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29. September 2009, von Michael Schöfer
Gleiches Recht für alle


Der 43-jährige Turan M., ein Bauarbeiter mit Migrationshintergrund und Hauptschulabschluss, lockte die 13-jährige Sybille K. unter einem Vorwand in die Kellerwohnung seines Arbeitskollegen und vergewaltigte sie, nachdem er ihr zuvor Alkohol eingeflößt hatte. M. flüchtete anschließend nach Italien, wo ihn die Carabinieri aber vollkommen unbehelligt ließen. In Deutschland schäumte nicht nur die Boulevardpresse. Es kann doch nicht sein, dass die italienische Polizei einen Vergewaltiger laufen lässt. Turan M. muss verhaftet und ausgeliefert werden, hinterher soll er in Deutschland vor ein ordentliches Gericht kommen, forderten alle einhellig.

Szenenwechsel: Oscarpreisträger Roman Polanski (76), ein bekannter und weithin geachteter Filmregisseur, flüchtete 1977 aus den USA, nachdem er dort die zum Tatzeitpunkt 13 Jahre alte Samantha G. unter dem Vorwand, sie für ein Modemagazin fotografieren zu wollen, in Jack Nicholsons Haus lockte. "Er flößte ihr nach ihrer Aussage u.a. Champagner ein, danach machte er Oben-ohne-Fotos von ihr, bis er zu ihr in den Whirlpool stieg und sie vergewaltigte, wobei das Opfer nach eigenem Bekunden mehrmals verbal darauf aufmerksam machte, diese Handlungen nicht zu wollen." [1]

Vor wenigen Tagen reiste Polanski in die Schweiz und wurde festgenommen, er soll an die USA ausgeliefert werden. Natürlich tobt die Kulturszene:

"Dem Verhalten der Schweizer Behörden könne man nur 'fassungslos und mit großem Bedauern' zusehen, sagt Lutz Hachmeister, der Gründungsdirektor des Kölner Film- und Fernsehfestivals 'Cologne Conference'. (…) Mit diesem Fall habe sich die Schweiz 'kulturpolitisch Zuständen wie im heutigen Iran' angenähert. (…) Das Land erlebe ein 'PR-Desaster'." [2]

"Regisseure, Schauspieler und Autoren nennen es 'unannehmbar, dass eine internationale Kulturveranstaltung zur Ehrung eines der größten zeitgenössischen Cineasten in eine Polizeifalle verwandelt' wurde. (…) Kritik übten nun auch Schweizer Politiker. Die Verantwortlichen hätten nach Ansicht von Außenministerin Micheline Calmy-Rey Fingerspitzengefühl vermissen lassen." [3]

"Die internationale Film-Szene ist entrüstet und schockiert." [4]

"Filmschaffende und Künstler aus aller Welt verlangen die sofortige Freilassung des in der Schweiz inhaftierten Regisseurs Roman Polanski. (...) Namhafte internationale Künstler unterzeichneten eine Petition." [5]

"Schande" und "Skandal", schallt es aus der Kulturecke heraus. Starke Worte.

Roman Polanski äußerte sich Jahre später in Interviews zu dem Fall: "Wieso soll ich für meine Vorliebe für junge Frauen bestraft werden?" [6] Und: "Natürlich stehe ich auf junge Frauen - so wie jeder Mann." [7] Wie jeder Mann? Auf 13-jährige Mädchen? Soso. Wohlgemerkt: Es handelte sich nicht um einvernehmlichen Sex zwischen Minderjährigen, und zum Tatzeitpunkt war Polanski immerhin 30 Jahre älter als sein Opfer.

Hätte man für Turan M. (ein fiktives Beispiel) auch so viel Verständnis? Würde sich die internationale Kulturszene ebenfalls mit ihm solidarisieren und eine Außenministerin mangelndes Fingerspitzengefühl beklagen? Wohl kaum. Zugegeben, der Fall Polanski ist lange her und Samantha G. hat ihm inzwischen verziehen. Dennoch entzog er sich damals dem Prozess durch Flucht. Ist die Vergewaltigung einer 13-Jährigen weniger schlimm, wenn der Täter prominent und vermögend ist?

Bloß zur Erinnerung: Keiner steht über dem Gesetz - auch Roman Polanski nicht.

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[1] Wikipedia, Roman Polanski
[2] Süddeutsche vom 29.09.2009
[3] OÖ-Nachrichten.at vom 29.09.2009
[4] Abendzeitung vom 28.09.2009
[5] 20 Minuten-online vom 28.09.2009
[6] Tages-Anzeiger vom 28.09.2009
[7] Basler Zeitung vom 29.09.2009