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22. September 2009, von Michael Schöfer
Deplatziert und peinlich


"Warum kapiert die Autoindustrie erst jetzt, dass das Erdöl zu Ende geht?" Die Mobilitätsforscher der "Daimler-Forschungsgruppe für Gesellschaft und Technik, eine kleine Denkfabrik, die sich mit der Frage befasst, wie sich die Menschen der Zukunft bewegen werden, wie die Megastädte von morgen aussehen könnten, welche Art von Autos in ein paar Jahrzehnten auf den Straßen rollen müssten und welche Antriebe diese Fahrzeuge brauchen, (…) hören nicht gern, dass in der Autoindustrie manches schief gegangen ist, dass diese Branche mit ihren Spritfressern und PS-Protzen in die größte Krise ihrer Geschichte gefahren ist. Und das, obwohl schon seit dreißig Jahren bekannt ist, dass der Sprit eines Tages knapp und teuer sein wird. Auch die Daimler-Futurologen haben darauf schon vor langer Zeit hingewiesen." [1] Die Journalisten der Münchner Qualitätszeitung sind über die Ignoranz der Automobilindustrie sichtlich empört.

"Was für ein Antritt! Was für ein Klang! Berauschend. Fallen bei etwa 3000 Umdrehungen die dämpfenden Klappen für den TÜV, ertönen die Arien aus den beidseitigen Doppelrohren. Der Gallardo ist Pavarotti und Woodstock in einem, Gänsehaut in jedem Fall. Kurze Überholmanöver, zack raus, vorbei, zack rein, glasklare Rückmeldung vom Lenkrad, in dieser Macchina steckt immense Kraft. (…) Das manuelle Durchschalten der sechs Gänge vollendet den Kraftschluss von Mensch und Maschine. (…) Der 550-LP schnellt in 3,9 Sekunden auf 100 und bis zu 320 km/h. Dazwischen beschert er emanzipatorische Sinnlichkeit. Ungefiltert. Man jauchzt vor Glück." Was da so enthusiastisch angepriesen wird ("rasende Poesie"), ist der Lamborghini Gallardo Balboni: "Ein Traum für 183.000 Euro." 5,2 Liter-V10-Motor, 550 PS - und, wie der total entzückte Autor beiläufig erwähnt, bei rasanter Fahrweise mit einem Benzinverbrauch von 31 Liter auf 100 km gesegnet. Der etwas niedrigere EU-Normverbrauch ist keineswegs beruhigender: Innerorts, je nach Getriebe, zwischen 20,1 und 22 Liter, außerorts zwischen 9,2 und 9,9 Liter auf 100 km. CO2-Emission zwischen 315 g/km und 341 g/km.

Und wo lesen wir diese ausdruckstarke Eloge aufs Heilig’s Blechle? Genau, in der Süddeutschen! [2] Ausgerechnet in der Zeitung, die sich zur gleichen Zeit über die ignorante Autobranche mit ihren Spritfressern und PS-Protzen echauffiert. "Warum kapiert die Autoindustrie erst jetzt, dass das Erdöl zu Ende geht?", fragen die Journalisten zu Recht. Und wann kapiert die Autoredaktion, dass solche Monster wie der Lamborghini Gallardo Balboni nicht mehr zeitgemäß sind? Und wann, dass solche Jubelarien vollkommen deplatziert und absolut peinlich sind?

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[1] Süddeutsche vom 22.09.2009
[2] Süddeutsche vom 21.09.2009