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27. Januar 2009, von Michael Schöfer
Gute Deflation?


Die Inflationsgefahr ist wegen der Wirtschaftskrise vorerst gebannt, das erkennt neuerdings - oh Wunder - selbst die Europäische Zentralbank, die sonst überall Risiken für die Geldwertstabilität wittert. Momentan machen sich viele um deflationäre Tendenzen Sorgen. Was ist überhaupt Deflation?

Deflation ist ein "Prozeß ständiger Preisniveausenkungen. Sie entsteht, wenn (...) die Gesamtnachfrage geringer ist als das gesamtwirtschaftliche Angebot. Der (...) Anpassungsprozeß hin zu einem neuen Gleichgewicht geschieht über Preissenkungen. Da diese in der Regel mit Einkommenssenkungen und mit Entlassungen von Arbeitskräften verbunden sind, kommt es zu weiteren Nachfragerückgängen." [1] Es entsteht ein Teufelskreislauf, der nur noch schwer zu durchbrechen ist:

Geringe Nachfrage > Warenüberhang > Preisnachlässe > Kaufzurückhaltung (in Erwartung weiter sinkender Preise) > schrumpfende Umsätze und Gewinne > sinkende Investitionen (wegen fehlender Gewinnerwartungen) > drastische Kostenreduzierungen (Entlassung von Arbeitnehmern) > höhere Arbeitslosigkeit > geringere Nachfrage.

Eine Deflation, ist sie erst einmal ausgebrochen, setzt sich in der Wirtschaft deshalb so hartnäckig fest, weil die Chancen der Politik, sie mit gezielten Interventionen wieder los zu werden, äußerst begrenzt sind. Die Deflation begünstigt nämlich, im Gegensatz zur Inflation, die Vermögensbesitzer, da Geldvermögen bei sinkenden Preisen im Wert ständig steigen. Demgegenüber sind Schuldner benachteiligt, da kreditfinanzierte Sachwerte fortwährend an Wert verlieren. Die Wirtschaftssubjekte verspüren also immer weniger Neigung zum Geldausgeben und, insbesondere wegen voraussehbar sinkender Nachfrage, zum Investieren.

Unter diesem Umständen können selbst rigorose Zinssenkungen der Zentralbanken, die die Wirtschaft ankurbeln sollen, wirkungslos verpuffen. Und es gibt diesbezüglich eine absolute Wirksamkeitsgrenze: Unter null Prozent können die Zinsen logischerweise gar nicht fallen. Sollten die Preise also bei faktischer Nullzinspolitik dennoch weiter sinken, weil selbst bei diesen - im Normalfall exzellenten - Konditionen nicht genügend Kredite zur Ankurbelung der Wirtschaft aufgenommen werden, ist die Geldpolitik am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt.

Japan durchläuft seit Anfang der neunziger Jahre eine Deflationsphase, die einfach nicht enden will (siehe Grafik).


[Quelle: Wikipedia, CC BY-SA 3.0-Lizenz, Urheber: Alex1011
Hervorhebung mit Hilfe des Balkens durch den Autor]


Darf man sich als Verbraucher auf die Deflation sogar freuen, wie es etwa der Artikel "Die gute Deflation" suggeriert? [2] Wohl kaum. Zwar sind zurückgehende Preise für den Verbraucher (auf der Ausgabenseite) durchaus vorteilhaft, doch als Arbeitnehmer (also auf der Einnahmeseite) dürfte er wiederum beträchtlich unter sinkenden Löhnen zu leiden haben. Noch schlimmer: Eine Deflation kann die Arbeitslosigkeit drastisch steigern. "Die letzte große weltweit wirksame Deflation gab es in der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre. Verantwortlich dafür waren die Überproduktion nach dem Ersten Weltkrieg, der Schwarze Donnerstag an den US-Börsen und die verfehlte Politik der US-Notenbank, die die Geldmenge um 30 % senkte." [3]

Die Auswirkungen der "Große Depression" waren verheerend: "Durch den Zusammenbruch der Wirtschaft waren 1932 rund 25 % aller US-Amerikaner arbeitslos, also etwa 15 Millionen Menschen; vor der Wirtschaftskrise lag die Arbeitslosigkeit bei 9 %. Ein Großteil arbeitete in schlecht bezahlten, prekären Arbeitsplätzen, um sich und die Familie über Wasser zu halten: Die Durchschnittslöhne fielen um 60 %. Das landwirtschaftliche Einkommen war um 50 % gefallen." [4] "Die Auswirkungen in den USA waren besonders für die Bauern katastrophal. Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte fielen von 1929 bis 1933 um fünfzig Prozent, wodurch zehntausende Bauern ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten und ihr Land verloren." [5] Welche Not daraus resultierte, hat der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck in seinem Roman "Früchte des Zorns" eindrucksvoll beschrieben.

So vergleichsweise harmlos wie in Japan muss es also nicht immer abgehen. Es ist daher besser, erst gar keine Deflation entstehen zu lassen.

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[1] Humboldt-Wirtschaftslexikon, München 1990, Seite 98
[2] Frankfurter Rundschau vom 23.01.2009
[3] Wikipedia, Deflation
[4] Wikipedia, Great Depression, Soziales
[5] Wikipedia, Weltwirtschaftskrise, Arbeitsmarktsituation