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29. November 2009, von Michael Schöfer
Der Gustav Gans der deutschen Politik


Selbst die erfolgreichsten Politiker müssen irgendwann einmal abdanken, denn nach einiger Zeit gehen sie, frühere Verdienste hin oder her, ihrer Umwelt gehörig auf den Wecker. Will der immer noch nicht abtreten, wird dann hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Die Betroffenen merken das, wenn überhaupt, stets als letzte. Konrad Adenauer war so ein Typ. Seit 1949 Bundeskanzler, krallte er sich am Ende seiner Laufbahn nur noch an seinem Amt fest. 1963, als er endlich zurücktrat, ging buchstäblich ein Aufatmen durch die ganze Republik. Helmut Kohl, der politische Enkel Adenauers, übertrieb es ebenfalls. 16 lange Jahre, von 1982 bis 1998, führte er die Bundesregierung. In der letzten Legislaturperiode konnten ihn sogar seine größten Anhänger nicht mehr ertragen.

Immer wieder begegnen wir diesem Typus, in jüngster Zeit repräsentiert durch Michael Glos und Franz Josef Jung. Der eine glänzte durch mangelnde Impulse und eine unerträgliche Bräsigkeit, der andere formulierte seine Sätze ziemlich ungelenk und grinste noch, als es längst nichts mehr zu grinsen gab. Mit einem Wort: Beide waren offenbar total überfordert.

Des einen Leid, des anderen Freud: Ein gewisser Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg hatte das große Glück, sowohl Glos als auch Jung zu beerben. Gut ein halbes Jahr vor der letzten Bundestagswahl wurde Guttenberg Nachfolger von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Aus der bayerischen Provinz urplötzlich auf die bundespolitische Bühne katapultiert, punktete er schon allein durch sein forsches Auftreten. Erfolge sind zwar keine in Erinnerung geblieben, aber seitdem verbindet die Bevölkerung mit Guttenberg zumindest den Begriff "geordnete Insolvenz". Dass es den im Insolvenzrecht im Grunde gar nicht gibt, hierzulande ist ein Insolvenzverfahren nämlich immer "geordnet", weil gesetzlich geregelt, tat seiner Beliebtheit keinen Abbruch. Guttenberg glänzte allein schon durch den Kontrast zu seinem Vorgänger. Fast schon zwangsläufige Folge: Mit 68,1 Prozent der Erststimmen fuhr er bei der Bundestagswahl das beste Ergebnis aller Wahlkreisgewinner ein. Beachtliche Leistung - aus so wenig in so kurzer Zeit so viel zu machen.

Noch viel mehr Glück hatte Guttenberg, als ihm die Bundeskanzlerin das Verteidigungsministerium offerierte. Franz Josef Jung wirkte unbeholfen und hatte offenkundig eine Aversion gegen den Terminus "Krieg". Was machte der eloquente Freiherr aus Bayern? Er gab kurzerhand zu, dass in Afghanistan "kriegsähnliche Zustände" herrschen. Endlich, dachte die Nation erleichtert, obgleich der junge Verteidigungsminister genaugenommen immer noch nicht von einem "Krieg" sprach (bekanntlich geht im Krieg laut Grundgesetz Artikel 115b die Befehls- und Kommandogewalt auf den Bundeskanzler über). Aber derlei sprachliche Feinheiten gingen im allgemeinen Getümmel unter. Spätestens als Guttenberg auf seiner Reise nach Kabul in einer Transall der Bundeswehr "bella figura" machte, lagen ihm die Menschen zu Füßen. Und jetzt darf der Glückspilz auch noch den Chefaufklärer des Luftangriffs auf zwei Tanklaster in der Nähe von Kundus spielen und sich im Bendlerblock als "eiserner Besen" profilieren.

Konkurrenten, Angela Merkel wird schließlich nicht ewig Bundeskanzlerin bleiben, überlegen sich wohl schon jetzt, wie sie den Adelsspross wieder auf Normalmaß zurückstutzen. Die Bevölkerung ist mit Schwarz-Gelb nach dem missglückten Start nicht mehr so zufrieden, wie noch im September. "Die Bundesregierung macht ihre Arbeit eher gut", antworteten vor zwei Monaten 60 Prozent der Befragten, jetzt sind es bloß noch 50 Prozent. In Bezug auf die politische Stimmung weist der Pfeil für die Union mittlerweile nach unten. [1] Einziger Lichtblick: Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ist mit Abstand der beliebteste Politiker Deutschlands, da kann selbst die Bundeskanzlerin nicht mithalten. Der Mann ist wirklich ein Phänomen: Innerhalb eines Jahres von "Guttenberg who?" zum Superstar des Bundeskabinetts.

Ist Guttenberg der Gustav Gans der deutschen Politik? Fallen ihm die Sympathien des Wahlvolks ohne jeden eigenen Beitrag einfach nur so zu? Ihn zu unterschätzen, wäre sicherlich ein Fehler. Ihn zu überschätzen aber genauso. Erfahrungsgemäß stößt jeder Politiker früher oder später an seine Grenzen. Popularität ist nicht alles. Ob sich unter der smarten Hülle tatsächlich Substanz befindet, muss er erst noch beweisen. Ludwig Erhard, der in den 50er Jahren als Vater der sozialen Marktwirtschaft galt und äußerst beliebt war, feierte, nachdem er Konrad Adenauer ablöste, keine Triumphe mehr. Seine Regierungszeit gilt als glücklos. Und Gerhard Schröder, der zunächst euphorisch begrüßte Nachfolger von Helmut Kohl, erwies sich als Totengräber der SPD. Auch für Guttenberg gilt: The higher they climb the harder they fall. Immerhin, momentan ist er ohne Zweifel der Hoffnungsträger der Union.

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[1] ZDF-Politbarometer vom 27.11.2009