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04. September 2009, von Michael Schöfer
Schwächeanfall


Das Volk erwartet von seinen Staatsmännern (und -frauen) physische Gesundheit. So hätte Franklin Delano Roosevelt, der an Kinderlähmung leidende 32. Präsident der USA (1933 - 1945), im heutigen Fernsehzeitalter nicht die geringste Chance, überhaupt als Kandidat aufgestellt zu werden. Roosevelt konnte sich nur mühsam mit Krücken fortbewegen und war weitgehend auf die Benutzung eines Rollstuhls angewiesen. Um ihre Fitness zu beweisen, treiben Staats- und Regierungschefs gerne Sport. Der besseren Wirkung wegen vor laufender Kamera, doch so bleiben dem Wahlvolk natürlich auch peinliche Schwächephasen nicht verborgen. Und welcher Sportler hat die nicht? Legendär ist beispielsweise der Zusammenbruch von Jimmy Carter, als ihm 1979 mitten im Vorwahlkampf beim Joggen die Beine wegsackten. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy erlitt kürzlich beim Laufen ebenfalls einen Schwächeanfall und war sogar vorübergehend ohne Bewusstsein. Wladimir Putin weiß, was die Wähler wollen, einen kerngesunden Politiker, deshalb präsentiert der Karate-Kämpfer seinen durchtrainierten Körper gelegentlich im Unterhemd. Da schlagen die Herzen der Anastasijas hörbar schneller.

Schwächeanfälle von Politikern passieren oft, so ist beispielsweise der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi 2006 bei einer Parteiveranstaltung zusammengebrochen. Es lag vermutlich nicht an sportlicher Überanstrengung, wahrscheinlich hatte er sich bei seinen amourösen Eskapaden übernommen. Die Herzen der Giulias, so heißen in Italien die Anastasijas, schlugen dennoch höher. Was Berlusconi allerdings nicht bedachte, ist, dass die Wählerinnen und Wähler bei Politikern auch Wert auf geistige Gesundheit legen. Aber spätestens seit der 72-jährige Cavaliere mit der 18-jährigen Noemi Letizia in Verbindung gebracht wurde und obendrein das Callgirl Patrizia D'Addario der Öffentlichkeit Tonbandaufnahmen einer Nacht mit dem Regierungschef präsentierte, hegen die Italiener daran gewisse Zweifel. Geistige Gesundheit ist auch das Stichwort, wenn es um Muammar al-Gaddafi geht. Libyens Diktator, eine bizarre Mischung aus Berberzelt und Operettenuniform, beantragte nämlich bei der UNO kurzerhand die Auflösung der Schweiz. [1] Ob die Schweiz mit einem Antrag auf Auflösung Libyens kontert, ist nicht bekannt.

Davon hätte sich George W. Bush eine Scheibe abschneiden können. Die "Achse des Bösen" anprangern? Nein, einfach bei der UNO ihre Auflösung beantragen. Damit hätte sich dann wohl auch der kostspielige und verlustreiche Einmarsch in den Irak oder Afghanistan erübrigt. Da Bush mit Gaddafi, was die geistige Gesundheit angeht, ohnehin auf einer Stufe steht (ich verrate nicht, auf welcher), wäre die Welt von so einem Vorschlag keinesfalls überrascht gewesen. Bei den "all-american-girls", die Anastasijas und Giulias heißen in den USA - ungelogen! - Emma, hätte Bush trotzdem nicht punkten können, aber das lag bestimmt an anderen Dingen. Oder wollen Sie ernsthaft behaupten, George W. Bush sei sexy? Wenn der Spruch "Macht macht erotisch" auf einen NICHT zutraf, dann war es Bush. Beim Cavaliere kann man sich immerhin mit etwas Phantasie vorstellen, dass er einst ein erfolgreicher Verführer war. Jedenfalls entspricht Berlusconi total dem Klischee des "Latin Lover", er ist lediglich ein bisschen gealtert.

Jetzt, liebe Leser, müsste man eine elegante Überleitung zur deutschen Politik finden. Doch außer der Bemerkung, dass hierzulande auch Volksparteien Schwächeanfälle erleiden, will mir partout nichts einfallen. Mit anderen Worten: Ich habe selbst einen Schwächeanfall, der fade Wahlkampf legt sich offenbar wie Mehltau über meine Kreativität.

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[1] RP-online vom 04.09.2009