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10. April 2010, von Michael Schöfer
Carla Bruni und andere Widrigkeiten

Die Industrie ist leider ziemlich heimtückisch und will uns ständig zum Kauf neuer Dinge animieren. Zu diesem Zweck greift sie häufig zu unfairen Mitteln, um uns das liebe Geld aus der Tasche zu ziehen. Beispiel gefällig? Angeblich soll ja mal irgendjemand eine Glühbirne entwickelt haben, die ewig hält, doch die durfte aus nachvollziehbaren Gründen nie in Serie gehen. Wovon sonst sollte die Glühbirnenindustrie leben, wenn die Dinger ewig halten? Sehen Sie! Eines der Vorserienexemplare hat dennoch auf verschlungenen Pfaden eine Lampenfassung erreicht - die "Centennial Bulb" in der Feuerwache 6 von Livermore/USA. Die brennt nun schon seit 109 Jahren und wurde allein dadurch zur Legende. Das schaffen nicht einmal Energiesparlampen. Die "Centennial Bulb" hat jedenfalls allen einschlägigen Verschwörungstheorien mächtig Auftrieb gegeben.

Eine äußerst raffinierte Methode, an unser sauer verdientes Geld zu kommen, entwickelte die Textilindustrie: In den Kleidungsstücken ist ein dem Verbraucher bislang völlig unbekannter Mechanismus eingebaut, der Jacken, Hemden und Hosen sukzessive schrumpfen lässt. Auch ich bin kürzlich Opfer dieses hinterhältigen Tricks geworden, wegen dem hochgeheimen Schrumpfungsmechanismus habe ich mir doch tatsächlich neue Jeans kaufen müssen, die alten wurden peu à peu enger. Als ich sie dann bei der Galeria Kaufhof anprobieren wollte, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass die Textilindustrie die kürzlich noch gültigen Größenangaben unterdessen ebenfalls manipuliert hat. Die Hosengröße, mit der ich seit mindestens 20 Jahren blendend ausgekommen bin, war mir plötzlich zu klein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, dachte ich.

Zu allem Überfluss steckt der Kaufhof, wie ich schnell herausfand, mit der Textilindustrie unter einer Decke. Sie werden es nicht glauben, aber als ich die Umkleidekabine betrat, hat sich ein etwas dicklicher Mann frech mit reingedrängt. Einfach so. Ich war natürlich empört und schrie: "Hey, wir sind doch nicht im Beichtstuhl oder in der Odenwald-Schule." Der Unhold sagte keinen einzigen Ton, äffte dafür alle meine Bewegungen nach. Die zu Hilfe eilende Verkäuferin behauptete, das sei lediglich mein Spiegelbild. Merken Sie, wie perfide Industrie und Handel mittlerweile agieren? Das konnte nämlich gar nicht sein, mit dem leicht untersetzten Mann in der Umkleidekabine hatte ich überhaupt keine Ähnlichkeit. Nicht die geringste. Auf Ehr und Gewissen. Seltsam ist nur, dass der Frechdachs die gleiche Kleidung trug. Wie machen die das bloß?

Kommen wir schließlich zu Carla Bruni, der Gattin des französischen Präsidenten. Die hat angeblich ihren Mann betrogen. Oder er sie, vielleicht auch beide sich gegenseitig - so genau habe ich das zunächst gar nicht verfolgt (bekanntlich gibt es wichtigere Dinge auf Erden, schrumpfende Kleidung beispielsweise). "Die Sache beginnt Anfang März: Ein Pariser Blogger verbreitet über Twitter die Nachricht, die Ehe des Präsidentenpaares sei am Ende, beide hätten neue Partner." [1] Folge: Der 23-jährige Blogger, der den Klatsch verbreitete, und sein Vorgesetzter sind inzwischen arbeitslos.

Anschließend kommt Nicolas Sarkozy mit dem großen Hammer, wozu ist er Präsident der Grande Nation. Die ehemalige Justizministerin, Rachida Dati, soll neuerdings bei den Sarkozys persona non grata sein, sie wird als Informantin des Bloggers verdächtigt. Das Streuen von Gerüchten über die Ehe des Präsidentenpaares interpretieren höchste Kreise als Versuch, Frankreich zu destabilisieren (als hätte das nicht schon die Bankenkrise erledigt). Man spricht sogar von einem "organisierten Komplott". Der Nachrichtendienst ermittelt. Nein, nicht gegen die Banker, sondern gegen den Blogger und dessen mutmaßliche Hintermänner bzw. -frauen. Die Dreyfus-Affäre lässt grüßen. Sarkozy sieht sich generell von vielen, vermeintlich üblen Subjekten verfolgt. Dem Ex-Premierminister Dominique de Villepin etwa warf er vor, in eine Verschwörung gegen ihn verwickelt gewesen zu sein. Wie Sie sehen, leiden selbst hochgestellte Persönlichkeiten gelegentlich unter paranoiden Wahnvorstellungen. Besonders gefährlich wird Paranoia immer dann, sobald sie Verfügungsgewalt über Atomraketen erlangt (nein, ich meine jetzt nicht Mahmud Ahmadinedschad - wozu in die Ferne schweifen...).

Ich bin sicher, Carla Bruni und Nicolas Sarkozy wissen Näheres über die ewig leuchtende Glühbirne. Auch der perfide Textilschrumpfungsmeachnismus dürfte ihnen nicht unbekannt sein - immerhin hat Bruni, ein ehemaliges Supermodel, lange im Dunstkreis dieser Verbrecherbande ihre Brötchen verdient. Und der etwas dickliche Mann in meiner Umkleidekabine wurde wahrscheinlich direkt aus dem Élysée-Palast gelenkt. Da sollte der französische Geheimdienst mal ermitteln, nicht seine wertvolle Zeit mit überflüssigem Klatsch vergeuden.

Postskriptum: Frauen haben zu solchen Dingen einen anderen, wie sie meinen, viel pragmatischeren Zugang. Meine Freundin lästert, der "geheime Textilschrumpfungsmeachnismus" sei auf das Pizza-Calzone-Syndrom in Verbindung mit anhaltendem Dornfelder-Missbrauch zurückzuführen, der Eindruck der Schrumpfung mithin nur relativ - nicht die Kleider würden schrumpfen, sondern ich würde dicker. Liebe Leserinnen und Leser, eine derart krude Verschwörungstheorie habe ich ja noch nie gehört. Ganz im Vertrauen, ich mache mir ernste Sorgen um den Geisteszustand meiner Partnerin.

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[1] Süddeutsche vom 09.04.2010