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13. Juli 2009, von Michael Schöfer
Wenigstens Hilfe für das Seelenheil


Anfang April 2009 bebte die Erde in den Abruzzen, die Region um die Stadt L'Aquila hatte 299 Tote zu beklagen, außerdem gab es rund 70.000 Obdachlose. In der Not ist jede Hilfe willkommen, denn die italienischen Behörden demonstrieren bei der Beseitigung von Erdbebenschäden häufig bloß ihre Inkompetenz. Im sizilianischen Messina hausen bis heute Erdbebenopfer in slumähnlichen Provisorien am Rande der Großstadt, mittlerweile in der zweiten und dritten Generation. Gebebt hat es dort nämlich bereits am 28. Dezember 1908, also vor 101 Jahren. Im sizilianischen Belice, wo am 15. Januar 1968 ein Erdbeben 370 Menschen tötete, lebten 13 Jahre später noch 40.000 Menschen in Notbaracken. Am 23. November 1980 starben in Neapel und Umgebung bei einem Beben rund 3.000 Menschen. Der italienische Staat investierte 40 Mrd. Euro in den Wiederaufbau, aber 1991 wohnten nach wie vor mehr als 32.000 Menschen in Behelfsheimen. Am 26. September 1997 bebte die Erde in Umbrien, zwei Jahre danach beherbergten 91 Containersiedlungen 8.000 Obdachlose. Immerhin: Die Container wurden 2000/2001 durch Holzhäuschen ersetzt, aber die Rückkehr in ein festes Haus ist bislang für viele ein unerfüllter Traum geblieben.

In so einer Situation ist es gut, wenn man Freunde hat. Und Italien hat viele Freunde, reiche und spendable Freunde sogar. Der Bevölkerung wird dadurch ein wohliges Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Sehen wir uns einmal an, wie sich die Freunde Italiens am Wiederaufbau beteiligen. Schon kurz nach der Katastrophe hat Barack Obama dem italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi telefonisch Unterstützung für die Instandsetzung von Kirchen zugesagt. [1] Michelle Obama, die Frau des US-Präsidenten, will Spenden für die Restaurierung der romanisch-gotischen Kirche Santa Maria Paganica aus dem 14. Jahrhundert zu sammeln. "Die französische Regierung erklärte sich bereit, die Kirche Santa Maria del Suffragio im Zentrum L'Aquila zu restaurieren. (...) Die japanische Regierung will sechs Millionen Euro für die Restaurierung der 1208 erbauten Kirche Sant'Agostino ausgeben." [2] Da kann sich Deutschland natürlich nicht lumpen lassen. Im Dorf Onna, in dem am 11. Juni 1944 Soldaten der Wehrmacht 17 unschuldige Zivilisten massakrierten, unterstützt die Bundesregierung den Wiederaufbau, Sie raten es vielleicht bereits, der Dorfkirche. "Das Erdbeben vom Juni [sic!] zerstörte 90 Prozent der Gebäude. Von den rund 280 Einwohnern kamen 41 ums Leben. Jede Familie hat Opfer zu beklagen. Die Überlebenden sind in Zelten auf einer Wiese am Ortsrand untergebracht. Das Technische Hilfswerk unterstützt das Dorf beim Aufbau von Baracken, damit die Menschen zum Winter ein Dach über dem Kopf haben." [3]

Nichts gegen eine Geste der Wiedergutmachung, das ist in der Tat eine wunderbare Idee, aber ist der Aufbau der Dorfkirche von Onna wirklich vordringlich? Muss es ausgerechnet die Kirche sein? Wäre die Errichtung von festen Häusern nicht viel notwendiger? Merkwürdige Prioritäten: Die USA geben Geld für den Wiederaufbau von Kirchen, Frankreich gibt Geld für den Wiederaufbau einer Kirche, die japanische Regierung gibt Geld für den Wiederaufbau einer Kirche. Und jetzt gibt Deutschland ebenfalls Geld für den Wiederaufbau einer Kirche. Das Wichtigste zuerst (Achtung: Ironie!). Entschuldigung, aber haben die noch alle Tassen im Schrank? Was soll das? Vermutlich werden die Obdachlosen der internationalen Gemeinschaft für die Rettung ihres Seelenheils ewig dankbar sein, wenigstens können sie demnächst wieder im Trockenen beichten. Welch ein Trost. Die Kehrseite der Medaille: In den vom THW aufgebauten Baracken müssen die Menschen vermutlich noch jahrelang ihr kümmerliches Dasein fristen (siehe oben). Trocken und warm ist es dort allenfalls im Sommer. Ich will die nützliche Hilfe, die zweifellos auch geleistet wird, gar nicht kleinreden, aber die Priorität auf den Wiederaufbau von Kirchen zu legen, ist in meinen Augen einfach grotesk.

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[1] art-Kunstmagazin vom 07.05.2009
[2] Kleine Zeitung vom 09.07.2009
[3] Bundesregierung vom 08.07.2009