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13. Oktober 2009, von Michael Schöfer
Thilo Sarrazin hat unrecht


Thilo Sarrazin, seit dem 1. Mai 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und für seine grobschlächtigen Äußerungen bekannt wie ein bunter Hund, hat vor Kurzem erneut zugeschlagen: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate." [1] Sarrazin weckt damit abermals dumpfe Vorurteile, seine Äußerung soll nämlich bedeuten: Die Deutschen werden hierzulande bald in der Minderheit sein. Eine Behauptung, die auch von Rechtsradikalen gerne verbreitet wird. Dass der ehemalige Berliner Finanzsenator Sarrazin (SPD) jetzt mit der gleichen These hausieren geht, macht sie allerdings keineswegs stichhaltiger.

Gewohnt, den Dingen mit Fakten auf den Grund zu gehen, hat mir das "Amt für Statistik Berlin-Brandenburg" freundlicherweise die von mir erbetenen Daten über die Geburten in Berlin, aufgeschlüsselt nach der Staatsangehörigkeit der Eltern, zugeschickt (Sarrazins Philippika war ja auf die Verhältnisse in Berlin gemünzt).

Danach stellt sich die Situation wie folgt dar: 2008 kamen in der Bundeshauptstadt 31.936 Kinder zur Welt, davon hatten 24.585 (= 76,98 %) eine deutsche Mutter bzw. 21.041 (= 65,88 %) einen deutschen Vater. Lediglich 1.665 (= 5,21 %) der Neugeborenen hatten eine türkische Mutter bzw. 2.105 (= 6,59 %) einen türkischen Vater. (Überschneidungen bei den Elternpaaren wurden von mir nicht ausgewertet.)

2008 lebten in Berlin 3,431 Mio. Menschen [2], davon waren 0,47 Mio. Ausländer (= 14 %). Letztere kamen aus insgesamt 186 Staaten. 111.285 Einwohner (23,7 Prozent aller Ausländer) besaßen die türkische Staatsangehörigkeit und stellten somit nur 3,24 Prozent der Bevölkerung. [3]

Der momentane Stand der Staatsangehörigkeit sagt selbstverständlich nichts über die Einbürgerungen aus. Zwischen 1991 und 2008 wurden in Berlin 156.753 Ausländer eingebürgert. Wie viele davon vorher Türken waren, konnte ich nicht eruieren. Unter den 6.864 Einbürgerungen des Jahres 2008 befanden sich jedenfalls bloß 2.080 Türken (= 30,3 %). [4]

Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick in die Zukunft. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat in einem Bericht über die voraussichtliche Stadtentwicklung Folgendes prognostiziert: Die Zahl der Einwohner mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit wird sich bis 2020 in der mittleren Variante auf rund 520,5 Tsd. erhöhen, Berlin käme damit auf einen Ausländeranteil von 15,5 Prozent. [5] Selbst wenn das allesamt Türken wären, ist das noch lange keine türkische Majorität. Wer das Gegenteil behauptet, verbreitet Schwachsinn.

Wie ist die Situation in Deutschland? Müssen wir uns tatsächlich vor der Überfremdung durch eine hohe Geburtenziffer bei Ausländerinnen fürchten? "Ausländische Frauen bekommen immer weniger Kinder", stellt das Statistische Bundesamt fest. "Die zusammengefasste Geburtenziffer der ausländischen Frauen lag im Jahr 2006 bei 1,6 Kindern je Frau. Damit war sie zwar höher als bei den deutschen Frauen (1,3), aber andererseits deutlich niedriger als zu Anfang der 1990er Jahre (zwei Kinder je Frau). Im Unterschied zu früheren kurzfristigen Schwankungen der Geburtenhäufigkeit zeichnet sich seit Ende der 1980er Jahre eine kontinuierliche Abnahme des Geburtenniveaus der Ausländerinnen ab." [6] 1,6 Kinder je Ausländerin - das reicht nicht einmal, um deren Zahl auf dem gleichen Niveau zu halten, weil dazu bekanntermaßen 2,1 Kinder pro Frau notwendig sind. Da sich die Geburtenziffer zwischen deutschen und ausländischen Frauen weiter angleichen dürfte, besteht auch langfristig keinerlei Überfremdungsgefahr.

Mit anderen Worten: Von einer "türkischen Eroberung durch eine höhere Geburtenrate" kann überhaupt keine Rede sein. Thilo Sarrazin schürt Ängste, die jeder rationalen Grundlage entbehren. Die Zahlen belegen es. Wenn Sarrazin dennoch Beifall bekommt, etwa durch den Schriftsteller Ralph Giordano ("Sarrazin beschreibt die Wirklichkeit so wie sie ist, und nicht wie seit vielen Jahren von der politischen Korrektheit dargestellt") [7], ist das eher ein Zeichen für Realitätsverlust oder Xenophobie.

