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16. Januar 2009, von Michael Schöfer
Gigantischer Konjunkturbeitrag soll nicht verpuffen


Liebe Bundesregierung,

ich verspreche hoch und heilig, dass ich das Geld, das ich durch das Konjunkturpaket II von Euch bekomme (vom ersten haben ja nur die Banken profitiert), NICHT sparen werde. Meine Sparquote soll gleich bleiben, ich will nämlich die Volkswirtschaft unterstützen. Das ist, wie wir allabendlich der Tagesschau entnehmen müssen, bitter notwendig. Nach Berechnungen, die der Bund der Steuerzahler veröffentlicht hat (Ihr wisst schon, das sind die mit der rasant tickenden Schuldenuhr), darf ich in diesem Jahr mit einer Entlastung von ungefähr 170 Euro rechnen. [1] Ich werde also die 14,16 Euro, die ich monatlich mehr in der Tasche habe, komplett ausgeben. Versprochen ist versprochen. Ja, so bin ich halt, vollkommen uneigennützig und Tag und Nacht ans Bruttoinlandsprodukt denkend.

Wahrscheinlich lade ich meine Freundin zu einer Pizza Calzone ein, dann bleiben sogar noch 1,16 Euro für ein Cola Light übrig. Da allerdings ein Teil der Entlastung erst im Juli wirksam wird (Senkung der Krankenkassenbeiträge), hoffe ich, dass die Abhol-Pizzeria bis zum Sommer ohne meinen gigantischen Konjunkturbeitrag überleben kann. Grund: Bis dahin muss ich mich wegen dem doofen Gesundheitsfonds einschränken. Ganz kluger Schachzug von Euch, mir erst ein paar Euro mehr aus der Tasche zu ziehen, um sie anschließend unter großem Tamtam mit Hilfe eines "historisch einmaligen" Konjunkturpakets zurückzugeben. Ihr habt wirklich gute PR-Berater. Wie machen die das bloß? Wo lernt man so etwas? Auf der London School of Economics and Political Science?

Ihr versteht hoffentlich, dass ich mich für die Wirtschaft nicht verschulden möchte. Schulden sind ganz großes Igitt, das habt Ihr uns immer gepredigt. Mein Ministerpräsident, der Herr Oettinger, will deshalb ein gesetzliches Verschuldungsverbot erlassen. Ich weiß gar nicht, wie er die vielen Banken hätte retten können und die Wirtschaft ankurbeln würde, wenn es das Verbot heute schon gäbe. Egal, ich bin jedenfalls, obgleich kein Schwabe, absolut schuldenfrei. Noch besser: Ich habe keinerlei faule Kredite in meinen Büchern. Ehrlich. Okay, von den Banken werdet Ihr, was das angeht, gewaltig angelogen (oder ist die Wahrheit zu schrecklich, um sie in BILD zu veröffentlichen?). Mir könnt Ihr hingegen, offenbar anders als den Ackermännern, total vertrauen. Aus weiser Voraussicht habe ich mich weder auf dem amerikanischen Immobiliensektor engagiert noch mit Credit Default Swaps spekuliert. Eine Bad Bank braucht Ihr demzufolge zumindest wegen mir nicht zu gründen. Jetzt fällt Euch gewiss ein Stein vom Herzen.

Ach, und zum Schluss, bevor ich's vergesse, noch eine kleine Bitte: Könnt Ihr vielleicht meinem Energieversorger sagen, er soll ebenfalls ein bisschen großzügiger sein und seine Preise senken? Ja? Damit wäre mir enorm geholfen. Vor der Heizkostenabrechnung, die demnächst bei mir eintrudeln wird, habe ich verständlicherweise große Angst. Vor der Nebenkostenabrechnung genauso. Überhaupt mein Vermieter, für den scheint es gar keine Krise zu geben, der schlägt auf, als hätten wir ununterbrochen Hochkonjunktur. Lässt sich da was machen? Das sind doch alles konjunkturschädliche Einflüsse. Bestimmt wäre es Euch unangenehm, wenn ich die 14,16 Euro dem Energieoligopol in den Rachen werfen müsste, anstatt damit in der Pizzeria brav die Wirtschaft anzukurbeln. Auch bei meinem Arbeitgeber, dem oben genannten Herrn Oettinger, solltet Ihr ein gutes Wort für dessen Beschäftigte einlegen. Es kann doch nicht sein, dass der gute Mann freigiebig mit etlichen Milliarden seine marode Landesbank unterstützt, aber 100 Euro mehr Gehalt für eine Krankenschwester angeblich den Landeshaushalt überfordern. Zugegeben, wenn die Krankenschwester ihre Patienten so behandeln würde, wie der Vorstand der LBBW arbeitet...

Ich muss jetzt leider aufhören, weil ich bereits jetzt genau planen werde, wie ich die monatlich 25 Euro, die ich 2010 mehr in der Tasche habe, sinnvoll ausgebe. Man kann ja nicht immer nur Pizza essen.

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[1] Bund der Steuerzahler, Berechnungen zum Konjunkturpaket II, PDF-Datei mit 357 kb