikate erwirbt, weil ihm zweieinhalb Prozent auf dem Tagesgeldkonto zu popelig sind, braucht sich nicht zu wundern. Die Krise wird irgendwann vorübergehen. Logisch, so war es bislang immer. Aber danach spukt etlichen bestimmt bereits die nächste Börsenrallye in den Köpfen herum. Wenn Murphys Gesetz zutrifft, "Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen", kommt es eines Tages tatsächlich zum Kollaps des Kapitalismus (heute sind wir davon nicht allzu weit entfernt). Ob dabei allerdings etwas Besseres herauskommt, ist äußerst fraglich. Die "Failed States" sind uns unter Umständen näher als Utopia.