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16. Februar 2009, von Michael Schöfer
"Umweltprämie" ist ein Euphemismus


Ärgern Sie sich auch über den als "Umweltprämie" deklarierten Zuschuss zum Autokauf? Nein? Sollten Sie aber, denn der Neuwagen muss zwar mindestens die demnächst veraltete Euro 4-Abgasnorm erfüllen, auf seinen Benzinverbrauch - sprich CO2-Ausstoß - kommt es dabei überhaupt nicht an. Selbst wenn das neue Auto dreimal mehr Kohlendioxid emittiert als das alte, erhält man trotzdem problemlos die "Umweltprämie". Das ist, jedenfalls unter Umweltgesichtspunkten, vollkommen widersinnig.

Vor allem, wenn man sich die jüngsten Horrormeldungen zu Gemüte führt. Nein, es betrifft ausnahmsweise einmal nicht die Finanzkrise, sondern die besorgniserregende Nachricht über den unerwartet schnell wachsenden anthropogenen (vom Menschen verursachten) CO2-Ausstoß. Klimaforscher Chris Field von der Stanford-University in Kalifornien (USA) weist darauf hin, "dass sich die CO2-Werte in der Atmosphäre seit der Veröffentlichung des bislang letzten Konsensreports 2007 dramatisch verschlechtert hätten". Der Ausstoß von Kohlendioxid habe sich "zwischen 2000 und 2007 um jährlich 3,5 Prozent erhöht", in den 90er Jahren seien es hingegen 0,9 Prozent gewesen. Damit liege die tatsächliche Entwicklung "weit über den negativsten Szenarien des Klimareports". [1] Mittlerweile hat die CO2-Konzentration den höchsten Stand seit 650.000 Jahren erreicht.

Die Konsequenzen sind verheerend: "Nach neuesten Schätzungen gehen wir davon aus, dass im Permafrost Kohlenstoff in der Größenordnung von 1000 Milliarden Tonnen lagert. Zum Vergleich: Die Gesamtmenge an CO2, die seit dem Beginn der Industrialisierung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt wurde, ist etwa 350 Milliarden Tonnen. Es geht also um wirklich große Mengen Kohlenstoff, die im gefrorenen Boden gespeichert sind", warnen die Wissenschaftler des UN-Klimarates. [2]

Das Auftauen des Permafrostbodens würde einen positiven, d.h. sich selbst verstärkenden Rückkopplungseffekt in Gang setzen: Die Erwärmung der Erdatmosphäre durch die Emission von Treibhausgasen lässt den Permafrostboden auftauen, aus diesem entweichen dann zusätzliche Treibhausgase, die die Erdatmosphäre noch weiter aufheizen, was wiederum das Entweichen von Treibhausgasen aus dem Permafrostboden und damit die Erwärmung der Erdatmosphäre beschleunigt. Ein Teufelskreislauf. Fatal an der ganzen Sache ist, dass die Menschheit, sofern der positive Rückkopplungseffekt einmal in Gang kommt, kaum noch Einwirkungsmöglichkeiten besitzt. So viel, wie aus dem tauenden Permafrostboden entweicht, kann sie gar nicht einsparen.

"Mit ebenso ernüchternden Daten wartete Anny Cazenave vom Centre National d'Etudes Spatiales in Toulouse auf. Seit dem letzten IPCC-Report sei der Meeresspiegel weltweit überraschend stark angestiegen. (...) So stieg der Meeresspiegel im 20. Jahrhundert um 1,6 bis 1,8 Millimeter im Jahr, von 1993 bis 2008 jedoch 3,35 Millimeter. (...) Während von 1990 bis 2003 die thermische Ausdehnung der Ozeane 50 Prozent des Anstiegs erklärte, spielte sie seit 2003 kaum noch eine Rolle. Fast der gesamte Pegelanstieg speist sich aus der Eisschmelze." [3] Rund um die Polregion herrscht zweifelsfrei Tauwetter. Adieu Permafrost?

"Wir bewegen uns auf einen Abgrund zu", warnt Field. Der rasante Anstieg der CO2-Emissionen ist lässt in der Tat Schlimmes erwarten. Gerade deshalb ist die euphemistisch "Umweltprämie" genannte "Abwrackprämie" so ärgerlich. Friedensnobelpreisträger Al Gore prognostiziert: Uns bleiben vielleicht zehn Jahre Zeit zum Umsteuern. Nach Erhebungen des Kraftfahrtbundesamtes landen Autos in Deutschland im Durchschnitt jedoch erst nach rund 12 Jahren auf dem Schrottplatz. [4] Wer heute mit freundlicher Unterstützung der "Klimavorreiterin" Angela Merkel einen Benzinschlucker kauft, wird diesen Zeitraum aller Voraussicht nach überschreiten. Die negative Entwicklung wird demzufolge länger als uns gut tut zementiert. Und weil die Bundesregierung ihren finanziellen Zuschuss fälschlicherweise "Umweltprämie" nennt, haben die Bundesbürger dabei auch noch ein gutes Gewissen.

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[1] Technology Review vom 16.02.2009
[2] Telepolis vom 15.02.2009
[3] Technology Review vom 16.02.2009
[4] Die Welt vom 05.02.2008