Was ist überhaupt deutsch? Sind die ehemaligen polnischen Bergarbeiter, die Ende des 19. Jahrhunderts ins Ruhrgebiet einwanderten, die sogenannten "Ruhrpolen", heute nicht längst Deutsche? "Während gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Auswanderung Deutscher rückläufig war, zogen Menschen nicht-deutscher Herkunft nach Deutschland zu. Die Arbeitsmigration entstand aus der Nachfrage nach Arbeitskräften während der Industrialisierung. 1871 zogen nach dem deutsch-französischen Krieg Bergarbeiter aus Oberschlesien, polnische Landarbeiter aus Ost- und Westpreußen sowie aus Posen ins Ruhrgebiet und verwandelten es in eine 'polnische Kolonie'. Die Zechenunternehmer konnten damit den sprunghaft gestiegenen Bedarf an Arbeitskräften im Ruhrbergbau decken. Die deutsche Arbeiterschaft nahm die 'Ruhrpolen' als fremd wahr, wegen ihrer zum Teil streng katholischen Konfession und ihrer ungewohnten Sprache. Folglich bildeten die Polen ein eigenständiges Arbeitermilieu in den Städten des Ruhrgebiets, hauptsächlich in Essen, Dortmund und Gelsenkirchen. So wurden z. B. in Bochum komplett eigenständige Strukturen geschaffen wie die einflussreiche polnische Gewerkschaft Federacja ZZP, die Arbeiterzeitung Wiarus Polski und die Polnische Arbeiterbank. (...) 1871 lebten im Ruhrgebiet 536.000 Menschen, 1910 waren es bereits drei Millionen. Eine halbe Million waren polnischer Herkunft. Schätzungen gehen davon aus, dass ca. ein Drittel der 5,3 Millionen Menschen des Ruhrgebiets polnische Wurzeln hat." [8]

Thilo Sarrazin hätte den polnischen Zuwanderern damals gewiss ebenfalls mangelnde Integrationswilligkeit und -fähigkeit attestiert sowie von einer polnischen Eroberung gefaselt. Wie dumm das gewesen wäre, sehen wir heute. Außerdem: In Deutschland sind schon seit jeher zahlreiche Nationalitäten durchgezogen, haben ihre Spuren hinterlassen oder sich hier angesiedelt. Genaugenommen ist dieser Mischmasch sogar das eigentlich Deutsche. Was Deutschsein ethnisch betrachtet ist, lässt sich deshalb gar nicht feststellen, dafür existiert schlicht und ergreifend kein vernünftiger Maßstab. Nur verblendete Idioten, wie die Nazis, sprachen respektive sprechen von "deutschem Blut" (schwarz-rot-goldene oder meinetwegen schwarz-weiß-rote Blutkörperchen hat man bislang aber vergebens gesucht).

Sarrazin ist in Sachen Migration übrigens das beste Beispiel: "Die Familiengeschichte des derzeit Gescholtenen reicht zurück ins absolutistische Frankreich, von wo aus die hugenottischen Sarrazins über Genf und Basel nach Westfalen auswanderten. Spannender wird es, mutmaßt man anhand des so gar nicht abendländischen Nachnamens, welche Integrationsanstrengungen seine Urahnen vor dem 16. Jahrhundert erbracht haben könnten (von da an ist der Stammbaum gesichert)", schreibt die Berliner Morgenpost süffisant. [9] "Trotz Verbotes verließen im Laufe von etwa fünfzig Jahren ca. 200.000 Flüchtlinge ihre [französische] Heimat." [10] "Um das Jahr 1685 flüchteten 40.000 bis 50.000 Hugenotten nach Deutschland. Die Hälfte - etwa 20.000 - ließ sich in Brandenburg-Preußen nieder." [11] Ob sie dort immer mit offenen Armen empfangen wurden, ist zu bezweifeln. Hetzer, die Hass auf Einwanderer schüren, gab es zu allen Zeiten.

Nur in einem muss ich der Berliner Morgenpost widersprechen: Thilo Sarrazin sei ein großer Integrationserfolg, urteilt sie. Angesichts seiner Dumpfbacken-Parolen befürchte ich eher das Gegenteil, Sarrazins Integration weist offenbar noch erhebliche Mängel auf. In einer Firma würde man sagen, er stört den Betriebsfrieden. Bei starker Zuwanderung gibt es stets Probleme, das ist heute nicht anders als früher und soll keineswegs geleugnet werden. Und Integration fordert sicherlich von allen Beteiligten, Zuwanderern wie Einheimischen, enorme Anstrengungen. Migranten rüde und nahe der Volksverhetzung zu beschimpfen, ist jedoch kein hilfreicher Beitrag, so etwas ist vielmehr in hohem Maße menschenverachtend.

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[1] Süddeutsche vom 10.10.2009
[2] Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Pressemitteilung vom 31.07.2009 - Nr. 248, PDF-Datei mit 66 kb
[3] Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Pressemitteilung vom 05.03.2009 - Nr. 79, PDF-Datei mit 122 kb
[4] Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Statistischer Bericht, Einbürgerungen in Berlin 2008, PDF-Datei mit 256 kb
[5] Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bevölkerungsentwicklung in der Metropolregion Berlin 2002-2020 mit Schwerpunkt Bevölkerungsprognose für Berlin
[6] Statistisches Bundesamt, Geburten in Deutschland 2007, Seite 20f, PDF-Datei mit 521 kb
[7] Bild vom 13.10.2009
[8] Wikipedia, Ruhrpolen
[9] Berliner Morgenpost vom 15.10.2009
[10] Hintergrund siehe Wikipedia, Hugenottenkriege
[11] Wikipedia, Hugenotten in Deutschland

Nachtrag (01.06.2010):
Von den rund 683.000 Kindern, die 2008 in Deutschland das Licht der Welt erblickten, hatten 17.300 Kinder sowohl einen türkischen Vater als auch eine türkische Mutter. Das sind ganze 2,5 Prozent. Insgesamt hatten bei 64.000 Kindern (= 9,4 Prozent) Vater und Mutter eine ausländische Staatsangehörigkeit. [12]


[12] Statistisches Bundesamt vom 11.05.2010