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07. Februar 2010, von Michael Schöfer
The higher they climb...


...the harder they fall. Altersdemenz soll sich ja ausbreiten wie eine Landplage. Gut, dass ich bislang verschont geblieben bin. Aber genau deshalb wundere ich mich täglich immer wieder aufs Neue, wie rasch frühere Gewissheiten zerbröseln. Davor haben wir jahrelang wie Espenlaub gezittert: Begriffe wie "lean production" und "lean management". Schlankheitswahn, nannten das die Gewerkschaften, der zur Magersucht führe. Die Japaner würden länger und härter arbeiten, hielt man den Arbeitnehmervertretern vor, die dortigen Schüler seien überdies extrem leistungsorientiert, davon könnten wir uns ruhig eine Scheibe abschneiden. Die japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie "Kaizen" (Veränderung zum Besseren) wurde zum nachahmenswerten Ideal erkoren, das Ministerium für Internationalen Handel und Industrie (MITI) vergöttert, wie bei den alten Griechen das Orakel von Delphi. Man war direkt verwundert, warum deutsche Beschäftigte nicht schon längst mit dem Samurai-Schwert zur Arbeit gingen. Viel hat dazu jedenfalls nicht mehr gefehlt.

Und nun das, alles vorbei, mit einem Schlag. Verzeihung, mit einem Gaspedal. Der japanische Autohersteller Toyota, in der Vergangenheit ein Synonym für höchste Qualität, muss wegen eines defekten Gaspedals weltweit Millionen Fahrzeuge in die Werkstatt zurückrufen. Mein Gott, die Japaner werden geradezu menschlich, sie machen - wie alle anderen - Fehler. Doch jetzt kriechen sie plötzlich aus ihren Löchern und hängen ihr Fähnchen wieder in den Wind. Die, die Japan einst auf den Schild hoben, eröffnen nun die Treibjagd: In Japan herrsche ein "Kartell der Mittelmäßigen", schreibt Christoph Neidhart in der Süddeutschen. [1] "Japans Erziehungsministerium hat immer wieder definiert, was Konfuzianismus sei: Und diesen jeweils dem Bedarf von Wirtschaft und Staat angepasst: Unterordnung und Fleiß, in der Zeit des Militarismus blinder Gehorsam. Querköpfe und Selbstdenker waren in Japan noch nie erwünscht, jedenfalls haben sie keine Karrierechancen. Mit der Generation der heutigen Spitzenpolitiker und -manager, die in den 60er Jahren studierten, hat eine von oben verordnete Mittelmäßigkeit die Top-Positionen erreicht. Das rächt sich." Darum versäume die japanische Industrie den Anschluss. Der Verfasser dieser Philippika schrieb allerdings noch vor kurzem: "Die Kinder des Konfuzius. Was Ostasien so erfolgreich macht."

Gelten die Japaner nun nicht mehr als Vorbild? Jetzt lesen wir zum allgemeinen Erstaunen, dass dort in puncto Ausbildung mindestens seit den 60er Jahren (!) etwas ziemlich falsch gelaufen ist. Und warum hat man uns das dann jahrelang als das Gelbe vom Ei angepriesen? Die Japaner, an denen wir uns orientieren sollten, verlieren also den Anschluss. Pah! Im Grunde, so lautet die momentane Sprachregelung, war in Japan schon immer alles Mist. Könnte man jedenfalls fast meinen. Was lernen wir daraus? Im Guten wie im Schlechten wird - wie stets in solchen Fällen - maßlos übertrieben. Japan ist, wie sich heute langsam herausstellt, nie das leuchtende Vorbild der industriellen Zukunft gewesen. Aber es ist jetzt auch kein dem Untergang geweihtes Modell, das unausweichlich den Anschluss verliert. Die Geschichte lehrt, dass alles einem ständigen Auf und Ab unterworfen ist. Über lange Zeiträume hinweg pendelt das Zepter der Macht (ökonomisch wie politisch) mal in diese Ecke und ein andermal in jene Ecke. Das einzig Beständige an der Welt ist bekanntlich ihre Unbeständigkeit. Und die eigentliche Lehre aus dem Vorgenannten: Bewerte alles mit der gebotenen Distanz und außerdem mit gesunder Skepsis. Denn nur die verlieren den Anschluss, die unkritisch der jeweils aktuellen Modeerscheinung nachrennen.

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[1] Süddeutsche vom 06.02.2010