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15. August 2010, von Michael Schöfer
Rente mit 70: Völlig falscher Ansatz


Haben Sie nicht auch manchmal das Gefühl, in unserer Gesellschaft werden die falschen Anreize gesetzt? So bekommt man etwa in jungen Jahren in der Regel ein kleines Gehalt, während man hingegen später, wenn der Anschaffungsbedarf tendenziell sinkt, weil zum Beispiel die Wohnung längst mit Möbeln vollgestellt ist, meist ein höheres Gehalt bezieht. Diese falschen Anreize finden sich auch in der Rentenpolitik. Neuerdings wird abermals über die "Rente mit 67" diskutiert, andere sind da schon wesentlich weiter und propagieren die "Rente mit 70". [1] Letztlich kommen wir so dem für die Finanzierung der Rente idealen Modell peu à peu näher: Nach der Arbeit gleich ab in die Kiste.

Neugeborene haben dem Statistischen Bundesamt zufolge eine Lebenserwartung von 77,17 (Männer) bzw. 82,40 Jahren (Frauen). Die "Rente mit 70" kommt, zumindest bei Männern, dem rentenkassenschonenden Idealfall recht nahe. Nicht der unbeschwerte Lebensabend ist das Ziel der aktuellen Rentenpolitik, sondern vielmehr das "sozialverträgliche Ableben". Doch wenn man schon fast bis an sein Lebensende arbeiten muss, könnte man das System gleich vom Kopf auf die Füße stellen, das wäre wenigstens konsequent.

Haben Sie nicht auch schon einmal davon geträumt, ein paar Jahre auf einer Südseeinsel zu verbringen oder gleich um die ganze Welt zu fahren? Wie ein "Easy Rider" mit dem Motorrad durch alle fünf Kontinente zu düsen und dabei vielleicht sogar, vergleichbar mit Robert M. Pirsigs "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten", zu philosophischen Erkenntnissen zu gelangen? Das wäre ein Leben - unbeschwert und frei. Leider fehlt dazu in jungen Jahren das notwendige Kleingeld, und im Alter wiederum häufig die Gesundheit. Udo Jürgens' Song "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an; mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran; mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss; mit 66 Jahren, ist noch lang noch nicht Schluss" beschreibt leider einen Mythos. Mit 66 braucht man nämlich sein erstes Hüft- oder Kniegelenk und reitet nicht auf einer Harley durch die Prärie. Wenn man auf einer Harley durch die Prärie reiten könnte, in jungen Jahren eben, kann man sich (siehe oben) keine leisten.

Okay, machen wir doch gleich Nägel mit Köpfen. Mein Vorschlag: Der Staat zahlt uns zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr eine ausreichend hohe Rente, mit der können wir, jeglicher Pflicht zur Erwerbsarbeit enthoben, unbekümmert um die Welt reisen. Ab 30 folgt dann "Arbeiten bis zum Umfallen". Bekommen Sie keinen Schreck, faktisch laufen die ständigen Rentenreformen sowieso darauf hinaus - halt bloß ohne die Phase des gepflegten Müßiggangs, wenn wir noch Saft und Kraft haben. Sollten wir früher als erwartet in die Kiste steigen: So what, das ist das Problem des Arbeitgebers! Keiner würde mehr sehnsüchtig auf die Rente warten, weil man ja schon alles erlebt hat. Ohnehin träumen allzu viele davon, als Rentner endlich das Leben zu genießen, nur um dann das halbe Rentnerleben in diversen Arztpraxen oder beim Hörgeräteakustiker zu verbringen.

Wie bitte? Sie behaupten, das könnte sich kein Sozialsystem erlauben? Wer soll das, bitteschön, finanzieren, fragen Sie? Ach, kommen Sie mir doch nicht mit Argumenten. Und schon gar keinen finanziellen. Hauptsache, man hat in jungen Jahren seinen Spaß. In diesem Alter denkt eh kein Mensch an Finanzierungspläne der Rentenversicherung. Außerdem: Ich bin bedauerlicherweise über das besagte Alter bereits hinaus und würde davon gar nicht mehr profitieren. Sie merken, aus mir spricht der reine Altruismus zu Gunsten der jungen Generation. Heißt es nicht immer, wir dürfen uns keinesfalls an der Jugend versündigen und auf deren Kosten leben? Sehen Sie! Jetzt müssen Sie zugeben, mein Vorschlag hat einen gewissen Charme. Unsinniger als die "Rente mit 70" ist er jedenfalls nicht. Oder doch?

PS: Oje, jetzt habe ich in der Überschrift doch tatsächlich das Wort "Glosse" vergessen. Reicht es aus, wenn ich es hier nachliefere? Sonst nehmen Sie mich in Zukunft womöglich nicht mehr ernst. Wie bitte, das tun sie ohnehin nicht? Unverschämtheit!

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[1] Spiegel-Online vom 11.08.2010