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21. Juni 2010, von Michael Schöfer
Mieses Image


Dass sich Israel bei der Erstürmung eines Schiffes, das die Gaza-Blockade durchbrechen wollte, keine Freunde machen würde, hätte sich die Regierung in Jerusalem von vornherein denken können. Immerhin spielte ein Schiff bei der Durchsetzung der Neugründung des Staates eine bedeutende Rolle. Das Schicksal der "Exodus", den meisten vermutlich durch den Hollywood-Streifen mit Paul Newman bekannt, war nämlich ein veritabler Propaganda-Erfolg der Hagana. Damals, am 18. Juli 1947, gab es auf Seiten der Flüchtlinge drei Tote und über 150 Verletzte: "20 Meilen vor der palästinensischen Küste, kam es zum Showdown auf hoher See: Die Briten nahmen das Flüchtlingsschiff in die Mitte und versuchten es zu rammen. Die Mannschaft wehrte sich mit allem, was sie zur Hand hatte - Holzstangen, Kartoffeln und Konservendosen, die als Geschosse eingesetzt wurden." [1]

Die Kaperung der Exodus ist also durchaus mit der Kaperung der Hilfsflotte vor Gaza vergleichbar - nur dass den Israelis diesmal keine Sympathien zuflogen. Im Gegenteil, die Erstürmung des internationalen Schiffskonvois wurde weltweit verurteilt. Israel isoliert sich durch sein hartes Eingreifen mehr und mehr, die seit 1967 andauernde faktische Okkupation der Westbank hat dem Land ohnehin bereits viel Kritik eingebracht. Bewunderte man - zumindest im Westen - anfangs noch den Selbstbehauptungswillen des jüdischen Staates, rückte spätestens seit der ersten Intifada dessen rigide Besatzungspolitik in den Vordergrund. Der damalige israelische Verteidigungsminister und spätere Friedensnobelpreisträger Jitzchak Rabin erwarb sich während der Niederschlagung des Aufstands den Beinamen "Knochenbrecher". Zu Recht: Israelische Soldaten brachen gefesselten Palästinensern mit Steinen die Oberarme, die Fernsehbilder [2] schockten die ganze Welt. Israel ist schon lange nicht mehr David, Israel ist inzwischen Goliath.

Israel hat momentan ein ziemlich mieses Image. Dass Jerusalem Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel soeben die Einreise in den Gaza-Streifen verweigerte, ist vor diesem Hintergrund allerdings nur eine Petitesse. Ein weiterer Mosaikstein, nicht mehr. Gleichwohl, hilfreich war das Einreiseverbot kaum. Bezeichnend an dem Vorgang: Niebel ist als Vizepräsident der "Deutsch-Israelischen Gesellschaft" ein ausgewiesener Freund Israels, trotzdem hat ihn die israelische Regierung brüskiert. Wer sogar Freunde derart vor den Kopf stößt, braucht sich über heftige Kritik nicht zu wundern. Oder, um es mit Mark Twain zu sagen: "Ehe ein Mann anfängt, seine Feinde zu lieben, sollte er seine Freunde erst einmal besser behandeln."

Viel schlimmer ist, dass sich in Israel offenbar eine Wagenburgmentalität breit gemacht hat, die mittlerweile, wie Kritiker behaupten, zu einer "politischen und intellektuellen Verrohung der Gesellschaft" geführt habe (Moshe Zimmermann). Wie dem auch sei, die Zweifel, ob Israel überhaupt eine Friedensregelung anstrebt, sind jedenfalls in letzter Zeit enorm gewachsen. Ob sich die Welt eine weiterhin schwärende Wunde in Nahost leisten kann, ist fraglich. Doch bislang hat auch US-Präsident Obama alle Hoffnungen, die in ihn gesetzt wurden, bitter enttäuscht. "Die amerikanische Nahostpolitik ist mit der Konvoi-Krise an einem absoluten Nullpunkt angelangt. Von den Ambitionen, die Präsident Barack Obama noch zu Beginn seiner Amtszeit hatte, ist wenig geblieben", kommentiert Der Standard. [3]

Die Lage scheint aussichtslos. Und solange das so bleibt, wird Israel weiter mit seinem miesen Image leben müssen. Die Lockerung der Blockade des Gaza-Streifens ändert daran nichts. Erst wenn Jerusalem begreift, dass es sich mit seiner Politik selbst schadet, gibt es vielleicht Hoffnung. Aber das kann dauern.

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[1] einestages, Zeitgeschichten auf Spiegel-Online
[2] Video auf YouTube
[3] Der Standard vom 02.06.2010