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31. Januar 2010, von Michael Schöfer
Fragwürdige Wachstumsprognosen


Wachstum ist die Triebfeder unserer Wirtschaft. Es heißt, ohne Wachstum können wir nicht auskommen. Und deshalb berauschen wir uns gerne an Wachstumsprognosen, die eine ständige Mehrung unseres Wohlstands signalisieren. Insbesondere bei exponentiellem Wachstum führt das allerdings schnell ins Absurde. Ein Beispiel aus dem nichtökonomischen Bereich: Wilde Kamele sind in Australien zu einer Plage geworden, weshalb man ihren Abschuss erwägt. In den Augen der Australier sind sie "Vielfraße, die Schafen und Rindern die Wiesen und Wasserlöcher streitig machen". Inzwischen soll es dort mehr als eine Million Tiere geben, und ihre Zahl soll sich alle neun Jahre verdoppeln. [1]

Es geht hier nicht darum, ob Kamele für Australien tatsächlich eine Plage sind, das mag durchaus zutreffen, sondern um die Prognose in Bezug auf ihre Reproduktionsrate. Eine Verdoppelung alle neun Jahre ist nämlich eine Exponentialfunktion, die genau betrachtet schnell die Unsinnigkeit solcher Vorhersagen belegt. Würde die unterstellte Reproduktionsrate australischer Kamele wirklich stimmen, stiege nämlich "down under" die Anzahl der Kamele bis 2055 von einer Million auf 32 Millionen (vgl. Grafik). Es steht außer Zweifel, dass es auf dem fünften Kontinent für die 32-fache Anzahl an Höckertieren keine Existenzgrundlage gibt. Bereits lange vorher wären die fürs Überleben der Tiere notwendigen Ressourcen (Futter, Süßwasser) erschöpft, weil Letztere naturgemäß nicht mitwachsen, sondern durch Übernutzung abnehmen.



Die gleiche Absurdität erleben wir auch im Bereich der Ökonomie. Offenbar ohne groß nachzudenken werden Wachstumsraten einfach hochgerechnet, die daraus resultierende Absurdität jedoch weitgehend ignoriert. Im Gegenteil, die prognostizierten Ergebnisse dienen uns heute als Richtschnur, etwa wenn es um Investitionsentscheidungen geht. Zu alledem kommen noch Modeerscheinungen hinzu. Vor wenigen Jahrzehnten sollten wir uns an den USA orientieren, anschließend empfahl man Japan als Vorbild. Seitdem das japanische Modell in die Krise geriet, ist China en vogue. Und wie bei den australischen Kamelen werden die zweifellos beeindruckenden Wachstumszahlen des "Reichs der Mitte" kurzerhand fortgeschrieben.

Brasilien, Russland, Indien und China (abgekürzt BRIC) sind die führenden Länder von morgen, behauptet Goldman Sachs. Im März 2007, also am Vorabend der Finanzkrise, prognostizierte die Bank, dass das Bruttoinlandsprodukt der Volksrepublik im Jahr 2050 bei 70,7 Billionen US-Dollar liegen würde. Die USA hätten spätestens zu diesem Zeitpunkt den ersten Platz auf der Rangliste der größten Volkswirtschaften eingebüßt und lägen mit 38,5 Billionen US-Dollar auf Platz zwei, gefolgt von Indien mit 37,7 Billionen. Deutschland, heute auf Platz vier, fiele weiter nach hinten und käme nur noch auf Platz zehn.



Bruttoinlandsprodukt in Billionen US-Dollar

2008 [2] 2050 [3]
China 4,401 70,710
USA 14,264 38,514
Indien 1,209 37,668
Brasilien 1,572 11,366
Russland 1,676 8,580
Japan 4,923 6,677
BRD 3,667 5,024

Glaubt man Goldman Sachs, wird China im Jahr 2050 die Welt dominieren. Doch ist es realistisch, dass das Bruttoinlandsprodukt der Volksrepublik in vierzig Jahren sogar über dem jetzigen Weltinlandsprodukt liegt (2008: 60,9 Billionen US-Dollar)? Wohl kaum. Zumindest nicht, wenn das Ganze auf einem mit dem heutigen Zustand vergleichbaren Effizienzniveau basiert. Bekanntlich gehen die wichtigsten Rohstoffe zur Neige, viele davon werden 2050 so gut wie erschöpft bzw. nahezu unerschwinglich sein. China verbrauchte 2008 401,0 Mio. Tonnen Erdöl. [4] Unterstellt, der chinesische Energiemix bliebe gleich, würde der Erdölverbrauch bis 2050 auf wahnwitzige 6.442,8 Mio. Tonnen steigen - 63,6 Prozent mehr als der heutige Erdölverbrauch der gesamten Welt (3.939,3 Mio. t). Mit anderen Worten: Vollkommen unmöglich.

