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22. Februar 2009, von Michael Schöfer
Erpressungspotential


Maria-Elisabeth Schaeffler hat sich mit der Übernahme von Conti zweifellos überhoben, jetzt soll ihr der Steuerzahler aus der Klemme helfen. Selbstverständlich will sie alles zurückzahlen: "'Es geht nicht um ein Geschenk', sagte Schaeffler-Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler. Das Unternehmen werde die dringend benötigte Staatshilfe 'mit Zinsen auf Heller und Pfennig zurückzahlen.'" [1] Sofern sie es tatsächlich kann, sicher ist das schließlich nicht. Der Schaeffler-Conti-Konzern beschäftigt in Deutschland rund 80.000 Menschen, damit ist natürlich, wer will das bestreiten, ein gewisses Erpressungspotential verbunden. [2]

"Die Gesellschafter seien bereit, sich von einem Teil ihres Vermögens zu trennen und mit dem Erlös die Verschuldung des Unternehmens zurückzuführen", beteuert die Eigentümer-Familie. [3] Und um ihr Anliegen zu unterstützen, liefert uns Maria-Elisabeth Schaeffler obendrein entsprechend rührselige Szenen, etwas fürs Herz: "Bei einer Demonstration im fränkischen Herzogenaurach feierten rund 8000 Beschäftigte ihre Arbeitgeberin, die Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler. (...) Unternehmenschefin Maria-Elisabeth Schaeffler bedankte sich bei den Demonstranten. Sie zeigte sich für wenige Minuten vor dem Haupttor und winkte unter Tränen ihren Mitarbeitern zu. Von den Teilnehmern wurde sie mit Jubel empfangen. Die Chefin umarmte daraufhin gerührt einen Mitarbeiter des Betriebsschutzes, der seit mehr als 30 Jahren für das Unternehmen arbeitet." [4] Gefühle können Entscheidungen beeinflussen, und was wäre zu diesem Zweck hilfreicher als weinende Frauen? Nichts. Das weiß man nicht nur in Hollywood.

Allerdings sollten wir das Ganze nüchtern betrachten. Maria-Elisabeth Schaeffler, die sich gerne im Nerzmantel präsentiert, ist also bereit sich "von einem Teil" ihres Vermögens zu trennen. Wirklich putzig. Auf der Liste der reichsten Deutschen (Stand: März 2008) nehmen sie und ihr Sohn Georg immerhin Platz sieben ein - mit einem geschätzten Privatvermögen von 8,5 Mrd. US-Dollar. [5] Nach heutigem Tageskurs (1 US-Dollar = 0,7799 €) sind das 6,6 Mrd. Euro. Sie ist also großzügigerweise bereit, einen Teil davon zu opfern. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Jeder Langzeitarbeitslose, der vom Staat Unterstützung begehrt, muss zunächst sein Erspartes bis auf einen KLEINEN Restbestand VOLLSTÄNDIG verbrauchen, bevor er auch nur einen einzigen Cent bekommt. Außerdem wird er gezwungen, seine Vermögensverhältnisse offenzulegen. Unter Umständen muss er sogar umziehen, weil seine Wohnung nicht mehr angemessen ist. Ob Maria-Elisabeth Schaeffler wenigstens auf ihren Nerzmantel verzichten wird?

"Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) erteilte Bitten Schaefflers nach Staatshilfen eine kalte Abfuhr: 'Man kann nicht im Nerzmantel nach Staatshilfe rufen. Wir sind nicht dafür da, für Fehlentscheidungen von Milliardärinnen und Milliardären gerade zu stehen. Es kann jedenfalls nicht sein, dass jemand, der sich verspekuliert hat, auch noch einen Reibach auf Steuerzahlerkosten macht', sagte Scholz." [6] Wo er recht hat, da hat er eben recht. "Analysten zufolge brauchen die Franken nun vier bis fünf Milliarden Euro. Aber warum sollte der Staat einspringen, wenn ein privater Unternehmer ein zu hohes Risiko eingeht? Auch anderen Unternehmen geht es schlecht und auch bei anderen Firmenpleiten geht es um Arbeitsplätze. Hilfen für Milliardäre sind dem Bürger, der selbst den Gürtel stets enger schnallen soll, nicht zu vermitteln und sie machen auch wenig Sinn." [7]

Dass der Einfluss des Staates zurückzudrängen sei, haben uns doch in den letzten Jahrzehnten ausgerechnet die Unternehmer weismachen wollen. Da konnten die Sozialleistungen und Löhne nicht niedrig genug ausfallen, denn angeblich ging es um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Und plötzlich sieht man sein Heil in der Intervention eines Staates, den man zuvor mit penetrant vorgetragenen Forderungen nach Unternehmenssteuersenkungen magersüchtig werden ließ. Das ist das altbekannte Adenauer-Motto: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern." Trotzdem sind ihnen Mindestlöhne nach wie vor ein Graus. Kein Wunder, wenn die Bürger dafür wenig Verständnis aufbringen. Im Gegenteil, das Versagen der großkotzigen, gierigen und im Grunde asozialen Wirtschaftsführer, die stets alles besser wussten und denen die Beschäftigten (sprich: Kostenfaktoren) meist schnurzpiepegal waren, nimmt man mit einer gewissen Befriedigung entgegen. Erst den Kitt zerstören, der die Gesellschaft zusammenhält, und anschließend über die Folgen staunen - das begreife wer will.

Hier wirken bloß Neid und Missgunst, wird dem sogleich entgegengehalten. Komisch, immer wenn es um die Interessen der Begüterten geht, fällt unvermittelt der Terminus "Neidgesellschaft". Das ist ein Pawlowscher Reflex. Könnte sich dahinter nicht schlicht und ergreifend der bislang unbefriedigte Drang nach Gerechtigkeit verbergen? Ist es ein Naturgesetz, dass Arm und Reich mehr und mehr auseinanderdriften? "Das Betriebsvermögen etwa bei Schaeffler hätten über Generationen hinweg vor allem die Arbeitnehmer aufgebaut, zugutekommen würde es aber allein der Eigentümerfamilie, kritisierte Lafontaine." Diese "Enteignung der Arbeitnehmer" solle rückgängig gemacht werden, forderte der Linken-Chef. [8] Die Nation war pflichtgemäß entrüstet (über Oskar Lafontaine). Jetzt will Schaeffler quasi den Staat enteignen. Alles zum Wohle des freien Unternehmertums, versteht sich. Das Gefühl, in einem Tollhaus zu sitzen, ist nicht unbegründet.

Was passiert mit den 80.000 Arbeitsplätzen? Nun, wenn das Unternehmen wirklich, wie die Eigentümer-Familie betont, "im Kern gesund" sei, werden die Banken, bei denen Schaeffler in der Kreide steht, gewiss für eine Fortführung der Geschäfte sorgen. Aber eben eine ohne die bisherigen Eigentümer. Um Maria-Elisabeth Schaeffler muss man sich bestimmt keine Sorgen machen, sie wird kaum als Hartz IV-Empfängerin enden.

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[1] manager-magazin vom 21.02.2009
[2] Hintergrund-Infos zur Firma und zur Übernahme bei Telepolis vom 22.02.2009 und bei Welt-Online vom 07.02.2009
[3] Focus vom 08.02.2009
[4] Spiegel-Online vom 18.02.2009
[5] Wikipedia, Liste der reichsten Deutschen
[6] manager-magazin vom 21.02.2009
[7] Jens Berger, Requiem für eine listige Witwe, Telepolis vom 22.02.2009
[8] Handelsblatt vom 16.09.2008