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05. Januar 2009, von Michael Schöfer
Der unvermeidliche Herr Sinn


Das Regierungsprogramm von Union und SPD "wird die Konjunktur eher dämpfen und vorläufig kaum neue Arbeitsplätze schaffen", prophezeite Hans-Werner Sinn, der Präsident des ifo-Instituts, Ende 2005. [1] Es kam bekanntlich anders. "Die Konjunktur in Deutschland steht auf einem soliden Fundament. Der Arbeitsmarkt profitiert von der guten Konjunktur", rühmte sich die Bundesregierung im August 2007. [2] Sinn widersprach nicht, obgleich er gut eineinhalb Jahre zuvor genau das Gegenteil vorhergesagt hatte. "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern", mag er wohl gedacht haben.

"Wir sind in einer fantastischen, tollen Situation, in der die großen Kontinente gleichzeitig im Aufschwung sind. Das hat man selten", frohlockte Sinn nun ebenfalls. Der Aufschwung sei robust, werde sich über 2008 hinaus fortsetzen und mit etwas Glück sogar bis zum Ende des Jahrzehnts andauern, urteilte er enthusiastisch. [3] Sein Pech: Inzwischen ist abermals genau das Gegenteil eingetreten, alle großen Volkswirtschaften befinden sich gleichzeitig im Abschwung. Das hat man selten, in der Tat: Zweimal voll daneben. Doch für unzutreffende Prognosen ist der ifo-Chef bekannt. Nur die Presse hat das offenbar noch nicht bemerkt, sie bezeichnet ihn nach wie vor als einen "der renommiertesten Ökonomen des Landes" (WirtschaftsWoche) oder gar als "klügsten Wirtschaftsprofessor Deutschlands" (BILD). Immer wieder darf er dort seine "Weisheiten" an den Mann respektive die Frau bringen.

"Die deutsche Wirtschaft steht vor der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte. Auch für das Jahr 2010 sehen wir noch keinen Aufschwung", versichert uns Hans-Werner Sinn jetzt. Wie immer dramatisiert der Spiegel: "Ifo-Chef Sinn sagt zwei Jahre Eiszeit voraus." [4] Heute schlägt sich Hans-Werner Sinn zur Abwechslung mal wieder auf die Seite der Schwarzmaler, sozusagen von Wolke sieben (fantastische, tolle Situation) direkt in den Kohlenkeller (schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte). Wie dumm, dass er die Krise erst registrierte, als sie ihm sozusagen schon auf den Füßen herumtrampelte. Naja, dann ist es auch leicht...

Aber gegen die Krise muss man doch etwas unternehmen, oder nicht? Richtig, bloß was? Konjunkturprogramme vielleicht? Schlag nach bei Sinn: Er favorisiert Steuersenkungen, um den Konsum anzufachen. Steuersenkungen hätten laut Sinn den Vorteil, dass sie angeblich "auf breiter Front" wirken und dem Verbraucher mehr Geld in der Tasche lassen. [5] Ob Steuersenkungen in der aktuellen Situation wirklich helfen, ist heftig umstritten. Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um die fortwährenden Meinungsänderungen des Herrn Sinn.

Vor kurzem war er nämlich noch felsenfest davon überzeugt: "Konsum ist schädlich für das wirtschaftliche Wachstum und unnötig für die Konjunktur. Der derzeitige Boom der deutschen Wirtschaft ist der beste Beweis dafür, dass es für eine gute Konjunktur auf eine sofortige Erhöhung der Konsumgüternachfrage gar nicht ankommt." [6] Oder: "Obwohl der Konsum stagnierte, ging die Post ab." [7] Aha! Zu diesem Zeitpunkt wurde um Lohnforderungen der IG Metall gestritten. Und hohe Löhne waren für Sinn von jeher Teufelswerk, zumindest früher galt er als eifriger Verfechter von Lohnsenkungen. Beispiele gefällig? "Die Stellen fehlen, weil Gewerkschaften und Sozialstaat die Löhne zu rabiat hochgetrieben haben." [8] "Wir haben die Wahl zwischen zwei Übeln: Entweder chaotische Verhältnisse, die sich mit weiter zunehmender Massenarbeitslosigkeit einstellen, oder nachgebende Löhne, was für viele fallende Einkommen bedeutet." [9]

