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21. Februar 2010, von Michael Schöfer
Westerwelle schäumt und keiner reagiert


"Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin." (Carl Sandburg, 1878-1967) Dieses Zitat wird meist von der Friedensbewegung verwendet. Leider hat es nichts genutzt, denn bislang sind die Menschen noch zu jedem Krieg bereitwillig hingegangen. "Stell Dir vor, Westerwelle schäumt und keiner reagiert." Ist genauso wenig wahrscheinlich. Bedauerlicherweise gelingt es dem FDP-Chef seit Jahren, mit gezielt kalkulierten Provokationen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, zum Beispiel vor kurzem mit seiner Sozialstaats-Philippika. Und alle, wirklich alle, einschließlich des Autors, springen jedesmal bereitwillig über das von Westerwelle hingehaltene Stöckchen. Die Printmedien, das Fernsehen und die versammelte Netzgemeinde - mehr oder minder angewidert diskutieren sie seine skurrilen Aussagen ("Schneeschippen ist zumutbar"). Egal, was dabei herauskommt, der Mann hat sein Ziel erreicht: Aufmerksamkeit. "Nichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung", das wusste schon Martin Luther. Und wer Arbeitslose beleidigt, dem ist langanhaltende Aufmerksamkeit sicher, schließlich gibt es massenhaft Arbeitslose. Außerdem etliche Millionen, die sich von Arbeitslosigkeit bedroht fühlen. Guido lacht sich insgeheim gewiss ins Fäustchen.

"Stell Dir vor, Westerwelle schäumt und keiner reagiert." Ach, würden wir das doch beherzigen. Dann könnten wir uns wenigstens mit der Bewältigung der Finanzkrise oder der zunehmenden Erderwärmung beschäftigen. Wann leisten die Banken endlich ihren Beitrag zur Gesundung der Staatsfinanzen? Soll die Solarförderung tatsächlich zurückgefahren werden? Darüber würden wir gerne mit Leidenschaft debattieren. Und lauschen. Lauschen, ob sich die Kanzlerin vielleicht in dem ein oder anderen Fall doch noch zu Wort meldet. Überlegen könnten wir, in Ruhe überlegen, was uns wirklich wichtig ist: interessante Literatur oder der schnöde Mammon? Aber nein, da kommt ein dumm-dreister Schnösel daher und nimmt uns die Luft zum Atmen. Einfach so. Und ohne ausreichende Sauerstoffversorgung versagen bekanntlich die grauen Zellen. Ich fürchte, der FDP-Chef weiß das. Als nächstes folgt dann unweigerlich der Tunnelblick: Westerwelle hier, Westerwelle dort, Westerwelle vorne, Westerwelle hinten, Westerwelle oben, Westerwelle unten. Guido, der Problembär. Das Schlimme ist, ganz Deutschland fiebert mit. So, als ob es keine anderen Themen mehr gäbe. Fürchterlich, kaum auszuhalten.

Stell Dir vor, Westerwelle schäumt und wir würden ihn kurzerhand ignorieren. Keine einzige Schlagzeile, weder in BILD noch in der Frankfurter Rundschau, selbst der "Spiegelfechter" schreibt kein Wort über Guido. Normalerweise will ich ja Westerwelles Gesicht gar nicht sehen, aber das würde ich mir keinesfalls entgehen lassen: Ein konsternierter Westerwelle - Ostern und Weihnachten fallen auf einen Tag! Ich fürchte bloß, das Ganze bleibt ein unerfüllbarer Wunschtraum. Leider.