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16. Juli 2009, von Michael Schöfer
Aberglaube und orientalische Märchen


Wer sich am Christentum im Besonderen und an Religionen im Allgemeinen mal so richtig abarbeiten will, dem seien zwei Bücher angelsächsischer Autoren empfohlen: Richard Dawkins, Der Gotteswahn, und Christopher Hitchens, Der Herr ist kein Hirte.

Richard Dawkins, ein renommierter Biologe (Das egoistische Gen, Der blinde Uhrmacher), und Christopher Hitchens, ein in Amerika lebender englischer Publizist (Die Akte Kissinger), haben eins gemeinsam: sie glauben nicht an Gott und bezeichnen sich daher als überzeugte Atheisten. Dawkins und Hitchens zerpflücken in ihren Büchern nicht nur religiöse Vorstellungen als das, was sie zweifellos sind, nämlich überkommene Relikte aus den Anfangszeiten einer Säugetierart (des Homo sapiens), sondern weisen zudem eindringlich darauf hin, wie intolerant Religionen agieren, solange man sie gewähren lässt. Das äußert sich, wenn es die gesellschaftlichen Umstände erlauben, in brutaler Gewalt (Mord, Folter), rigiden Verhaltensvorschriften und strenger Zensur. Dabei denkt man heutzutage in erster Linie an den Islam, aber Dawkins und Hitchens haben mitnichten islamfeindliche Bücher geschrieben, obgleich sie den Islam keineswegs schonen. Es geht ihnen nicht um eine Religion, sondern vielmehr um alle Religionen. Dass sich beide hauptsächlich mit dem Christentum beschäftigen, ist kein Wunder, schließlich sind sie in einem sich christlich nennenden kulturellen Umfeld aufgewachsen.

Hierzulande hat vor allem Karlheinz Deschner mit seiner fundierten Religionskritik (Abermals krähte der Hahn, Kriminalgeschichte des Christentums) einen breiten Leserkreis gefunden. Wir müssen also nicht erst Dawkins und Hitchens lesen, um zu erfahren, dass es - außer der Bibel - keine historischen Belege für die Existenz einer Person namens Jesus gibt. Und die Bibel selbst ist als historische Quelle mit höchster Vorsicht zu genießen. Erstens sind die frühesten Bestandteile des Neuen Testaments etliche Jahrzehnte nach den angeblichen Geschehnissen aufgezeichnet worden, zweitens enthalten die überlieferten Berichte zahlreiche Widersprüche. So stimmen etwa die beiden Stammbäume Jesu (Matthäus 1, 1-17 und Lukas 3, 23-38) nicht überein. Erstaunlich für ein Werk, das "unter dem Beistand des Heiligen Geistes" abgefasst worden sein soll. Außerdem: Jesus, sofern er wirklich gelebt hat, war fraglos Jude. Und im Judentum zeichnet man die Abstammungslinie nicht wie bei uns über den Vater nach, sondern seit der Zeit der Besetzung Israels/Palästinas durch die Griechen (332 v. Chr.) über die Mutter (Matrilinearität). Dass die Bibel die voneinander abweichenden Abstammungslinien dennoch über Josef zurückführt, ist bezeichnend. Lässt man sich auf die Aussagen der Bibel ein, sind die Stammbäume trotzdem falsch, denn Jesus soll ja der Sohn Gottes gewesen sein. Josef scheidet, wenigstens offiziell, als Vater aus.

Kein Wunder, dass dem gemeinen Volk zeitweise die Lektüre der Bibel, insbesondere in der jeweiligen Landessprache, untersagt wurde. Es hätte ja auf ketzerische Gedanken kommen können. "1199 verbot [Papst] Innozenz III. in einem Schreiben an den Bischof von Metz die Lektüre der Bibel in privaten Zusammenkünften, obgleich das Verlangen die göttlichen Schriften zu lesen und zu studieren nicht zu tadeln, sondern vielmehr zu empfehlen sei. Auf den Synoden von Toulouse (1229) und Tarragona (1234) wurde Laien der Besitz von Bibelübersetzungen untersagt. Auf der Synode von Tarragona im Jahre 1234 bestimmten die spanischen Bischöfe nach einem Dekret von König Jakob I., dass es jedem verboten sei, eine romanische Übersetzung der Bibel zu besitzen. Die Kirche erlaubte keine Übersetzung der Bibel in die Umgangssprachen." [1]

