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21. Mai 2009, von Michael Schöfer
Wahnsinn mit Methode

(eine Rezension)

Glaubt man Julia Friedrichs, geht ein Drittel der Studenten der privaten European Business School, das ist eine BWL-Elite-Uni im Rheingau, anschließend in die Unternehmensberatung, ein weiteres Drittel in die Finanzbranche, viele davon ins Investmentbanking. [1] "We develop Leaders", erläutert die EBS auf ihrer Website: Wir bilden Führungskräfte aus. Was diese selbsternannte Elite angerichtet hat, erleben wir momentan zur Genüge. Aufgeblasene Manager haben in noch aufgeblaseneren Märkten Monopoly gespielt und dadurch die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds geführt. Über das Wie hat Sahra Wagenknecht ein informatives und zugleich verständliches Buch geschrieben: "Wahnsinn mit Methode. Finanzcrash und Weltwirtschaft."

Die 1969 in Jena geborene Wagenknecht, seit 2004 Mitglied des Europäischen Parlaments, ist bekennende Kommunistin und sitzt im Vorstand der Partei DIE LINKE. Als Sprecherin der Kommunistischen Plattform will sie dazu beitragen, dass in der Linken kommunistische Positionen verankert bleiben. "Sahra Wagenknecht betont die Notwendigkeit der Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und äußert den Traum von einer anderen Gesellschaft. 1992 nannte sie in den Weißenseer Blättern unter anderem die Mauer ein 'notwendiges Übel' und meinte damals, die DDR sei 'ein besserer Staat als die BRD' gewesen. Die DDR sei kein demokratischer Staat gewesen, jedoch sei auch im heutigen kapitalistischen System keine echte Demokratie möglich. Eine Rückkehr zum Sozialismus der DDR lehnt Wagenknecht jedoch ab." [2]

Man muss ihre Positionen nicht teilen, um ihr Buch über die Ursachen der Weltwirtschaftskrise dennoch gut zu finden. Es wendet sich an den interessierten Laien und klärt detailliert darüber auf, welche Mechanismen die Finanzbranche dominieren. Wie es überhaupt zu der kürzlich geplatzten Spekulationsblase kam - bei Wagenknecht kann man es nachlesen: "Hatte der tägliche Umsatz auf den Weltdevisenmärkten 1973 noch bei überschaubaren 10 bis 20 Milliarden Dollar und damit dem maximal Zweifachen des Welthandels gelegen, hatte sich dieses Verhältnis bereits 1980 auf zehn zu eins erhöht. Zehn Jahre später war die Relation zwischen Devisenumsatz und Welthandel auf fünfzig zu eins angeschwollen und 1995, als der Devisenumsatz 1.260 Milliarden Dollar pro Tag erreichte, war das das Siebzigfache des tatsächlichen Welthandels. Mittlerweile reden wir über tägliche Devisenkäufe und -verkäufe in der Größenordnung von mehr als 3.000 Milliarden Dollar, die selbstverständlich keinerlei Bezug mehr zu realen Handelsströmen haben." (Seite 114f)

Wer mehr über "strukturierte Wertpapiere" und über Parallelen zu Spekulationsblasen früherer Tage wissen möchte, von der holländischen Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts bis zum Schwarzen Freitag im Jahr 1929, dem kann man Wagenknechts Buch wärmstens empfehlen. Wohltuend: Sie verzichtet darauf, Plattitüden, die man andernorts zuhauf präsentiert bekommt ("Manager haben Milliarden vernichtet", "Es ist viel Geld vernichtet worden"), zu wiederholen. "Geld verschwindet nicht; es wechselt immer nur den Besitzer. Was dem einen fehlt, hat sich zuverlässig ein anderer unter den Nagel gerissen. Nur ist es heute im Vergleich zu früher viel schwerer überschaubar wer." (Seite 229)

Woran es dem Buch mangelt, ist die konkrete Alternative. "Eine vernünftige Strategie wäre (...), das Kasinospiel mit Aktienwerten und Arbeitsplätzen durch staatliche Mehrheitsbeteiligungen an den großen, volkswirtschaftlich entscheidenden Unternehmen zu beenden, allerdings nicht nur als Überbrückungshilfe in Krisenzeiten, sondern auch zur Sozialisierung der Gewinne und vor allem mit dem Ziel, die Prioritäten der Unternehmensführung von einer blinden Profitorientierung in Richtung volkswirtschaftlich vernünftiger Investitionen, sicherer Arbeitsplätze und ausreichender Mitspracherechte der Beschäftigten zu verschieben. Das schließt die anhaltende Ausrichtung an betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien nicht aus, wohl aber die sklavische Unterwerfung unter das Diktat der kurzfristigen Maximalrendite." (Seite 158) Das war's im Grunde auch schon.

Die Geschichte des "realexistierenden Sozialismus" hat gezeigt, dass die Eigentumsverhältnisse zwar nicht zu vernachlässigen sind, aber keineswegs den alles entscheidenden Faktor darstellen. Es kommt vielmehr darauf an, wie effektiv die Herrschenden, egal ob kapitalistische Geld- oder kommunistische Parteielite, vom Volk kontrolliert werden. Menschen haben Schwächen, und Macht neigt zwangsläufig zu Machtmissbrauch. Das verbindet Kapitalismus und Kommunismus, weil es Bestandteil jeder menschlichen Gesellschaft ist. In einem Klima der Unfreiheit, etwa durch strikte Pressezensur oder "Demokratischen Zentralismus", wird diese Kontrolle unterbunden. Deshalb ist es extrem wichtig, ein wirksames Kräftegleichgewicht zu etablieren und zu erhalten (Gewaltenteilung, Checks and Balances). Ein Problem, das vom Kapitalismus, zumindest in Gestalt der liberalen Gesellschaft, wesentlich eleganter gelöst wurde, als in allen anderen bislang realisierten Entwürfen.

Aber vielleicht war es nicht die Aufgabe von Wagenknechts Buch, sich auch noch darüber auszulassen. Die Diskussion über Alternativen zum Kapitalismus füllt inzwischen ganze Bibliotheken und hätte wohl den Wagenknecht zur Verfügung stehenden Rahmen gesprengt. Etwas näher darauf einzugehen, selbst wenn man eine solche Debatte dort nur anreißen kann, hätte dem Buch freilich nicht geschadet. Leider verzichtete sie überdies auf ausführliche Quellenangaben, die ein oder andere bemerkenswerte Zahl hätte der Leser möglicherweise gerne selbst nachgeprüft. Alles in allem ist "Wahnsinn mit Methode" jedoch ein äußerst empfehlenswertes Buch. Wer in Sahra Wagenknecht bloß die "schöne Kommunistin" sieht, ein Etikett, das ihr insbesondere die Boulevardpresse anheftet, sollte seine Sicht korrigieren. Die Frau vertritt auch Standpunkte. Wie gesagt, man muss Letztere nicht teilen, aber ihre Analyse der Finanzkrise ist jedenfalls äußerst lesenswert.

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[1] Gestatten: Elite: Auf den Spuren der Mächtigen von morgen, Hamburg 2008, Seite 17
[2] Wikipedia, Sahra Wagenknecht