"China hat die USA 2009 als weltgrößten Automarkt abgelöst. Nach Industrieangaben stieg der Pkw-Absatz auf 10,3 Millionen. Den gesamten Fahrzeugabsatz schätzte der chinesische Auto-Verband auf 13,6 Millionen, das wäre ein Anstieg um 45 Prozent gegenüber 2008." [5] Prognosen zufolge sollen in China im Jahr 2050 600 Mio. PKW zugelassen sein - das entspräche dem gegenwärtigen globalen PKW-Bestand. [6] Die Automobilindustrie mag angesichts solcher Perspektiven jubeln, die Auswirkungen auf die Umwelt sind aber mit Sicherheit verheerend.

Der CO2-Ausstoß (Stichwort: globale Erwärmung) wäre, sollte das Goldman Sachs-Szenario tatsächlich eintreten, immens. China, mittlerweile der größte Treibhausgas-Emittent der Welt, hat 2008 6,8 Mrd. Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen. [7] Bei gleicher Energieeffizienz würde China in vierzig Jahren 109 Mrd. Tonnen ausstoßen - fast das Vierfache der globalen Emissionen des Jahres 2008. Wahrlich ein Horrorszenario. Dabei müssten die weltweiten CO2-Emissionen bis 2050 eigentlich drastisch sinken.

Anders als Goldman Sachs kommt man daher zwangsläufig zu dem Ergebnis: Das chinesische Wachstumsmodell hat in seiner augenblicklichen Beschaffenheit keine Zukunft.

Die Extrapolation der heutigen Wachstumsraten ist in hohem Maße fragwürdig. Ohnehin ist Goldman Sachs, was zuverlässige Prognosen angeht, keine gute Adresse. Jim O’Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs und Erfinder des BRIC-Konzepts, versicherte uns noch im November 2006: "Eine globale Rezession ist nicht in Sicht." [8] Ein halbes Jahr danach, im Frühsommer 2007, begann die schlimmste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wie hoch ist dann die Verlässlichkeit seiner Aussagen einzuschätzen, China würde 2050 die größte Volkswirtschaft der Erde sein oder Russland würde uns 2035 überholen?

Die Volksrepublik erscheint zwar aus heutiger Sicht als der kommende Hegemon, doch trifft das auch wirklich zu? Könnte es nicht vielmehr sein, dass der asiatische Riese auf tönernen Füßen steht? Im allgemeinen China-Hype wird das bloß kaum zur Kenntnis genommen. Dr. Jörg-M. Rudolph, Dozent und Geschäftsführer des Ostasieninstituts der Fachhochschule für Wirtschaft in Ludwigshafen, meint deshalb: "Schade, das 21. Jahrhundert wird wohl doch kein chinesisches." [9] China müsste, um den Kollaps zu vermeiden, technologisch enorme Fortschritte machen. Doch sind die wahrscheinlich? Bis 2050 kann, im Guten wie im Schlechten, noch viel passieren. Die Wachstumsprognosen von Goldman Sachs sind jedenfalls meiner Ansicht nach mehr als fragwürdig.

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[1] Süddeutsche vom 29.01.2010
[2] Wikipedia, Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt
[3] Goldman Sachs, Global Economics Paper No: 153, The N-11: More Than an Acronym, Seite 18, PDF-Datei mit 832 kb
[4] ExxonMobil, Oeldorado 2009, Seite 6, PDF-Datei mit 894 kb
[5] N24 vom 08.01.2010
[6] Prof. Dr. Markus Taube, Die Rolle Chinas bei der Gestaltung der neuen Weltwirtschaftsordnung, Seite 8, PDF-Datei mit 2 MB
[7] Handelsblatt vom 18.01.2010
[8] Fundresearch vom 28.11.2006
[9] Die Neue Epoche-Online, Wenn China über die Welt kommt