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01. Juli 2009, von Michael Schöfer
Stalin, Stalin, Stalin


Ein früherer Kollege von mir kam bei politischen Diskussionen immer wieder auf Stalin zurück. Egal über was man mit ihm diskutierte, spätestens nach fünf Minuten fiel der Name Stalin. Mir wollte freilich partout nicht in den Sinn, was beispielsweise die deutsche Wirtschaftspolitik der achtziger Jahre mit dem sowjetischen Massenmörder zu tun hat - zumal dieser bereits 1953, also noch vor meiner Geburt, gestorben ist. Das war wiederum meinem Ex-Kollegen völlig gleichgültig, er beharrte darauf: Stalin, Stalin, Stalin! Das Ganze lief so ab: Die Arbeitslosigkeit ist ja schlimm, aber was Stalin gemacht hat... Auf dieser Grundlage war selbstverständlich kein fruchtbarer Austausch von Argumenten möglich, denn wer bei der Erörterung der Ursachen der Arbeitslosigkeit Stalin ins Spiel bringt, argumentiert vollkommen zusammenhanglos. Oder anders ausgedrückt: wirr.

Als ich jetzt durch Zufall auf den Artikel "Marx war viel schlimmer als Madoff" der Journalistin Bettina Röhl stieß [1], hatte ich daher verständlicherweise ein Déjà-vu-Erlebnis. Das kommt mir doch bekannt vor, dachte ich. "Madoff ist tatsächlich ein böser Kapitalist. Aber deswegen ist der Kapitalismus an und für sich nicht böse. Der Kommunismus und dessen teuflisch böse Geister und dessen Verbrechen und dessen systembedingtes ökonomischen Versagen haben viele Milliarden von Menschen ruiniert", schreibt Röhl. Aha, die Finanzkrise ist zwar schlimm, aber der Kommunismus war noch viel schlimmer. Als ob Letzteres etwas an der Brisanz der Finanzkrise ändern würde. Als ob der Zusammenbruch von Lehman Brothers dadurch weniger gravierende Folgen hätte. Darüber hinaus: Hallo, Frau Röhl, aufwachen, die Mauer ist seit 1989 weg. Ehrlich!

Madoff "hat einzelne Menschen finanziell ruiniert. Er hat Vertrauen missbraucht. Madoff ist ein kriminelles Akquisition- und Finanzgenie, das seine Strafe jetzt bekommen hat. (...) Unter ökonomischen Gesichtspunkten muss eins aber klar bleiben: Madoff hat das Geld nicht vernichtet, sondern es in den Wirtschaftskreislauf wieder eingespeist, in dem das Geld seine Arbeit wieder verrichten konnte. Sicherlich hat Madoff durch seine Betrügereien und durch seine Untreue de facto falsche ökonomische Entscheidungen hier und da begünstigt. Aber der volkswirtschaftliche Schaden, den er verursacht hat, ist vergleichsweise, um es provokant auszudrücken, nichtig, gering." Zur Erinnerung: Bernard L. Madoff hat zahlreiche Kapitalanleger durch ein klassisches Schneeballsystem um mindestens 65 Mrd. Dollar betrogen (Milliarden, nicht Millionen!), dafür kassierte vor kurzem er eine Haftstrafe in Höhe von 150 Jahren.

Bei der Argumentation Röhls bleibt einem förmlich die Spucke weg. Madoff hat also "das Geld nicht vernichtet", sondern wieder "in den Wirtschaftskreislauf eingespeist", wo es seine Arbeit verrichten konnte. Konfrontiert uns Röhl hier bewusst mit intellektueller Armut? Ist es Satire? Nein, ich fürchte, sie meint es wirklich ernst. Natürlich hat Madoff das Geld wieder in den Wirtschaftskreislauf eingespeist, u.a. für seine Luxus-Immobilien in der Upper East Side Manhattans, den Hamptons, Palm Beach (Florida) oder Paris. Erwartungsgemäß beglich er damit in den elitären Golf- und Country-Clubs, in denen er verkehrte, auch seine Rechnungen. Außerdem besaß Madoff etliche Luxuskarossen und drei Motorboote, darunter eine 17- Meter-Yacht. So gesehen wären keinem Bankräuber Vorwürfe zu machen, wenn er seine Beute ausgibt, immerhin speist er ja das Geld wieder "in den Wirtschaftskreislauf" ein. Folgt man der kruden Begründung Röhls, wird daraus sogar fast eine gute Tat. 1.000 Madoffs sind für den weltumspannenden Kapitalismus Peanuts, behauptet sie. Das ist natürlich kompletter Unsinn. Schon allein rechnerisch, denn 1.000 Madoffs hätten einen Schaden von 65 Billionen Dollar verursacht. Zum Vergleich: das Weltbruttoinlandsprodukt beträgt gegenwärtig 60,7 Billionen Dollar. [2]

Doch es kommt noch besser: "Ganz anders verhält es sich mit den ökonomisch ruinösen Konsequenzen des Denkens und Wirkens des großen Gedanken-Jongleurs und Wirtschafts-und Finanzmanipulators Karl Marx", belehrt uns die Autorin. "150 Jahre Karl Marx haben große Teile der Menschheit in Völkermord und ökonomisches Völkerleid herab gerissen. Völker wurden eingezäunt und wurden gezwungen in Unfreiheit und Armut zu leben. Die systembedingte Misswirtschaft begünstigte Diktatur und Personenkult." Wie gesagt, ein Déjà-vu-Erlebnis (Stalin, Stalin, Stalin!). Bloß dass das Mantra bei Bettina Röhl "Marx, Marx, Marx" lautet. Zudem hat sie das Ganze nicht zu Ende gedacht. Wenn die Untaten vermeintlicher Marxisten den Marxismus dasavouieren, wieso wird dann der Kapitalismus nicht durch die Untaten der Kapitalisten desavouiert? Hat der Kapitalismus nicht auch große Teile der Menschheit in Völkermord und ökonomisches Leid herabgerissen? Wurden nicht auch unter ihm Völker gezwungen, in Unfreiheit und Armut zu leben? Ein Blick in Geschichtsbücher oder aktuelle Entwicklungsberichte hätte vollauf genügt. Marx überdies für den eisernen Vorhang und die Massenmorde verantwortlich zu machen, ist äußerst gewagt, darüber hat er nämlich überhaupt nichts geschrieben. Doch dazu ist halt ein bisschen Differenzierungsvermögen nötig. Das allerdings lässt Röhl schmerzlich vermissen. Und wenn ich mir die heutige Verfassung des Kapitalismus ansehe, hat Marx sicherlich in vielem Recht gehabt.

Leidet Bettina Röhl an einem Pawlowschen Reflex? Unabhängig davon, was beim Kapitalismus passiert, es gibt immer noch etwas Böseres: den Kommunismus. Doch derartige Reflexe lenken bloß ab, denn wer die Auswüchse des Kapitalismus anprangert, will ja nicht plötzlich über die Auswüchse des Kommunismus sprechen, sondern beim ursprünglichen Thema bleiben. 20 Jahre nach dem Mauerfall wirken Röhls Sprüche völlig deplatziert. Über meinen "Stalin, Stalin, Stalin"-Kollegen haben die meisten am Ende nur noch den Kopf geschüttelt. Wenn sie weiterhin auf dieser Linie bleibt, ergeht es Röhl bestimmt ähnlich.

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[1] Welt-Online-Debatte vom 30.06.2009
[2] Wikipedia, Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt