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14. Juni 2010, von Michael Schöfer
Wird China ein Opfer der Globalisierung?


Der taiwanesische iPhone- und iPad-Auftragshersteller Foxconn erwägt Medienberichten zufolge die Schließung seiner Werke in China. Foxconn hatte zuletzt nach einer Serie von Selbstmorden die Löhne drastisch erhöhen müssen. "Die Produktionsstätten könnten zurück nach Taiwan, zum Hauptsitz des Konzerns, oder nach Indien und Vietnam verlagert werden. (...) Stimmen die Meldungen, verlieren etwa 900.000 Mitarbeiter ihre Jobs." [1]

China erlebt derzeit eine Streikwelle ohnegleichen, mit der die Arbeiter höhere Löhne durchsetzen wollen. Die Forderungen sind nur allzu berechtigt: "Der Anteil der Löhne am Nationaleinkommen fiel 2007 auf 39,7 Prozent, von 53,4 Prozent im Jahr 1996, während der Anteil der Unternehmensgewinne von 21,2 auf 31,3 Prozent hochschnellte." [2] Deutsche Ökonomen aufgepasst: Insgeheim werden die Streiks von der chinesischen Regierung sogar begrüßt, verspricht sie sich doch von höheren Löhnen eine Stärkung des Binnenmarkts und eine Abbremsung der Lohnspreizung. Letzteres im Interesse der gesellschaftlichen Stabilität. Peking will den sozialen Sprengsatz, der aus der ungehemmten Industrialisierung resultiert, etwas entschärfen. Und das möglichst geordnet, bevor er explodiert.

Foxconn zahlte vor der Selbstmordserie nur den Basislohn von umgerechnet 108 Euro, nun sollen die Löhne ab Oktober auf 246 Euro steigen. Doch das ist dem Hersteller der begehrten Apple-Produkte offenbar schon zu viel. Glaubt man Apple-Chef Steve Jobs, sind die Arbeitsbedingungen bei Foxconn "sehr nett". Der Konzern sei "kein Ausbeuterbetrieb", behauptet er. [3] Jobs muss das natürlich sagen, denn die Foxconn-Affäre nagt gehörig am sauberen Image des Konzerns aus Cupertino. Solange nichts bekannt wird, sind den Firmen die Menschen vermutlich gleichgültig, Hauptsache sie mehren den Profit. Nur dumm, wenn derartige Methoden an die Öffentlichkeit gelangen. Die Firmen-Propaganda von den ordentlichen Arbeitsbedingungen soll lediglich die Kunden in den Industriestaaten Europas und Nordamerikas beruhigen, hinter den Kulissen sieht die Wahrheit oft ganz anders aus. Kommt sie ans Tageslicht, mimt man entweder den Ahnungslosen oder ist demonstrativ entrüstet.

Dass Foxconn jetzt die Schließung seiner chinesischen Werke erwägt und sie unter Umständen nach Vietnam oder Indien verlagern möchte, bestätigt eine alte These: "Menschliche Arbeit wird billig wie Dreck, weil es in einer globalisierten Welt immer irgendwo einen gibt, der bereit ist, die gleiche Arbeit für weniger Lohn zu machen", schrieb Horst Afheldt 1994 in seinem Buch "Wohlstand für niemand?". Zwar ist China für hiesige Unternehmen als billige Werkbank und vielversprechender Absatzmarkt nach wie vor ein attraktiver Standort, das dürfte sich bei explodierenden Löhnen - siehe Foxconn - aber schnell ändern. Zumindest die billige Werkbank steht dann massiv in Frage.

Das "Reich der Mitte" könnte also dereinst die negativen Auswirkungen der ungeregelten Globalisierung, von der es momentan noch enorm profitiert, durchaus zu spüren bekommen. Für Peking eigentlich Grund genug, sich für mehr Regulierung stark zu machen. Bislang traten die Chinesen diesbezüglich auf der internationalen Bühne allerdings eher als Bremser auf. Das chinesische Wachstumsmodell hat in seiner augenblicklichen Beschaffenheit ohnehin keine Zukunft [4], China muss daher zwangsläufig umsteuern. Je früher es das tut, desto sanfter gelingt der Übergang.

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[1] ZDNet.de vom 11.06.2010
[2] Tages-Anzeiger vom 12.06.2010
[3] Spiegel-Online vom 02.06.2010
[4] siehe Fragwürdige Wachstumsprognosen
vom 31.01.2010