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27. August 2010, von Michael Schöfer
Konsequent an den Fakten vorbei


Thilo Sarrazin ist ein Problem - für seine Partei, die SPD, und für die Deutsche Bundesbank, in deren Vorstand er sitzt. Außerdem hat er ein Problem - offenbar mit sich selbst und mit seinem Bezug zur Realität. Kaum jemand ereifert sich hierzulande mehr über Einwanderer und Bedürftige als er. Sarrazin wirft anderen gerne abgrundtiefe Dummheit vor, doch seine eigenen Äußerungen sind alles andere als intelligent. "Deutschland sei dabei, sich abzuschaffen, sagte Sarrazin und verwies auf die geringe Geburtenrate der Einheimischen und die doppelt so hohe muslimischer Zuwanderer." [1]

Schauen wir uns die Fakten an: Im Jahr 2000 hatten von insgesamt 766.999 Neugeborenen 49.776 eine ausländische Staatsangehörigkeit, das sind 6,5 Prozent. 93,5 Prozent der Neugeborenen waren demzufolge Deutsche.

2006 hatten von insgesamt 672.724 Neugeborenen 29.176 eine ausländische Staatsangehörigkeit, das sind lediglich 4,3 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das: 95,7 Prozent besaßen bei der Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit.

Allerdings: "Seit Anfang des Jahres 2000 kann auch ein Kind ausländischer Eltern, das in Deutschland geboren wird, von Geburt an die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Dafür müssen ein Elternteil oder beide Eltern rechtmäßig seit mindestens acht Jahren in Deutschland leben und eine Aufenthalts- oder Niederlassungserlaubnis besitzen. In diesen Fällen stimmt die Staatsangehörigkeit des Kindes oft nicht mit der der Mutter überein", erläutert das Statistische Bundesamt. Die Zahl der ausländischen Neugeborenen allein ist daher kaum aufschlussreich.

Aber die Statistiker machen auch Aussagen über die Herkunft der Kinder: "Die Zahl der Geburten ausländischer Eltern hat - unabhängig von der Staatsangehörigkeit ihrer Kinder - im nachweisbaren Zeitraum zwischen 2000 und 2006 von 91.000 auf etwa 68.000 abgenommen (Geborene mit ausländischer Staatsangehörigkeit (2006: 29.000) und deutsche Kinder ausländischer Eltern (2006: 39.000))." [2]

Halten wir fest: Die Zahl der ausländischen Neugeborenen ist zwischen 2000 und 2006 gesunken. Und die Zahl der Geburten ausländischer Eltern ist zwischen 2000 und 2006 ebenfalls zurückgegangen.

Die Behauptung Sarrazins, dass Ausländerinnen in Deutschland wesentlich mehr Kinder bekämen als deutsche Frauen, ist unwahr: "Die zusammengefasste Geburtenziffer der ausländischen Frauen lag im Jahr 2006 bei 1,6 Kindern je Frau. Damit war sie zwar höher als bei den deutschen Frauen (1,3), aber andererseits deutlich niedriger als zu Anfang der 1990er Jahre (zwei Kinder je Frau). Im Unterschied zu früheren kurzfristigen Schwankungen der Geburtenhäufigkeit zeichnet sich seit Ende der 1980er Jahre eine kontinuierliche Abnahme des Geburtenniveaus der Ausländerinnen ab." [3] Demnach ist richtig: Die Kinderzahl der Ausländerinnen gleicht sich immer mehr der von deutschen Frauen an.

Sogar die konservative Springer-Presse konstatiert: "Migranten bekommen nicht mehr Kinder als Deutsche. Frauen mit Migrationshintergrund haben sich dem Geburtenverhalten der deutschen Frauen nahezu angepasst - bis auf einen Unterschied. Migranten bekommen ihren Nachwuchs zwar früher, sie haben aber nicht mehr Kinder als deutsche Frauen." [4] Der Trend der Angleichung ist also ungebrochen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat türkische Ehepaare aufgefordert, mindestens drei Kinder zu bekommen. [5] Ob diese Bitte bei den Türkinnen in der Bundesrepublik wirklich fruchtet, ist fraglich.

Zwischen Flensburg und Sonthofen im Allgäu sind die Türken mit Abstand die größte Ausländergruppe (1,66 von insgesamt 6,69 Mio. Ausländern, Stand: 31.12.2009). [6] Von den rund 683.000 Kindern, die 2008 in Deutschland das Licht der Welt erblickten, hatten freilich bloß 17.300 Kinder sowohl einen türkischen Vater als auch eine türkische Mutter. Das sind nur 2,5 Prozent aller Neugeborenen. Andererseits sind offenbar die Mischehen stark angestiegen, da fast ein Viertel der Neugeborenen mindestens ein ausländisches Elternteil besaß. "95.000 Kinder stammten aus deutsch-ausländischen Beziehungen: 51.000 davon hatten einen deutschen Vater und eine ausländische Mutter und die verbleibenden 44.000 hatten eine deutsche Mutter und einen ausländischen Vater." [7] Grund zur Panik? Ich glaube, kaum.

Wie unsinnig darüber hinaus solche Einteilungen manchmal sind, zeigt die Herkunft meiner Pflegetochter: Ihr Vater ist Mittelamerikaner, ihre Mutter Deutsche. Sie ist in Deutschland geboren und hat ihren Vater ein einziges Mal gesehen - im zarten Alter von eineinhalb Jahren, woran sie sich heute als erwachsene Frau gar nicht mehr erinnern kann. Spanisch spricht sie kein Wort, dafür Englisch und Französisch. Dennoch gilt sie, statistisch betrachtet, als Mensch mit Migrationshintergrund. Das Abitur hat sie übrigens problemlos bestanden.