Plötzlich, im Angesicht der der größten Finanzkrise seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, soll der Konsum angefacht werden. Gilt jetzt nicht mehr, dass Konsum wachstumsschädlich und für die Konjunktur unnötig ist? Offenbar, aber diese Kehrtwende ist für ökonomische Laien schwer nachvollziehbar. Warum ist jetzt mit einem Mal richtig, was vor fast zwei Jahren noch absolut schädlich war? Von Lohnsenkungen ist auch keine Rede mehr, vielmehr kann sich Sinn - oh Wunder! - durchaus mit mehr Geld in den Taschen der Verbraucher anfreunden. Eben wie man es gerade braucht. (Meiner Meinung nach war mehr Geld in den Taschen der Verbraucher zur Stimulation der Nachfrage schon immer unverzichtbar.)

By the way, um Meinhard Miegel, einen anderen "Experten", der ehedem zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die allgemeine Senkung der Bruttolöhne um ein Drittel (!) empfahl, ist es merkwürdig ruhig geworden. Eine generelle Senkung des Lohnniveaus um ein Drittel wäre augenblicklich bestimmt die richtige Medizin zur Gesundung der Weltwirtschaft. (Achtung: Ironie!)

Konjunkturprogramme gelten beim ifo-Chef eigentlich generell als Strohfeuer - wenigstens hierzulande. Insbesondere, wenn sie dem Konsum zugute kommen. Dafür kann er sich andernorts kurioserweise umso mehr für sie erwärmen. Das Konjunkturprogramm, das die USA Anfang 2008 aufgelegt haben, wurde von ihm in den höchsten Tönen gelobt. "Diese Steuersenkung beläuft sich auf ein Prozent des amerikanischen Sozialprodukts, was eine wirklich beeindruckende Größenordnung ist." [10] Ups, obgleich von den insgesamt 150 Mrd. US-Dollar beachtliche 100 Mrd. in Form von Steuerschecks in den Konsum geflossen sind? Finanziert über Schulden! Das Leben ist voller Überraschungen.

Dabei hat er als einen Auslöser der Finanzkrise die mangelnde Sparneigung der amerikanischen Konsumenten entdeckt. Mit anderen Worten: Das "Leben auf Pump". "Viele Jahre haben die USA über ihre Verhältnisse gelebt, mit einer Sparquote der Haushalte nahe bei Null und Investitionen, die fast ausschließlich vom Ausland finanziert worden sind", beklagt der Münchner Prof. Dr. Dr. h.c. [11] "Amerika befindet sich in einer grundlegenden Krise. Sie haben sich einen Konsumstandard erlaubt, der gar nicht real gedeckt war." [12]

Vor vier Jahren, in einem Spiegel-Streitgespräch mit seinem Kollegen Peter Bofinger, hat sich das Ganze - typisch Sinn - allerdings noch ein bisschen anders angehört:

"SPIEGEL: Man kann, wie das Beispiel der USA zeigt, die Konjunktur auch anders ankurbeln, durch niedrige Zinsen und hohe Staatsausgaben. Was halten Sie davon, Herr Sinn?

Sinn: Natürlich geht das. Die Amerikaner haben durch Schuldenmachen einen Nachfrageschub von zwei Prozent des Weltsozialprodukts erzeugt." [13]

Damals galt noch: "Die US-Verbraucher sind die wichtigste Stütze der Weltkonjunktur." Im Februar 2004 führte der als "Vorzeigeökonom" titulierte Hans-Werner Sinn ein Gespräch mit dem Schweizer Tages-Anzeiger.

Frage: "Worauf gründet Ihr Optimismus hinsichtlich der Weltwirtschaft?"

Antwort: "Vor allem auf der extrem expansiven Politik in den USA. Die amerikanische Notenbank hat den Leitzins auf das historische Tief von 1 Prozent gesenkt, und gleichzeitig hat der Staat ein gewaltiges Budgetdefizit angehäuft. Noch vor drei Jahren lag der Budgetsaldo bei plus 1,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts, letztes Jahr aber bei minus 6 Prozent. In absoluten Zahlen entspricht dies einer Differenz von rund 700 Milliarden Dollar. Um diesen Betrag hat der amerikanische Staat das jährliche verfügbare Einkommen der Privathaushalte erhöht. Das sind etwa 2,5 Prozent des Weltsozialprodukts - ein so gigantisches Konjunkturprogramm hat es noch nie gegeben. Die Wirkungen sind schon spürbar: Wir erwarten in diesem Jahr ein Wachstum in den USA von über 4 Prozent." [14]

Das Leistungsbilanzdefizit sei zwar "in der Tat eine latente Gefahr für die Weltwirtschaft, allerdings keine neue".

