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07. August 2010, von Michael Schöfer
Der Tag, an dem Europa unterging

Erinnern Sie sich noch an das Ende des Kontinents? Wenn nicht, dann schauen Sie mal kurz in Ihren Terminkalender. Meinen Aufzeichnungen zufolge passierte das Unglück am 7. Juni 2010, an diesem Tag sank nämlich der Kurs des Euro zum US-Dollar auf 1,1917. [1] Schlagzeilen: "Der Euro stürzt ab", "Der Gemeinschaftswährung droht das Auseinanderbrechen", "Zerfall der Euro-Zone". Die von der europäischen Schuldenkrise geschockten Anleger flüchteten seinerzeit in hellen Scharen nach Amerika. [2] Europa war ausersehen, wie weiland das sagenhafte Atlantis vom Meer verschlungen zu werden. Sie haben diesen Tag trotzdem überlebt? Gut, ich ebenfalls.

Die Seebestattung Europas wurde bekanntlich storniert, heute - nach nur zwei Monaten - geht es dem Euro wieder gut, er steht mittlerweile bei 1,3284. Nun merken die Anleger, dass die Flucht über den Großen Teich doch keine so glorreiche Idee war, wie sie ursprünglich dachten, denn jetzt realisieren sie auf einmal die drastisch steigende Verschuldung der USA und deren nachlassendes Wachstum (Sie merken daran, Anlegern kann man es nie recht machen). Außerdem ist die deutsche Wirtschaft wie einst Lazarus wieder von den Toten auferstanden, gewissermaßen mit Siebenmeilenstiefel von der "Eiszeit" zur "Partylaune". Zumindest wenn man Ifo-Chef Hans-Werner Sinn Glauben schenken will, aber dessen Prognosen sind von zweifelhafter Qualität, sie treffen einfach zu selten zu. [3]

In Bezug auf den Euro waren die Befürchtungen also maßlos übertrieben. Wie man anhand der nachfolgenden Grafik sehen kann, lag der Kurs des Euro zum US-Dollar nach seiner Einführung am 1. Januar 1999 fast fünf Jahre lang unter dem angeblich katastrophal niedrigen Niveau vom 7. Juni 2010. Auch in dieser Zeit ist Europa nicht in den Fluten versunken. Und es würde mich nicht wundern, wenn die Wirtschaft bald wieder über einen zu hohen Kurs des Euro zu stöhnen beginnt, denn der schadet schließlich dem Export. Kaum steigen die Kurse, wird lediglich das Klagelied gewechselt, das Gejammer selbst bleibt. [4]


[Quelle: Charttool von msn Money]

Was schließen wir daraus? Marktteilnehmer wie Marktbeobachter neigen zu hysterischen Reaktionen. Und hinsichtlich der Wirtschaft sind Termini wie "Eiszeit" und "Partylaune" unangebracht. Die Wirtschaftskrise war zweifellos schwer, aber keine totale Katastrophe (der Auftragseingang der deutschen Industrie bewegte sich auf ihrem Höhepunkt knapp unterhalb des Niveaus von 2001). Und für Partylaune ist es wiederum viel zu früh, denn die Krise ist keineswegs ausgestanden (der Auftragseingang der Industrie bewegt sich momentan auf dem Niveau von 2006, hat den Vorkrisenstand also noch längst nicht erreicht).


[Quelle: Statistisches Bundesamt]

Fazit: Leider wird Totengräbern wie Gesundbetern viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, differenzierte Betrachtungen kommen bedauerlicherweise meist zu kurz.

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[1] Yahoo-Währungsrechner
[2] siehe Irrationale Märkte vom 19.05.2010
[3] siehe Gott schenkte uns Sinn: Hans-Werner Sinn vom 20.09.2009 oder Der unvermeidliche Herr Sinn vom 05.01.2009
[4] siehe Der Euro kann es niemand recht machen
vom 03.06.2005