Oder nehmen wir eine Stelle im Alten Testament. In Josua 10, 13 soll Gott die Sonne einen Tag lang angehalten haben. Damals wurde allgemein angenommen, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Das entspricht zwar dem Augenschein, ist allerdings, wie wir inzwischen wissen, völlig falsch. In Wahrheit rotiert nämlich die Erde, dadurch entstehen auf unserem Heimatplanet Tag und Nacht, die Sonne steht - relativ zur Erde - still. Die Chinesen haben schon 3000 v. Chr. den Himmel sorgfältig beobachtet und ihre Beobachtungen in Chroniken aufgezeichnet. In Mittelamerika taten die Mayas dasselbe, so ist uns von ihnen eine Mondfinsternis vom 15.02.3379 v. Chr. überliefert. Auch die babylonische Astronomie reicht bis in das 3. Jahrtausend v. Chr. zurück. [vgl. Astronomie im Altertum und Mittelalter] Keine einzige Chronik berichtet jedoch von einem Tag, dessen Länge 24 Stunden überschritten hätte.

Noch etwas anderes spricht gegen die biblische Schilderung: die physikalischen Gesetze. Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde beträgt am Äquator ca. 1666 km/h - die 1,3fache Schallgeschwindigkeit (1234,8 km/h) und die doppelte Reisegeschwindigkeit eines Airbus A320 (840 km/h). Nach dem Trägheitsgesetz (Erstes newtonsches Gesetz) hätten, bei einem plötzlichen Stopp der Erdrotation, die Ozeane überschwappen und weltweit sämtliche Gebäude einstürzen müssen (so etwas hätte nicht einmal die Cheops-Pyramide heil überstanden). Auch davon ist nichts überliefert.

Was die Bücher von Dawkins und Hitchens auszeichnen, ist ihre Auseinandersetzung mit dem Kreationismus, der uns neuerdings im Gewand des Intelligent Design begegnet. [2] Davon abgesehen war ich bei Dawkins besonders von Kapitel 6 (Die Wurzeln der Moral: Warum sind wir gut?) angetan. Hier wird meines Erachtens plausibel dargelegt, warum sich der Mensch auch ohne einen strafenden Gott nicht zu einem absolut amoralischen Wesen entwickelt. Hitchens wiederum deckt nicht nur die Lügen der christlichen Bibel auf, sondern beschreibt u.a. das äußerst dubiose Zustandekommen des Buchs Mormon. "Der Gotteswahn" und "Der Herr ist kein Hirte" sind beide leicht lesbar und alles andere als langweilig.

Ob die Menschheit die Religion in naher Zukunft vollends abwirft, bleibt offen. Aber da Religion und Demokratie unvereinbar sind, es sei denn, der Glaube wurde durch einen umfassenden Säkularisierungsprozess so weit zurückgedrängt, dass er keinen echten Einfluss mehr auf die Politik hat, müssen wir ihr den Platz zuweisen, der ihr zukommt: Religion ist eine reine Privatangelegenheit. Deshalb gehören Staat und Religion strikt voneinander getrennt. "Im Bewußtsein der Verantwortung vor Gott..." beginnt dagegen die Präambel der Verfassung des Landes Baden-Württemberg. "Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott (...) zu erziehen", legt Artikel 12 Abs. 1 fest. Dass die "christlichen (...) Bildungs- und Kulturwerte" der "freiheitlich demokratischen Gesinnung" widersprechen, haben die Väter der Landesverfassung geflissentlich ignoriert. Bekanntlich musste die Demokratie gegen den hartnäckigen Widerstand der Amtskirche erkämpft werden, von der Wissenschaftsfeindlichkeit des Klerus ganz zu schweigen. Mit anderen Worten: Die aufgeführten Passagen der baden-württembergischen Verfassung sind ein echter Anachronismus. Sie passen nicht zur vom Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit, wozu auch die negative Religionsfreiheit gehört (die Freiheit keinen Glauben zu bilden, zu haben, zu bekennen und danach zu leben). Ebenso wenig zur weltanschaulichen Neutralität des Staates.

Es ist der bleibende Verdienst von Dawkins und Hitchens, zur Diskussion über die Religion wertvolle und weithin beachtete Beiträge geliefert zu haben. Früher wären sie dafür auf dem Scheiterhaufen gelandet. Auch heute besteht die nicht von der Hand zu weisende Gefahr, von religiösen Fanatikern (wohlgemerkt, jeglicher Couleur) ermordet zu werden. In den islamischen Ländern wird man für solche Äußerungen sogar vom Staat wegen Blasphemie angeklagt, was bisweilen mit der Todesstrafe endet (in Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan und Iran). Schon allein das belegt, wie berechtigt ihre Warnungen sind.

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[1] Wikipedia, Bibelübersetzung
[2] siehe auch Intelligent (?) Design vom 25.09.2006