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12. Januar 2009, von Michael Schöfer
Israel, um Himmels willen, Israel...


...lautet der Titel eines Buches des Schriftstellers Ralph Giordano. Das möchte man heute erneut ausrufen, denn die brutale Realität in Nahost hat nicht nur auf Seiten der Araber zu gesellschaftlichen Deformationen geführt (die wir heute u.a. in Form der Hamas erleben), die einzige Demokratie im Nahen Osten ist mittlerweile ebenfalls deformiert. "Brecht ihnen die Knochen", soll der 1995 ermordete Jitzchak Rabin gesagt haben. Gemeint waren die palästinensischen Steinewerfer der ersten Intifada. Rabins Soldaten nahmen seinen Auftrag ernst, gefesselte Palästinenser bekamen tatsächlich mit Steinen die Knochen gebrochen. Und die Welt schaute dabei via Fernsehen zu. [1] Israel, das sich gerne als Opfer der arabischen Aggression präsentiert (was leider stimmt), ist alles andere als ein Unschuldslamm. Israel ist durch seine Besatzungspolitik nämlich selbst zum Täter geworden. Der Hass im Nahen Osten ist daher - man ist fast versucht zu sagen: gerecht - auf beide Seiten verteilt. Der Journalist Gideon Levy hatte den heutigen Verteidigungsminister Israels, Ehud Barak, vor etwa 10 Jahren gefragt, was er tun würde, wäre er als Palästinenser geboren worden, und Barak antwortete offen: "Ich würde mich einer Terrororganisation anschließen." [2] Das sagt alles.

Der Stolz Israels, die einzige Demokratie der Region zu sein, bekommt langsam Kratzer. Einen Monat vor der Parlamentswahl hat jetzt das Wahlkomitee die arabischen Parteien von der Wahl ausgeschlossen. Begründung: Sie würden den Terrorismus unterstützen. "Sowohl die Partei Balad als auch die vereinigte arabische Liste Ta'al sollen an der Abstimmung nicht teilnehmen - so hat es am Montag das zentrale Wahlkomitee mit deutlicher Mehrheit beschlossen." [3] 20,1 Prozent der israelischen Bevölkerung sind arabischer Herkunft, die meisten davon israelische Staatsbürger. [4] Der Beschluss, die arabischen Parteien von der Wahl auszuschließen, ist nicht nur absolut demokratiewidrig, er ist auch zutiefst rassistisch. Das, was Israel immer vorgeworfen wird, es betreibe insgeheim eine Politik der Apartheid, stimmt offensichtlich. Denn wer seine Staatsbürger in einen jüdischen (= guten) und einen arabischen (= schlechten) Teil spaltet und Letzteren mit minderen Rechten versieht, ist - ob er es will oder nicht - de facto rassistisch. Ein Rassist ist, wer rassistisch handelt. Ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, in der Israel wegen seines Vorgehens im Gazastreifen weltweit auf Kritik stößt, derart offen sämtliche demokratische Prinzipien zu verletzen, stellt darüber hinaus einen propagandistischen Rohrkrepierer ersten Ranges dar. Sympathien, Qassam-Raketen hin oder her, gewinnt man so jedenfalls keine.

Israel, um Himmels willen, Israel... Ja, was ist aus dir geworden? Betrachtete man früher den Kampf ums Überleben mit großem Wohlwollen (für den Teilungsbeschluss stimmten 33 Mitglieder der UN-Vollversammlung, darunter sogar die Sowjetunion), ist man heute mehr und mehr angewidert. Das ist schon lange nicht mehr das Land der Kibbuzim, das hehre Ideale verwirklichen will. Militärisch mag Israel stark sein, moralisch ist es angeschlagen (damit will ich nicht sagen, dass die Moral auf Seiten der Hamas wäre). Israel muss endlich anerkennen, dass Araber, egal ob innerhalb oder außerhalb der eigenen Staatsgrenzen, so wie alle anderen Menschen unveräußerliche Menschenrechte besitzen (die Araber müssen natürlich ihrerseits die Rechte der Israelis anerkennen). Israel bewegt sich ohnehin, was die Sympathien der Welt angeht, auf ziemlich dünnem Eis. Ein mehr und mehr rassistisch handelndes Israel könnte deshalb bald einbrechen. Die Frage ist: Gibt es dann noch jemand, der hilfsbereit seine Hand ausstreckt?

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[1] siehe YouTube
[2] Frankfurter Rundschau vom 05.01.2009
[3] Spiegel-Online vom 12.01.2009
[4] Wikipedia, Israel, Arabische Minderheit