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02. Januar 2010, von Michael Schöfer
La vie en rose


Weihnachten wird auch ein bisschen vor dem Fernseher verbracht, an den Festtagen ist das Programm nämlich mit besonders vielen Spielfilmen angereichert. Vielleicht, um die an Familientragödien ohnehin reiche Weihnachtszeit nicht vollends ausarten zu lassen. Das "Fest der Liebe" ist nämlich emotional total überfrachtet, die Erwartungen sind so hochgeschraubt, dass die Realität eigentlich nur enttäuschen kann. Wie dem auch sei, diesmal habe ich mir unter anderem "La vie en rose" angesehen, ein Film über das Leben der Chansonsängerin Édith Piaf.

Nicht, dass ich ein Freund des französischen Chansons im Allgemeinen und ein erklärter Fan von Édith Piaf im Besonderen wäre, aber meine beiden CDs mit den bekanntesten Chansons der Französin haben mir dennoch immer gut gefallen. Ihre Stimme ist so kraftvoll und ausdrucksstark. Und obgleich ich des Französischen nicht mächtig bin, Textkenntnis vermitteln in solchen Fällen die Übersetzungen im Internet, haben mich ihre Lieder berührt. Womöglich weil ich mir beim Hören der Piaf immer ein Paris vorgestellt habe, das es nicht mehr gibt oder das eh nur in meiner Phantasie existierte.

Das Paris meiner Vorstellungswelt ist das Paris der Intellektuellen, die in den Bars, Cafés und Bistros Rotwein trinken und leidenschaftlich bis tief in die Nacht über Philosophie, Literatur, Politik und anspruchsvolle Filme diskutieren. Mein Paris ist das von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus. Es quillt über von Schriftstellern, Journalisten, Filmregisseuren und Nonkonformisten. Überall weht ein Hauch vom Geist der Französischen Revolution, der Résistance und des Mai 1968. Ein Leben, das mit viel Lektüre, geistiger Anregung und schriftstellerischer Produktivität verbunden ist.

Kurzum, ein Paris, das es so vermutlich nie gab, in dem man aber trotzdem gern gelebt hätte. Auch in Frankreich sind die Menschen wahrscheinlich schon von jeher vorwiegend am Alltäglichen und Banalen interessiert, die Intellektuellen mithin eine kleine Minderheit. Selbst mein hochtrabend als "Land der Dichter und Denker" deklariertes Heimatland fiel ja in der Geschichte eher durch Militarismus und Engstirnigkeit auf. Dichter und Denker wurden in Deutschland meist eingesperrt, ermordet oder ins Exil vertrieben - übrigens nicht bloß in der dunkelsten Epoche zwischen 1933 und 1945. Das "Land der Dichter und Denker" ist demzufolge ein Mythos, genauso wie das Paris der Intellektuellen ein Mythos ist.

Jedenfalls gehören zum Paris meiner Wunschvorstellung auch Künstler wie Édith Piaf. Und wie es sich für einen Bürger mit gediegener Halbbildung gehört, machte ich mir über diese Künstler ebenfalls Illusionen. Ich siedelte Édith Piaf gedanklich in jenen Bistros an, in denen Sartre, de Beauvoir und Camus verkehrten. Warum sollte eine Chansonsängerin nicht mit anderen Geistesgrößen über Philosophie, Literatur und Politik reden und so zu einem Klima der gegenseitigen kulturellen Befruchtung beitragen? Welch ein Trugschluss! Wie mir der Film offenbarte, kam Édith Piaf aus einem ganz anderen Milieu. Heute würde man es euphemistisch als "bildungsfern" bezeichnen. Der "Spatz von Paris" wuchs nämlich im Alkoholiker- und Prostituiertenmilieu auf, das vom Paris der Intellektuellen meilenweit entfernt ist. Ein Milieu, von dem sich die Piaf dem Film zufolge nie völlig lösen konnte.

"La vie en rose" verwandelte die feinfühlige Sängerin meiner Vorstellungswelt in eine zuweilen recht derbe Person. Eine Illusion zerplatzte. Aber ist es nicht ohnehin so, dass wir uns über viele Dinge nur Illusionen hingeben und in fragwürdige Klischees flüchten? Wir legen uns Bilder zurecht, andere sagen dazu Vorurteile, und sind dann überrascht, wenn die Wirklichkeit ganz anders ist. So wie mein Bild von Paris, so wie mein Bild von Édith Piaf.

Édith Piaf wurde nur 47 Jahre alt, ihr von Exzessen und Schicksalsschlägen begleitetes Leben hinterließ seine Spuren. Was bleibt von einem Menschen? Woran wird sich die Nachwelt erinnern? Was ist die Essenz eines Lebens? Im Fall von Piaf sicherlich ihre unverwechselbare Stimme. Letztlich bleiben von jedem Menschen nur seine Werke übrig, Lebensverläufe als solche sind daher vergleichsweise unwichtig. Homer zum Beispiel - für die jüngeren Leser: bitte nicht mit Homer Simpson verwechseln - hinterließ uns die Ilias und die Odyssee. Über ihn als Person ist hingegen fast nichts bekannt. Es gibt sogar gewisse Zweifel, ob jemals ein Mensch namens Homer tatsächlich existierte. Wie auch immer, seine Werke haben erstaunlicherweise 2.800 Jahre überdauert und werden noch heute gelesen. Zumindest von allen, die großen Wert auf Bildung legen. Ist vor diesem Hintergrund nicht vollkommen irrelevant, wie Homer selbst gelebt hat? Aus diesem Grund ist m.E. für die Nachwelt auch unwichtig, wie Édith Piaf gelebt hat. Was von ihr bleibt, sind die Chansons.

Und was bleibt von meinem imaginären Paris? Nun, ein paar historische Ereignisse und etliche im Pariser Dunstkreis entstandene Werke haben die Welt unbestreitbar nachhaltig verändert. Komplett eingebildet habe ich es mir also nicht. Doch anscheinend träumt man einfach von etwas, einem Ideal, das man in der häufig als geistlos empfundenen Gegenwart schmerzlich vermisst. Wunschdenken sozusagen, wie man die Welt eben gerne hätte. Bitterkeit liegt in der Erkenntnis, dass die Welt in der Realität bedauerlicherweise ganz anders aussieht. Zum Glück erlebt manches eine Renaissance, wenigstens darauf darf man hoffen.