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20. September 2009, von Michael Schöfer
Gott schenkte uns Sinn: Hans-Werner Sinn


"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." Nach sechs Tagen ununterbrochenen Schaffens war die Welt endlich fertig, deshalb durfte Gott am siebten Tag ruhen (damals hatte man noch die Sechs-Tage-Woche). Da der alte Herr jedoch ein bisschen vergesslich war, musste er sein Werk am achten Tag, einem Montag, korrigieren. "Und Gott sprach: Es werde Sinn!" Und es ward Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo-Instituts. Der Montag ist allerdings unter Qualitätsgesichtspunkten der denkbar ungünstigste Wochentag, in Autofabriken wird an diesem Tag nicht selten das berühmt-berüchtigte Montagsauto produziert (ein Fahrzeug mit zahlreichen Mängeln). Da Gott Hans-Werner Sinn ebenfalls an einem Montag herstellte, kam es zwangsläufig zu diversen Unzulänglichkeiten, worunter wir Erdenbürger noch heute zu leiden haben.

Der Aufschwung sei robust und werde mit etwas Glück sogar bis zum Ende des Jahrzehnts andauern, prophezeite Hans-Werner Sinn im Jahr 2007. [1] 2009 war plötzlich alles ganz anders, da sagte er der Wirtschaft "zwei Jahre Eiszeit" voraus. [2] Was war unterdessen passiert? Der robuste Aufschwung wurde von der schwersten Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts weggefegt. Natürlich völlig überraschend. Jedenfalls für Hans-Werner Sinn. Dennoch scheut er nicht davor zurück, uns nachträglich genau erklären zu wollen, "wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist". [3] Der Mann hat zweifellos Chuzpe.

Im Februar 2009 erklärte er sprachlich ziemlich ungelenk: "Die Leute, die da sagen, im Sommer geht es wieder aufwärts, das ist Blödsinn." [4] Heute, nach nur sieben Monaten, revidiert er seine Meinung erneut: "Vieles deutet tatsächlich auf eine weltweite Erholung hin. Die Rezession in den USA, der weltgrößten Volkswirtschaft, ist vorbei. In Asien wächst die Wirtschaft wieder, in China sogar stürmisch. Und deutsche Firmen bekommen mehr Aufträge." [5] Ist die prognostizierte Eiszeit also schon vorüber? Das ging aber verdammt schnell. Wir sind noch nicht über den Berg, sagt Hans-Werner Sinn vorsichtig. Der "klügste Wirtschaftsprofessor Deutschlands" (BILD) lässt sich ein Hintertürchen offen - damit er bei Bedarf dem geneigten Publikum 2010 fachkundig erläutern kann, warum von vornherein klar war, dass die Erholung im dritten Quartal 2009 nur eine scheinbare war.

Konjunkturprogramme sind stets Strohfeuer, behauptete der ifo-Chef früher. Im Oktober 2008, Lehman Brothers war seit sechs Wochen pleite, warnte Sinn: "Ein zusätzlicher Nachfrageschub ist jetzt nicht nötig, er könnte zu Überhitzungen führen." [6] Es ist erstaunlich: Von einer tiefen Krise kann er zu diesem Zeitpunkt nichts erkennen - was für ein kluger Ökonom und klarsichtiger Wirtschaftsforscher. Angela Merkel hatte drei Wochen zuvor eine Garantie für sämtliche Sparguthaben abgegeben und die Rettung der Hypo Real Estate versprochen. Die Aktienkurse waren zwar gerade im freien Fall, doch der gute Herr Sinn warnt standhaft vor einer ökonomischen Überhitzung. Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Amüsant, nicht wahr?

Nun warnt er eindringlich vor einem zu schnellen Zurückfahren der Konjunkturprogramme:

"SZ: Tun die Regierungen weltweit genug, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln?