Kehren wir zurück zu den Türken, denn denen ist Sarrazin besonders gewogen. (Achtung: Ironie!) Schade, dass sein Feindbild schrumpft. "Gegenüber 2008 ist die Zahl der ausländischen Bevölkerung [im Jahr 2009] um 32.800 Personen zurückgegangen (- 0,5%). Dieser Rückgang betraf am stärksten die türkische Bevölkerung. Ihre Zahl hat gegenüber dem Vorjahr um 30.300 Personen (- 1,8%) abgenommen und lag Ende 2009 noch bei 1,66 Millionen." [8] Jetzt könnten viele denken: Klar, die haben sich mittlerweile einbürgern lassen, doch auch diese Annahme ist falsch: 2009 ließen sich nur 24.647 Türken einbürgern, das sind magere 1,5 Prozent der hier lebenden Türken. [9] Und sogar diese Zahl geht zurück. Wie man der nachfolgenden Tabelle entnehmen kann, hat die Zahl der eingebürgerten Türken zwischen 2002 und 2009 um 61,9 Prozent abgenommen. Der von manchen befürchtete Run auf die deutsche Staatsangehörigkeit ist somit ausgeblieben.

Einbürgerungen von Türken [10]
Jahr Anzahl
2002 64.631
2003 56.244
2004 44.465
2005 32.661
2006 33.388
2007 28.861
2008 24.449
2009 24.647

Die Wahrheit ist hingegen: Immer mehr Türken verlassen Deutschland. 2008 kamen "insgesamt 26.653 Türken in die Bundesrepublik, aber 34.843 gingen in ihr Heimatland zurück". [11] Diese Tendenz hat sich neuerdings noch verstärkt: 2009 kamen rund 30.000 Türken nach Deutschland, aber 40.000 wanderten wieder aus. [12] Folglich hat sich der Saldo der türkischen Abwanderung von 8.190 im Jahr 2008 auf ungefähr 10.000 im Jahr 2009 erhöht. Wie niederträchtig: Die Türken konterkarieren Sarrazins mühsam aufgebaute Drohkulisse. Für eine Volksgruppe, die uns angeblich demnächst zu übernehmen gedenkt, verhalten sie sich ziemlich ungeschickt. Vielleicht sollte er den Türken sagen, dass die von ihm bereits angekündigte Überfremdung normalerweise mit einer Zu-, und nicht mit einer Abnahme ihres Bevölkerungsanteils einhergeht.

Apropos, Sarrazins hugenottische Familie ist selbst im 17. Jahrhundert von Frankreich nach Deutschland eingewandert. Er stammt "wahrscheinlich aus einer sabäischen Familie [ein semitisches Volk im Südwesten der Arabischen Halbinsel, Anm. d. Verf.], die über Afrika und Spanien nach Frankreich gezogen war. Mit dem französische Wort 'sarrasin' (arabisch-syrische Stämme) wurde im Mittelalter auch die zugewanderte moslemische Bevölkerung bezeichnet." [13] Haben Sie es gemerkt? Moslemische Bevölkerung! "Um das Jahr 1685 flüchteten 40.000 bis 50.000 Hugenotten nach Deutschland. Die Hälfte - etwa 20.000 - ließ sich in Brandenburg-Preußen nieder." [14] Darunter vermutlich Thilo Sarrazins Vorfahren. Angesichts seiner primitiven Angriffe auf Ausländer muss man ihm allerdings attestieren, dass seine Integration noch erhebliche Mängel aufweist.

Fazit: Es ist vollkommen schleierhaft, woher Thilo Sarrazin seine Weisheiten bezieht. Aus den Bevölkerungsstatistiken jedenfalls nicht. Wahrscheinlich eher vom Stammtisch. Sarrazins Behauptungen werden durch die Zahlen widerlegt. Man kann nur inständig hoffen, dass er im Vorstand der Deutschen Bundesbank besser mit Zahlen umzugehen weiß. Es wäre fatal, wenn dort ein ursprünglich von der arabischen Halbinsel stammender Nachfahre von Flüchtlingen plötzlich griechische Statistikregeln einführen würde. Die griechischen Zahlen haben nämlich ebenso wenig gestimmt wie Sarrazins Zerrbild von der drohenden feindlichen Übernahme Deutschlands durch die Migranten. Das soll die Probleme, die die Migration mit sich bringt, keineswegs verniedlichen. Einwanderung verursacht immer Probleme - nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Sarrazins Äußerungen sind jedoch destruktiv und werden daher keinen konstruktiven Beitrag zur Integration leisten. Aber konstruktive Beiträge sind von Thilo Sarrazin ohnehin nicht zu erwarten.

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[1] Hamburger Abendblatt vom 25.08.2010
[2] Statistisches Bundesamt, Geburten in Deutschland 2007, Seite 12, PDF-Datei mit 406 kb
[3] Statistisches Bundesamt, a.a.O., Seite 20f
[4] Die Welt-Online vom 10.08.2010
[5] Die Welt-Online vom 10.05.2010
[6] Statistisches Bundesamt, Ausländische Bevölkerung
[7] Statistisches Bundesamt vom 11.05.2010, Zahl der Woche Nr. 019 vom 11.05.2010
[8] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 076 vom 04.03.2010
[9] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 225 vom 29.06.2010
[10] Statistisches Bundesamt, Einbürgerungen - Fachserie 1 Reihe 2.1 - 2009, Seiten 18-19 und 22-23, PDF-Datei mit 961 kb
[11] Tages-Anzeiger vom 03.02.2010
[12] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 185 vom 26.05.2010
[13] Die Presse.com vom 23.08.2010
[14] Wikipedia, Hugenotten in Deutschland