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07. Oktober 2009, von Michael Schöfer
Der Schrecken jeder Demokratie: das Volk


Die Zeit zwischen Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb ist für manche Menschen eine äußerst schmerzhafte Phase, denn augenblicklich sind über den Stand der Verhandlungen keinerlei Fakten bekannt. Das große Spekulieren beginnt. Die Zeitungen wissen nicht so recht, was sie schreiben sollen. Und selbst in der Blogosphäre scheint man sich ein bisschen zu langweilen. Wahrscheinlich sind die Blogger von der Wahlschlacht noch ein wenig erschöpft. Außerdem: Sich über die "bürgerlichen Mehrheit" empören, ist vor Veröffentlichung konkreter Ergebnisse völlig sinnlos. Man muss zunächst einmal den Koalitionsvertrag abwarten, anschließend kann im World Wide Web wieder aus allen Rohren geschossen werden.

Wie gut, dass es Umfragen gibt, die helfen uns etwas über die lange Wartezeit hinweg. Die Mutter aller Meinungsumfragen, die Bundestagswahl, hat der FDP bekanntlich das beste Ergebnis der Nachkriegszeit beschert. Guido Westerwelle konnte am Wahlabend vor Kraft kaum laufen. Doch laut einer aktuellen Forsa-Umfrage wünschen ihn sich gerade mal 28 Prozent als künftigen Außenminister. "Auch die FDP-Anhänger wünschen in der Mehrzahl, dass Westerwelle nicht Außenminister wird, sondern eine andere Aufgabe übernimmt." [1] Jetzt bereitet sich der smarte Junge mindestens schon ein Jahrzehnt auf dieses Amt vor (mental, leider nicht mit Englisch-Kursen), wird dafür von den Wählerinnen und Wählern sogar mit einem tollen Ergebnis belohnt, und nun wollen sie ihn - mitten auf der Ziellinie - lieber in einem anderen Ministerium sehen. Das Volk ist wahrlich der Schrecken jeder Demokratie.

Auch die Sozialdemokraten bleiben nicht verschont. Das Volk hat sich über Sigmar Gabriel, den designierten Vorsitzenden der Traditionspartei, ebenfalls bereits ein Urteil gebildet. Leider ein genauso uneinheitliches: "Jeweils 57 Prozent halten ihn laut stern-Umfrage für kompetent und schlagfertig; 54 Prozent sagen, er habe Visionen für die Zukunft, 51 Prozent finden ihn sympathisch, 49 Prozent glaubwürdig, 45 Prozent schätzen ihn als führungsstark ein, jeweils 44 Prozent attestieren Gabriel, dass er Witz und Humor habe, Leidenschaft besitze und etwas von Wirtschaft verstehe. 41 Prozent sagen, er stehe auf Seiten der kleinen Leute." Trotz solcher Traumwerte trauen ihm jedoch nur 32 Prozent zu, die SPD aus der Krise zu führen. Und "nur 13 Prozent halten ihn für fähig, die Probleme des Landes zu lösen". [2]

Dem ZDF-Politbarometer zufolge sind 53 Prozent der Wähler mit dem Wahlergebnis zufrieden. Gleichwohl erwarten nur 34 Prozent, "dass die neue schwarz-gelbe Bundesregierung die Probleme besser lösen wird als ihre schwarz-rote Vorgängerin". [3] Was soll man mit derartigen Umfrageergebnissen anfangen? Sie irritieren. Weiß der Souverän überhaupt, was er will? Wenn der Koalitionsvertrag Anfang November tatsächlich fertig sein sollte, bin ich auf den Politbarometer vom Dezember gespannt. Wahrscheinlich sehen die Ergebnisse Ende des Jahres wieder ganz anders aus, unter Umständen will dann niemand Schwarz-Gelb gewählt haben. Warten wir es ab und tanken Kraft für die große publizistische Schlacht, die unweigerlich kommen wird. Vielleicht sollte man solange einfach in Urlaub fahren. Unter Palmen kann man das Ganze nämlich wesentlich geruhsamer auf sich zukommen lassen.

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[1] Telepolis vom 07.10.2009
[2] Stern vom 06.10.2009
[3] Sächsische Zeitung vom 03.10.2009