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19. Februar 2009, von Michael Schöfer
Hurra, es ist Fastnacht


Die "fünfte Jahreszeit" ist einfach toll, da werden überall Rathäuser gestürmt und knausrige Finanzminister vor Gericht gezerrt. In diesem Jahr haben die Narren - aus aktuellem Anlass - zusätzliche Aktivitäten auf dem Programm: Die Villa von Josef Ackermann wird besetzt, das Aktiendepot einer "Heuschrecke" konfisziert und das bislang gut gehütete Schweizer Bankgeheimnis durch die Entwendung zahlreicher Daten-DVDs vollständig gelüftet. Juhu, jetzt sind sämtliche Zumwinkels enttarnt und im "Saschwaller Schnitzblatt" als Steuersünder vor aller Öffentlichkeit bloßgestellt. Spaßig, nicht wahr? Übrigens: Der Bundesnachrichtendienst musste diesmal keinen einzigen Cent investieren.

In der Bundeshauptstadt wird der Reichstag vom "Berliner Carneval Club" übernommen. Die "Narrengilde" stellt die Mehrheitsfraktion, die "Spandauer Jecken" dürfen sich als Opposition profilieren. Der Fraktionsvorsitzende der "Narrengilde" hält vor den laufenden Kameras der Weltpresse eine fulminante Büttenrede: "Jecken, hört die Signale." Unterschiede zu früher, etwa den Redebeiträgen Guido Westerwelles, fallen dem versammelten Publikum zunächst gar nicht auf. Außerdem wird das Direktorium der Europäischen Zentralbank dazu verurteilt, hundertmal den Satz "Die Inflationsgefahr ist eine Fata Morgana" an die Tafel zu schreiben. Zum krönenden Abschluss plündert man den Staatsschatz - er lässt sich bequem in einem Brustbeutel abtransportieren.

Die Narren treiben es immer toller: Auf Schloss Bellevue und auf der "Bundeswaschmaschine", in narrenfreien Gegenden gelegentlich auch Bundeskanzleramt genannt, flattert bereits die rote Fahne. Spätestens als die Meute das Musikkorps der Bundeswehr dazu zwingen will "Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne" zu spielen, übertönen deutliche Misstöne das Spektakel: "Tatü, tata, tatü, tata - hier spricht die Polizei." Wie bitte? Falsche Jahreszeit? Hoppla!

Stellt Euch vor, alle spielen Karneval - und es ist gar keiner. Nun, dann sind es wohl die politischen Nachwehen der Finanzkrise. Helau!