Sinn: Sie haben viel getan. Aber man muss jetzt auch ein gewisses Stehvermögen haben. So eine Krise ist nicht nach einem Jahr vorbei. Auch wenn weltweit die Staatsverschuldung vor allem in den USA und Japan dramatisch steigt: Regierungen dürfen jetzt nicht anfangen, die Ausgaben herunterzufahren, weil sie denken: Wir können uns das nicht mehr leisten. Das wäre gefährlich.

SZ: Finanzminister Steinbrück drängt auf den Ausstieg und will Hilfspakete zurückfahren. Zu früh?

Sinn: Ja, wir dürfen die Ausgaben im nächsten Jahr auf keinen Fall zurückfahren und müssen uns weiter verschulden.

SZ: Heißt das: Wir brauchen ein drittes Konjunkturpaket?

Sinn: Ich wäre froh, wenn wir das Niveau der Ausgaben hielten, sobald die Steuern, wie zu erwarten, wegbrechen."

"Das ist ja ein ganz neuer Sinn, der hier spricht. Sie waren bisher nicht als Anhänger von Konjunkturprogrammen und viel Staat bekannt. (…) Sie gelten als neoliberaler Ökonom. Und doch sind Sie dafür, Banken zeitweise zu verstaatlichen, die Finanzmärkte schärfer zu regulieren, die Konjunktur anzukurbeln. Wie passt das zusammen?", fragen die verblüfften Journalisten. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß, antwortet Sinn. Und sein Image sei auf eine falsche öffentliche Wahrnehmung zurückzuführen. Man könne seine Studenten fragen oder solle sein Buch über den Wettbewerb von Regulierungssystemen aus dem Jahr 2003 lesen. "Das ganze Buch ist eine Warnung vor den Folgen einer übermäßigen Deregulierung", beteuert Sinn. [7] "Ich (...) war immer ein Kritiker des mangelhaften Bankenregulierungssystems", versichert er andernorts. [8] Aber 2005 sprach er sich bei einer Diskussion über die Tobin-Tax vehement gegen "Kapitalverkehrskontrollen und weitere dirigistische Eingriffe in die Kapitalmärkte" aus, weil diese "die Funktionsweise der westlichen Wirtschaftsordnung unterminieren". Man öffne mit der Tobin-Tax "die Büchse der Pandora", sagte er damals. [9]

Kern des deutschen Konjunkturprogramms war bekanntlich die Abwrackprämie. "Die Abwrackprämie für Altautos ist ökonomischer und ökologischer Unfug", schimpfte Hans-Werner Sinn im Februar 2009. Das Konjunkturprogramm diffamierte er als "abenteuerliche Wegwerflogik". [10] Heute soll die Regierung seiner Meinung nach unbedingt am gegenwärtigen Ausgabenniveau festhalten und sich sogar notfalls weiter verschulden. Den abrupten Standpunktänderungen Sinns kann man nur mit großer Mühe folgen.

Wie raffiniert Hans-Werner Sinn argumentiert (manche würden behaupten: perfide), sei an folgendem Beispiel demonstriert: Joachim Jahnke wendet sich gegen Sinns [in der FAZ vom 09.04.2005 erhobene] Forderung nach Lohnsenkungen. Der ifo-Präsident antwortet: "Verstehen Sie meinen Beitrag bitte nicht als Plädoyer für Lohnsenkungen. Ich plädiere nur für die Beseitigung von Hemmnissen für solche Senkungen am Arbeitsmarkt. Das ist logisch doch noch etwas anderes." [11] Kein Plädoyer für Lohnsenkungen? Nur ein Plädoyer für die Beseitigung von Hemmnissen für solche Senkungen?

