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01. August 2010, von Michael Schöfer
Von Äpfel und Birnen


Griechenland steht in der Kritik. Kein anderes Land leiste sich einen so aufgeblähten Beamtenapparat, heißt es. "Der öffentliche Dienst wurde in den vergangenen Jahrzehnten aufgebläht - begonnen hat damit schon die 1981 gewählte Regierung von Papandreous Vater Andreas. Im Dezember 1984 wurden an einem einzigen Tag 50.000 sogenannte außerordentliche Beamte eingestellt. Parteifreunde wurden immer mit gutdotierten Staatsjobs versorgt - egal ob unter Sozialisten oder Konservativen. Heute arbeitet jeder vierte Berufstätige für den Staat. In Deutschland ist es jeder achte." [1]

Ob die Beschäftigtenzahlen des öffentlichen Dienstes von Deutschland und Griechenland miteinander vergleichbar sind, hängt zunächst einmal von dessen jeweiliger Struktur ab. Bestimmt sind etwa die Postboten der staatlichen Post ELTA allesamt Beamte. Hierzulande ist das inzwischen anders: Mitte 2009 waren noch 133.218 Beamte bei den drei Post-Nachfolgeunternehmen Deutsche Telekom AG, Deutsche Post AG und Deutsche Postbank AG tätig, das waren von insgesamt 362.351 Mitarbeitern ganze 36,8 Prozent. [2] Bei der Deutschen Post AG waren von 191.104 Mitarbeitern 57.723 Beamte (= 30,2 Prozent). Außerdem, was wird denn überhaupt konkret gezählt? Nur die Beamten? Oder zählt man auch die Tarifbeschäftigten des öffentlichen Dienstes mit? Sind Schreibkräfte in Griechenland ebenfalls Beamte? Bei uns jedenfalls nicht. Fragen über Fragen.

Wie auch immer, Griechenland hat jetzt ermittelt, wie viele Staatsbedienstete es hat. Es sind - vorausgesetzt, die Zahlen stimmen tatsächlich - exakt 768.009. Nun bestätige sich, dass das Land am Ägäischen Meer einen "Beamten-Wasserkopf" habe. [3] In Griechenland leben 11,260 Mio. Menschen [4], gemessen daran haben die Staatsbediensteten einen Anteil von 6,8 Prozent.

Deutschland hat 81,835 Mio. Einwohner [5] und 4,55 Mio. Staatsbedienstete (2,7 Mio. Angestellte, 1,7 Mio. Beamte und Richter). [6] Gemessen an der Bevölkerung haben die Staatsbediensteten einen Anteil von 5,6 Prozent. So gravierend ist der Unterschied also nicht. Zählt man allerdings wirklich nur die Beamten und Richter, kommt Deutschland auf einen Anteil von lediglich 2,1 Prozent.


[Anzahl der Staatsbediensteten in Deutschland, Quelle: Statistisches Bundesamt]

Wurden hier Äpfel mit Birnen verglichen? Keine Ahnung, denn so richtig schlau wird man allein aus den nackten Zahlen nicht. Um genau beurteilen zu können, ob sich Griechenland tatsächlich einen "Beamten-Wasserkopf" leistet, sind Angaben über die Struktur des dortigen öffentlichen Dienstes unerlässlich. Darüber hinaus erlaube ich mir den Hinweis, dass die Wirtschaftsstruktur von Griechenland generell nicht mit der von Deutschland vergleichbar ist. Hierzu genügt schon ein Blick auf die Liste der größten Unternehmen in Griechenland und die Liste der größten Unternehmen in Deutschland.

Natürlich ist das kein Plädoyer, in Griechenland alles so zu lassen, wie es in den vergangenen Jahrzehnten war. Die griechische Schuldenkrise ist zweifellos ein Alarmsignal. Dennoch sind mir zahlreiche Stimmen in Bezug auf Hellas viel zu schrill. Und zu mitleidlos.

So ist die Situation in Griechenland: "Das Lohnniveau ist in Griechenland sowohl im Vergleich mit anderen westeuropäischen Staaten als auch im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten recht niedrig. Dabei gibt es regionale Unterschiede: In Thessaloniki verdient man rund ein Viertel weniger als in Athen, im übrigen Land beträgt der Unterschied sogar 35 Prozent. Angestellte erhalten für einen Vollzeitjob im Durchschnitt gerade einmal 41 Prozent des Gehalts eines Angestellten in Deutschland. (…) Branchenübergreifend und mit bis zu drei Jahren Berufserfahrung erhält ein Ingenieur im Durchschnitt mindestens 1.034 € brutto pro Monat, ein Programmierer 702 €, ein Sekretär mit Fremdsprachenkenntnissen 717 €, ein Buchhalter 771 € und ein Fahrer 716 €." [7] Ja, ja, erschrecken Sie nicht, das sind Bruttogehälter. "Zwei Drittel aller Griechen leben bereits jetzt von 700 Euro oder weniger im Monat." [8] "20 Prozent der Griechen beziehen ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze (...). Von den bei der größten staatlichen Rentenanstalt versicherten Rentnern müssen 60 Prozent mit weniger als 600 Euro im Monat auskommen (...)." [9]

Eines kann man jedenfalls nicht behaupten: dass sich die Griechen übermäßig bereichert hätten. Zumindest gilt das für den Durchschnittsbürger. Das Sparpaket wird die prekäre Situation vieler Menschen dramatisch verschärfen. Wer auf die Griechen schimpft, sollte dies immer berücksichtigen. Fazit: In Griechenland wird es wohl so sein wie bei uns - einige bereichern sich maßlos, während der Durchschnittsbürger immer mehr zu kämpfen hat.

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[1] Spiegel-Online vom 02.05.2010
[2] Deutscher Bundestag
[3] Schweizer Fernsehen vom 30.07.2010
[4] Wikipedia, Griechenland
[5] Wikipedia, Deutschland
[6] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 258 vom 22.07.2010
[7] Bundesagentur für Arbeit, Arbeiten in Griechenland
[8] Dr. Angelika Niebler, MdEP (CSU), 10 häufig gestellte Fragen zur Eurokrise und der Hilfe für Griechenland
[9] Telepolis vom 29.01.2010