"Das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA und ein neuer Pessimismus in Großbritannien stören das Bild zwar noch etwas, aber die retardierenden Momente fallen vermutlich weniger stark ins Gewicht, zumal es sich hier teilweise um längerfristige, strukturelle Phänomene handelt, die mit der Konjunkturentwicklung wenig zu tun haben." [15] So, so... Echte Besorgnis klingt anders. Von einer "grundlegenden Krise" Amerikas jedenfalls kein Wort.

Übrigens, Christian Rickens, ein Redakteur des manager-magazins, sah das fast zur gleichen Zeit etwas kritischer: "Pessimisten fürchten, dass Asien aufhören könnte, das amerikanische Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren. Dadurch würde die Zinsbelastung für die USA deutlich steigen. Oder die Spekulationsblase am US-Immobilienmarkt könnte platzen. Jedes dieser Ereignisse würde ausreichen, um die USA in eine Rezession zu stürzen - und womöglich den Rest der Welt mitzureißen." [16] Letzteres ist dann ja auch eingetreten. Aber Rickens hat schließlich "bloß" ein Studium der Journalistik und Wirtschaftspolitik in München und an der London School of Economics absolviert. Was ist das im Vergleich zum "klügsten Wirtschaftsprofessor Deutschlands"? Nichts!

Man könnte die Aufzählung von Beispielen über die Irrtümer des Hans-Werner Sinn gewiss noch lange fortsetzen, doch das würde jeden vertretbaren Rahmen sprengen. Um nicht missverstanden zu werden: Irren ist menschlich. Und es gibt niemanden, den Autor dieser Zeilen inbegriffen, der frei von Irrtümern wäre. Was mich am Präsident des ifo-Institutes stört, ist seine Neigung, in jeder beliebigen Situation mit dem vollen Brustton der Überzeugung - so, als habe er es schon immer gesagt - eine geschickt der jeweiligen Lage angepasste Erklärung abzugeben und mit provozierender Nonchalance über seine früheren Fehlleistungen hinwegzugehen. Natürlich könnte er uns alles näher erläutern. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir einfach zu wenig Durchblick haben. "Ich kenne das Argument. Es ist ökonomisch nicht haltbar und beruht auf einer Unkenntnis ökonomischer Wirkungsmechanismen", hält er anderen gerne entgegen. [17] Tja, zur unbestrittenen Sachkenntnis gesellt sich bei Herrn Sinn halt auch noch die ihm wesenseigene Bescheidenheit.

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[1] Berliner Morgenpost vom 15.11.2005
[2] Bundesregierung vom 28.08.2007
[3] Der Tagesspiegel vom 25.06.2007
[4] Spiegel-Online vom 05.01.2009
[5] Focus vom 27.02.2008
[6] ifo-Institut, Gefahr für den Aufschwung, Beitrag für die WirtschaftsWoche vom 19.03.2007
[7] ifo-Institut, Lohnerhöhung ist Gewinnsenkung, Beitrag für die Abendzeitung vom 28.03.2007
[8] Stern Nr. 12/2005, Streitgespräch mit Gustav Horn, Seite 57, PDF-Datei mit 435 kb
[9] ifo-Institut, Professoren uneins über Lohnsenkungen, Süddeutsche Zeitung vom 07.03.2005
[10] ifo-Institut, Die Party ist vorbei, 18. März 2008
[11] ifo-Institut, Die Party ist vorbei, 18. März 2008
[12] Reuters vom 05.11.2008
[13] Spiegel vom 06.12.2004
[14] ifo-Institut, Abwerten kann die EZB auch alleine, Gespräch mit dem Tagesanzeiger, 14.02.2004
[15] ifo Presse Mitteilung vom 24.06.2003, Zur Konjunkturentwicklung 2003/2004, PDF-Datei mit 53 kb
[16] manager magazin 7/2005 vom 24.06.2005, Seite 134
[17] vdi-Nachrichten vom 19.12.2008