Wen will Sinn mit solchen Spitzfindigkeiten täuschen? Vor allem wenn er etwa in Bezug auf Ostdeutschland unmissverständlich schreibt: "Es führt kein Weg daran vorbei, die Löhne zu senken oder zumindest den Anstieg zu verlangsamen. Niedrige Löhne seien der einzige Standortvorteil der neuen Länder." [12] Oder: "Nach einer Untersuchung des ifo Instituts würde unter heutigen Verhältnissen eine Lohnsenkung von durchschnittlich 10% bis 15% ausreichen, die Arbeitslosigkeit weitgehend zu beseitigen, wobei bei den gering Qualifizierten sicherlich eine Lohnsenkung um ein Drittel benötigt würde." [13] "Man kann dem Wettbewerb nicht ausweichen. Man muss die Lohnstrukturen akzeptieren, die sich daraus ergeben. Nach unseren Schätzungen müsste der Lohn für einfache Arbeit etwa ein Drittel niedriger sein, um drei Millionen Jobs für Geringqualifizierte zu schaffen. Wir brauchen Lohnstrukturen, die jedem einen Job geben, und sei es für einen Hungerlohn." [14] Bestimmt alles nur ein Fall von falscher öffentlicher Wahrnehmung. Hans-Werner Sinn badet gewissermaßen in einem Meer von Ignoranz und Unverständnis.

So ist das mit dem lieben Ökonomie-Professor: Heute dies, morgen das. Er hängt sein Fähnchen eben gerne in den Wind. Hans-Werner Sinn hat sich schon zu fast allem geäußert - und zwar höchst widersprüchlich. Einmal ist der Aufschwung robust, ein andermal kommt gleich die Eiszeit. Einmal ist er für, ein andermal gegen die Regulierung des Kapitalmarkts. Einmal ist er für die Stärkung der Kaufkraft, ein andermal ist sie angeblich gar nicht so wichtig. Einmal ist das Konjunkturprogramm Unfug oder Strohfeuer, ein andermal sollen die Regierungen bloß nicht damit anfangen, die Ausgaben herunterzufahren. Einmal ist das Gerede vom Ende der Krise Blödsinn, ein andermal deutet vieles tatsächlich auf eine weltweite Erholung hin. Wer blickt da noch durch? Vermutlich nicht einmal Sinn selbst.

Wenn man alles irgendwann und irgendwo schon einmal gesagt bzw. geschrieben hat, kann man sich in der Tat auf alles berufen: Seht her, ich hab's doch schon immer gesagt! Schlaue Taktik. Und so praktisch. Glaubwürdig wird man auf diese Weise freilich nicht. Es könnte sich dabei aber auch schlicht um eklatante Erinnerungslücken handeln. Wer ständig etwas anderes sagt, kann sich nur schwer an das Gesagte erinnern und bringt manches durcheinander. Kann gut sein, dass Hans-Werner Sinn seine eigenen Widersprüche gar nicht bemerkt. Das fällt dann unter die Rubrik "Diverse Unzulänglichkeiten", die ich eingangs erwähnte. Was schreibt die Süddeutsche Zeitung? Hans-Werner Sinn ist "einer der führenden Ökonomen Deutschlands, als Volkswirtschaftsprofessor in der Zunft auch international angesehen und ein gefragter Ratgeber der Politik". Ehrlich, man mag es gar nicht glauben.

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[1] Der Tagesspiegel vom 25.06.2007
[2] Spiegel-Online vom 05.01.2009
[3] siehe sein Buch Kasino-Kapitalismus
[4] Die Presse.com vom 13.02.2009
[5] Süddeutsche vom 20.09.2009
[6] ifo-Institut, Interview: Ifo-Chef Hans-Werner Sinn gegen zusätzlichen Nachfrageschub, Nordwestzeitung, 24.10.2008, S. 21
[7] Süddeutsche vom 20.09.2009
[8] Welt-Online vom 17.05.2009
[9] Handelsblatt vom 28.01.2005
[10] Wirtschaftswoche vom 04.02.2009
[11] ifo-Institut, Discussion forum vom 14.04.2005
[12] Wirtschaftswoche vom 22.09.2004
[13] Hans-Werner Sinn, Ist Deutschland noch zu retten?, Berlin 2005, Seite 112f
[14] Chrismon 03/2006, Streitgespräch zwischen dem Leipziger Pfarrer Christian Führer und Hans-Werner Sinn