Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



14. Mai 2009, von Michael Schöfer
Explosive Stimmung


Erinnern Sie sich noch an Maria-Elisabeth Schaeffler? Nicht? Das ist die Multimilliardärin, die sich bei der Übernahme von Conti mächtig verspekuliert hat und deshalb im Nerzmantel um Staatshilfe bettelte. Als in Herzogenaurach 8.000 ihrer Arbeiter für sie auf die Straße gingen, kullerten Frau Schaeffler sogar ein paar Tränen über die Wange. Medienwirksam, versteht sich. Später musste die Firmenchefin die ungeliebte IG Metall mit ins Boot nehmen. Die Frau ist sich für nichts zu schade: Neben Gewerkschafts-Chef Berthold Huber posierte sie demonstrativ mit einem roten Schal um den Hals. Für Geld tun einige eben alles. Dabei hätte ihr mancher Metaller noch vor kurzem am liebsten den Hals... Reden wir nicht darüber, respektieren wir die Verbrüderung von Kapital und Arbeit.

Nun bekommt die Belegschaft endlich den lange ersehnten Dank für ihren Einsatz zur Rettung der schaefflerschen Privatschatulle: "Schaeffler streicht jeden sechsten Job. Beim schwer angeschlagenen Autozulieferer Schaeffler ist in Deutschland kurzfristig jeder sechste von 28.000 Arbeitsplätzen bedroht. Der Herzogenauracher Familienkonzern müsse rasch 250 Millionen Euro sparen, was umgerechnet 4.500 Stellen bedeutet." [1] Über Tränen der Rührung ist uns nichts bekannt - weder von Maria-Elisabeth noch von ihrem neuen Kumpel Berthold. Zur Erinnerung: Frau Schaeffler und Sohn Georg lagen auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt mit einem Vermögen von 8,5 Mrd. US-Dollar (Stand: Mai 2008) immerhin auf Platz 104.

Szenenwechsel: Die Zukunft von Siegfried Jaschinski, dem Noch-Chef der Landesbank Baden-Württemberg, ist gesichert. Anders als die Zukunft der maroden, mit Staatsknete vor der Pleite geretteten LBBW. Presseberichten zufolge wird er nämlich demnächst 821 Euro Ruhegeld beziehen. Pro Tag! Der 54-Jährige "soll ab 2010 rund 300.000 Euro pro Jahr von der Bank erhalten." [2] Zum Vergleich: "Ein Standardrentner (45 Beitragsjahre, Durchschnittseinkommen) hat heute eine Rente von rund 1.176 Euro." [3] Pro Monat, wohlgemerkt. Fazit: Wer ein Leben lang ordentlich arbeitet, hat im Alter gerade mal ein bisschen mehr als den dreifachen ALG II-Regelsatz (z.Zt. 351 Euro). Wer eine Bank ruiniert, hat ausgesorgt.

Übrigens: Der designierte Chef der LBBW, Hans-Jörg Vetter, soll mehr bekommen als jene 500.000 Euro Gehalt, auf die sich die Politiker im Stuttgarter Landtag festgelegt hatten. "Im vergangenen Jahr verdiente der noch amtierende Vorstandschef der Landesbank Berlin rund 1,1 Mio. Euro Grundgehalt plus 650.000 Euro Bonus. 'Und verschlechtern wird er sich sicher nicht', hieß es aus Finanzkreisen." [4] In Baden-Württemberg ist die Deckelung des Gehalts von Spitzenmanagern ist also bereits nach knapp zwei Monaten Makulatur.

Wie war das nochmal? Gesine Schwan soll etwas herbeigeredet haben, als sie "die Wut der Menschen deutlich wachsen" sah und vor einer "explosiven Stimmung" warnte? Nein, die Wut und die explosive Stimmung kommen ganz von alleine. Warum? Siehe oben!

----------

[1] Frankfurter Rundschau vom 13.05.2009
[2] Stuttgarter Nachrichten vom 13.05.2009
[3] Deutsche Rentenversicherung
[4] Handelsblatt vom 13.05.2009