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27. September 2009, von Michael Schöfer
Schlecht recherchiert


Den Kirchen laufen die Menschen davon, so haben in Deutschland im vergangenen Jahr 121.155 Mitglieder die katholische Kirche verlassen. Die Zahlen der evangelischen Kirche sind nicht besser, 2007 verlor sie 131.000 Mitglieder durch Austritt. 2008 waren damit noch 25,2 Mio. Menschen Mitglied der Katholischen Kirche, in der evangelischen Kirche waren es Ende 2007 24,8 Mio. [1] Von 82 Mio. Einwohnern sind nur 50 Mio. Mitglied in einer der beiden großen christlichen Kirchen, das ist ein Anteil von lediglich 61 Prozent.

Darüber, wie viele davon wirklich glauben und nicht vielmehr Taufscheinchristen sind, darf spekuliert werden. In Deutschland sollen 47 Prozent der Einwohner an einen Gott glauben, denen 25 Prozent Atheisten gegenüberstehen. [2] Ob sich die Zahl der Atheisten durch die Kirchenaustritte vergrößert oder ob Menschen, die ihre Kirche verlassen, bloß Kirchensteuer sparen wollen, sich aber nach wie vor als Christen fühlen, ist offen.

Die linksliberale Frankfurter Rundschau scheint jedenfalls die hohe Zahl der Kirchenaustritte zu bedauern, insbesondere die Begründung verwundert. "Weniger Kirchenmitglieder bedeuten weniger Steuereinnahmen. Weniger verfügbares Geld bedeutet, dass Kindergärten und Pflegeheime auf den Prüfstand müssen. (…) Was wäre, wenn es keine Kirchen gäbe? Der Wegfall der vielen kirchlichen Einrichtungen - Kindergärten, Krankenhäuser, Pflegedienste, Schulen, Entwicklungshilfe - würde die Gesellschaft ärmer machen. (…) Seine christliche Sozialisation vergisst keiner über Nacht. Werte kauft man nicht im Supermarkt. Die Sehnsucht nach einem geistlichen Fundament lässt sich nicht im Kino stillen", schreibt Silke Rummel in ihrer "Analyse". [3]

Vermitteln nur die Kirchen Werte? Wohl kaum. Atheisten stehen keineswegs im Supermarkt nach Werten Schlange (bitte einmal Werte im Sonderangebot für 3,99 Euro). Eine humanistische Gesinnung erwirbt man u.a. in Bibliotheken. Doch im Gegensatz zu den christlichen Kirchen verzichtet der Humanismus auf imposante Gotteshäuser und einen elitären Klerus. Und wie sehen die von ihr beschworenen christlichen Werte überhaupt aus? Nun, viele Menschen verbinden damit Begriffe wie Rückständigkeit, Intoleranz, Demokratie- und Wissenschaftsfeindlichkeit. Von der grotesken Sexualmoral ganz zu schweigen. Auf so eine Sozialisation verzichtet man gerne. Und seitdem man dafür nicht mehr auf dem Scheiterhaufen landet, ist der Kirchenaustritt auch völlig ungefährlich. Warum sollten wir das bedauern?

Wenn sich Rummel für ihre "Analyse" mit Fakten präpariert hätte, würde sie überdies nicht die Mär von der sozialen Verwendung der Kirchensteuer verbreiten. In Wahrheit fließt nämlich die Kirchensteuer nur zu einem verschwindend geringen Teil sozialen Zwecken zu. "Vielfach geht man von falschen Tatsachen aus und operiert mit Scheinargumenten. So wird der Kirche immer wieder unterstellt, sie benötige die Kirchensteuer, um ihre umfangreiche Sozialarbeit zu finanzieren. Die Gegner der Kirchensteuer haben mit diesem Argument leichtes Spiel, weil es in der Tat nicht stimmt und meines Wissens auch noch nie von einem Kenner der Sache so vorgetragen worden ist. Wie wird die Sozialarbeit der Kirche tatsächlich finanziert, und welche Rolle spielt dabei die Kirchensteuer? Die meisten Sozialeinrichtungen 'verdienen' die Mittel, die sie benötigen, als Leistungsentgelte und die Finanzierung ist durch staatliche Kostenträger weithin gesetzlich geregelt", schrieb Norbert Feldhoff, ehemaliger Generalvikar des Erzbistums Köln, bereits 1990 in seiner Kirchenzeitung. [4]

Dass nur ein Bruchteil ihrer Ausgaben in soziale Dienste fließt, bestätigt die Kirche noch heute. So wurden im Haushaltsjahr 2008 die Einnahmen der Kirchensteuer für überdiözesane Zwecke wie folgt verteilt:



Verteilung der Kirchensteuer 2008 in Prozent
Verband der Diözesen Deutschlands (VDD)
Weltkirche und Mission 48,55 %
Medien 10,90 %
Allgemeine Verwaltung 10,32 %
Besondere Seelsorge 8,95 %
Finanzen, Versorgung, Rücklagen 7,28 %
Allgemeine Seelsorge 5,77 %
Schule, Wissenschaft und Kunst 4,24 %
Soziale Dienste 3,99 %
Quelle: katholisch.de

Wie man unschwer erkennen kann, sind die Ausgaben für soziale Dienste gering.

Kindergärten, Krankenhäuser, Pflegedienste, Schulen fallen durch einen Rückgang der Kirchensteuer nicht weg, weil der Staat deren Finanzierung ohnehin bereits zu einem Großteil übernimmt. "Kirchliche Krankenhäuser und Altenheime finanzieren ihren Betrieb genauso wie öffentliche oder freie Träger völlig ohne Kirchensteuermittel." Die Gesellschaft würde dadurch also mitnichten ärmer. Wenn beispielsweise die evangelische Kirche "ihren Personalkostenanteil mit rund 80 % der Ausgaben angibt, sind dort die sozialen Einrichtungen der Diakonie eben gerade nicht enthalten. Vielmehr handelt es sich in erster Linie um Gehälter von Pfarrern und Verwaltungspersonal." [5] Es ist darüber hinaus fraglich, ob Pfarrer tatsächlich so hoch besoldet sein müssen. "In beiden Kirchen werden Pfarrer zunächst nach A 13 (entspricht im Grundgehalt einem Regierungsrat) und ab ca. dem 40. Lebensjahr fast überall nach A 14 (= Oberregierungsrat) eingestuft." [6] Der aktuellen Besoldungstabelle zufolge beziehen Pfarrer somit ein Grundgehalt zwischen 3.416 Euro (Eingangsstufe A 13) und 4.777 Euro (Endstufe A 14). [7] Der Staat kann diese Einrichtungen daher leicht selbst übernehmen. Für die betroffenen Mitarbeiter, die in der Kirche weniger Rechte genießen als andernorts, wäre das vielleicht nicht die schlechteste Lösung. [8]

Die "Analyse" von Silke Rummel geht von falschen Voraussetzungen aus. Hätte sie zuvor ordentlich recherchiert, wäre ihr Artikel gewiss anders ausgefallen.

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[1] Remid, Religionen in Deutschland: Mitgliederzahlen
[2] Wikipedia, Atheismus, Demografie
[3] Frankfurter Rundschau vom 26.09.2009
[4] Friedhelm Schwarz, Wirtschaftsimperium Kirche, Frankfurt am Main 2005, Seite 31
[5] kirchensteuer.de
[6] fowid, PDF-Datei mit 39 kb
[7] dbb, Bundesbesoldungstabelle, gültig ab 01.07.2009, PDF-Datei mit 147 kb
[8] vgl. Spiegel-online vom 23.09.2009