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08. Juli 2009, von Michael Schöfer
Kreditklemme


"Die Bundesregierung will im Kampf gegen die drohende Kreditklemme in Deutschland notfalls alle Register ziehen." Bundesfinanzminister "Steinbrück sagte, Banken verweigerten Unternehmen in Deutschland zwar nicht flächendeckend die Kredite. Doch in manchen Branchen und Regionen sowie bei ganz kleinen und ganz großen Unternehmen manifestiere sich die Kreditklemme mehr und mehr." [1] Falls sich die Banken bei der Vergabe von Krediten, immerhin ihre ureigenste Aufgabe, wirklich restriktiv verhalten sollten, könnte das die aktuelle Wirtschaftskrise weiter verschärfen. Dann würde es sich bitter rächen, dass der Staat seinen Einfluss bei den Banken aus ordnungspolitischen (= ideologischen) Gründen nicht ausgeweitet hat.

So ist die Bundesrepublik mittlerweile zwar mit 25 Prozent an der Commerzbank beteiligt, auf das operative Geschäft der Bank soll das allerdings, jedenfalls offiziellen Verlautbarungen zufolge, keine Auswirkungen haben. "Es wäre völlig fatal und dumm, wenn eine Regierung in so einer Situation Einfluss nehmen würde. Das operative Geschäft ist Sache des Vorstandes", sagte der Sprecher von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), Torsten Albig, im Januar. [2] Sich einerseits beim Einfluss auf die Geschäftspolitik der Banken äußerste Zurückhaltung auferlegen und andererseits mit dem Blick auf eine drohende Kreditklemme über diese Geschäftspolitik lauthals aufregen, passt nicht zusammen. Selbst schuld, Herr Steinbrück. "Alle Register" hätte die Regierung längst ziehen können. Doch genau das war ja nicht gewollt. Aber jetzt den großen Max spielen. Mit anderen Worten: Es ist "fatal und dumm", bloß zu bezahlen.

Die entscheidende Frage ist, ob die Kreditklemme überhaupt existiert. Das ist nämlich keineswegs sicher. Insbesondere in Wahlkampfzeiten sollte man sich weniger an politischer Lyrik orientieren, sondern vielmehr an den harten Fakten. Sich ausschließlich nach ökonomischen Fakten ausrichten, hilft generell. Dass das extreme Anwachsen der Finanzmärkte ohne jede Rückkoppelung mit der Realwirtschaft absolut ungesund ist, hätte man bei Einhaltung dieses Grundsatzes schon viel früher bemerkt. Bekanntlich musste das Kind erst in den Brunnen fallen.

Das Vorhandensein einer Kreditklemme wird von der Bankenbranche bestritten, die Äußerungen der Politiker folglich mit Unverständnis entgegengenommen. Die Kreditvergabe gehe aktuell nicht zurück, sondern nehme trotz Rezession zu, behauptet beispielsweise der Präsident der Volks- und Raiffeisenbanken, Uwe Fröhlich. "Allein im Mai hätten Volks- und Raiffeisenbanken 376 Milliarden Euro an Krediten vergeben, knapp drei Prozent mehr als im Mai 2008. Auch Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis erklärte, die Sparkassen hätten in diesem Jahr bislang sieben Prozent mehr Kredite an die Wirtschaft vergeben als vor einem Jahr." [3] "Noch haben wir zumindest laut der Statistiken keine Kreditklemme. Von Januar bis März dieses Jahres haben die privaten Banken sogar ausweislich der letzten Bundesbankstatistik 5,2 % mehr Kredite an Unternehmen vergeben als im ersten Quartal 2008", betont der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, Andreas Schmitz. [4]

Tatsächlich sind laut Bundesbank die Kredite der Banken an das Verarbeitende Gewerbe von 152,9 Mrd. Euro (1. Quartal 2008) auf 160,9 Mrd. Euro (1. Quartal 2009) gestiegen. Insgesamt ist die Kreditvergabe in diesem Zeitraum von 1.293,1 Mrd. Euro (1. Quartal 2008) auf 1.363,2 Mrd. (1. Quartal 2009) Euro angewachsen. Auch zwischen dem letzten Quartal 2008 und dem ersten Quartal 2009 ist das Kreditvolumen größer geworden. Beim Verarbeitenden Gewerbe um 3,5 Mrd. Euro, insgesamt um 30,6 Mrd. Euro. [5]

Kredite an Unternehmen und Selbständige

Verarbeitendes Gewerbe insgesamt
1. Quartal 2008
152,9 Mrd. €
1.293,1 Mrd. €
2. Quartal 2008 158,2 Mrd. € 1.309,3 Mrd. €
3. Quartal 2008 158,6 Mrd. € 1.329,2 Mrd. €
4. Quartal 2008 157,4 Mrd. € 1.332,6 Mrd. €
1. Quartal 2009 160,9 Mrd. € 1.363,2 Mrd. €

Was das Volumen der Kreditvergabe angeht, ist bislang also keine Kreditklemme festzustellen. Freilich sagt das nichts über die Kreditkonditionen aus. Und noch weniger über die nahe Zukunft. Dass sich die Kreditkosten für manche Unternehmen entsprechend ihren unter Druck geratenen Umsatz- und Gewinnerwartungen erhöhen, war zu erwarten. Hier muss aber jede Firma individuell betrachtet werden. Kurz gesagt, die Zahlen lassen das Gejammer über eine allgemeine Kreditklemme unberechtigt erscheinen.

Falls es jedoch künftig wirklich zu einer Kreditklemme kommen sollte, ist das Banken-Bashing der Politiker vollkommen unangebracht. Die Regierenden müssten vielmehr deutlich hörbar "mea culpa" rufen, schließlich haben sie auf das notwendige Instrumentarium, die Geschäftspolitik der Banken entsprechend zu beeinflussen, selbst verzichtet. Auch das gerade beschlossene Bad-Bank-Konzept beinhaltet keine Vorschriften zur Kreditvergabe, es fußt lediglich auf dem Prinzip Hoffnung. Von der Reaktion auf die berechtigte Forderung, den gesamten Bankensektor kurzerhand zu verstaatlichen, wie es "Die Linke" in ihrem Bundestagswahlprogramm vorsieht, ganz zu schweigen.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich tragen die Banken an der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise die Hauptschuld. Doch die Politik hat es ihnen ziemlich leicht gemacht, unverantwortliche Risiken einzugehen. Und daran hat sich, wie man sieht, bis dato nichts grundlegend geändert.

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[1] Reuters vom 07.07.2009
[2] Die Welt-Online vom 10.01.2009
[3] Frankfurter Rundschau vom 07.07.2009
[4] Bundesverband deutscher Banken, Die Finanzmarktkrise: Ursachen, Folgen, Lehren, 18.06.2009
[5] Deutsche Bundesbank, PDF-Datei mit 29 kb


Nachtrag (29.08.2009):
Auch nach Ende des zweiten Quartals 2009 ist keine Kreditklemme festzustellen: Laut Bundesbank sind die Kredite an Unternehmen und Selbständige auf insgesamt 1.365,5 Mrd. Euro gestiegen. Die Kredite an das Verarbeitende Gewerbe sind um lediglich 400 Mio. Euro gesunken, sie liegen damit aber immer noch deutlich höher als Ende 2008.