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08. März 2010, von Michael Schöfer
Unfreiwillige Adoption


Die Deutschen sind ein komisches Volk. Ausländer mögen sie ja gemeinhin nicht so gern, aber wenn einer Erfolg hat, wird er einfach adoptiert. Insbesondere Österreichern kann das passieren. So waren etwa die Deutschen hellauf begeistert, als sich der Formel 1-Rennfahrer Jochen Rindt seinerzeit auf den Weg zur Fahrerweltmeisterschaft machte. Zwar hatte Rindt einen deutschen Vater und sogar einen deutschen Pass, wurde aber nach dem Tod seiner Eltern als Kleinkind nach Österreich geholt und fuhr mit einer österreichischen Lizenz. Offizielle Dokumente der FIA führten ihn folgerichtig als Österreicher. Seine Siege wurden jedoch in Deutschland wie selbstverständlich als "deutsche Siege" gefeiert. Niki Lauda, ein anderer Formel 1-Rennfahrer, ist von der Abstammung her durch und durch Österreicher, aber hierzulande bei den Fans immer noch so beliebt, als wäre er ein Einheimischer. Vielleicht liegt's an der Sprache.

Bei einem gewissen Schicklgruber, Historikern wie Nichthistorikern besser unter dem Namen Adolf Hitler bekannt, verlief die Sache ziemlich kurios: Als gebürtiger Österreicher schwang er sich zunächst zum umjubelten Führer der Deutschen auf, bloß um 1945 rasch der Verachtung anheimzufallen. Am liebsten hätten die Deutschen "ihren Adolf" nachträglich wieder nach Österreich abgeschoben. Im Jahr 2007, 62 Jahre nach seinem feigen Selbstmord, wurde tatsächlich ernsthaft darüber diskutiert, ihm die erst 1932 (!) verliehene Staatsbürgerschaft posthum zu entziehen. Manche wussten es ja schon immer: Deutschland trägt keine Schuld am II. Weltkrieg, schließlich war der Adolf ein Österreicher. Ja, mei...

Können Sie sich vorstellen, dass unsere zuckersüße "Sissi", die junge Kaiserin, in Wahrheit in Wien geboren wurde? Damals hieß sie jedenfalls noch Romy Schneider (eigentlich Rosemarie Magdalena Albach). Die Schauspielerin fühlte sich zeitlebens als Österreicherin. Hat ihr aber überhaupt nichts geholfen, denn auch die Sissi wurde kurzerhand adoptiert. Ja, so hartnäckig sind die Deutschen, wenn sie jemanden richtig ins Herz geschlossen haben.

Jetzt trifft es den österreichischen Schauspieler Christoph Waltz. In einem Streifen von Quentin Tarantino spielte Waltz ausgerechnet einen SS-Offizier (Filmname Hans Landa, nicht Lauda) so überzeugend, dass ihm die Academy of Motion Picture Arts and Sciences gestern Abend in der Kategorie "bester Nebendarsteller" den Oscar zuerkannte. BILD überschlägt sich natürlich vor Begeisterung: "Die sympathischste Dankesrede der Oscar-Nacht. (...) Mit dem Oscar, dem Adelsschlag unter den Filmschaffenden, gehört Waltz nun endgültig zu den gefragtesten deutschsprachigen Schauspielern." Merke: deutschsprachig = deutsch (davon ausgenommen ist selbstverständlich besagter Schicklgruber, doch gerade den werden die Deutschen nie wieder los). Hätte Günter Wallraff einen Oscar gewonnen, wäre die Begeisterung bei BILD bestimmt wesentlich geringer ausgefallen, obgleich der Enthüllungsjournalist durch und durch Deutscher ist. Den würde BILD selbst dann nicht lieben, wenn er Österreicher wäre. Wie gesagt, ein komisches Volk, die Deutschen.

Nachtrag (24.08.2010):
Witz der Woche: Wie erst jetzt bekannt wurde und BILD seinerzeit gar nicht wusste, ist Waltz tatsächlich Deutscher. Doch nun bekommt er in einem Eilverfahren die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt. [1] Der Artikel hätte also auch so beginnen können: Die Österreicher sind ein komisches Volk. Piefkes mögen sie ja gemeinhin nicht so gern, aber wenn einer Erfolg hat, wird er einfach eingebürgert...

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[1] Focus-Online vom 24.08.2010