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30. August 2010, von Michael Schöfer
Gefährliches Glatteis


Wer die menschliche Gesellschaft mit genetischen Merkmalen erklären will, begibt sich schnell auf höchst gefährliches Glatteis. Der krude Rassenwahn der Nazis, der auf scheinbaren biologischen Unterschieden zwischen "Ariern" und "Juden" basierte, mündete nicht nur in den Holocaust, sondern war darüber hinaus auch wissenschaftlicher Humbug.

Nun belehrt uns ein inzwischen allseits berühmt-berüchtigter Bundesbanker, dass Intelligenz "zu 50 bis 80 Prozent erblich" sei. Dummheit wird also - zumindest laut Sarrazin - über die Erbmasse an die Kinder und Kindeskinder weitergegeben, was er wiederum als Argument gegen muslimische Migranten verwendet. Perfider geht’s nicht. Doch damit nicht genug, zur Bekräftigung seiner These sagt Sarrazin: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden." [1]

Ein Gebräu voller Halbwahrheiten. Dass solche Äußerungen einen Sturm der Entrüstung entfachen würden, war von vornherein klar und von Thilo Sarrazin vielleicht sogar gezielt eingeplant, schließlich rückt er damit sein neues Buch in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. "Der Zentralrat der Juden in Deutschland warf Sarrazin nach seinen Äußerungen über Juden Rassismus und das Schüren von Hass vor. 'Sarrazin hat endgültig eine rote Linie' überschritten, sagte der Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann, der dpa. Der SPD-Politiker stütze sich mit seinen Behauptungen auf die Rassentheorien der Nationalsozialisten." [2] Für seriöse Politiker ist hierzulande kaum ein Vorwurf vernichtender als der, der Nähe zum braunen Gedankengut bezichtigt zu werden. Vielleicht mit Ausnahme des noch viel schlimmeren Verdachts, Kinderpornos zu konsumieren. Aber geht es Sarrazin überhaupt noch um Seriosität?

Allerdings muss man ehrlicherweise hinzufügen: Der Frontverlauf zwischen Befürwortern und Gegnern bestimmter Thesen ist völlig unübersichtlich. Zudem kommt es dabei, wie wir noch sehen werden, zu eigenartigen Konstellationen. Mit anderen Worten: Es herrscht geradezu ein Tohuwabohu. Insbesondere bei Laien.

Dass genetische Unterschiede zwischen Menschengruppen bestehen, ist im Grunde eine Binsenweisheit, auch Sarrazin hat uns diesbezüglich nichts Neues erzählt. "Das Gen für die Blutgruppe 0 hat seinen Verbreitungsschwerpunkt im französischen Teil des Baskenlandes, dem Haute-Soule, und dort vorwiegend in der Region um Mauléon, wo die baskische Sprache noch am reinsten gesprochen wird. Zusammen ergeben alle sieben baskischen Provinzen einen 0-Wert von 75 Prozent." Jedoch: "Ebenfalls über 70 Prozent ist dieser Wert noch in Südwestfrankreich (Aquitaine), in Galizien und Katalanien, im Cotentin (Bretagne) und in Bergen (Norwegen), also überall dort, wo Menschen am Atlantik und den angrenzenden Bergen leben." [3] Völlig falsch war Sarrazins Äußerung daher nicht.

Sogar Juden versuchen, die Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Erkenntnissen über das Erbgut zu untermauern: "In New York, Seattle, Athen, Rom und Israel sammelte das Forscherteam um Harry Ostrer von der New York University DNA von 237 Personen, deren beide Großelternpaare einer der drei jüdischen Gemeinschaften der osteuropäischen Aschkenasim, italienisch-griechisch-türkischen Sefarden oder syrischen Mizrachim angehören. Verglichen wurden die Ergebnisse mit dem Erbgut von 418 Nichtjuden. (...) 'Die Studie stützt die Idee eines jüdischen Volkes mit gemeinsamer genetischer Historie', sagt Ostrer, Leiter der Studie, die vor zwei Wochen im 'American Journal of Human Genetics' veröffentlicht wurde. So sind die 237 jüdischen Testpersonen untereinander stärker verwandt als mit den nichtjüdischen Populationen der Regionen", berichtet die des Nazismus sicherlich völlig unverdächtige Jüdische Allgemeine. [4]

Angefacht hat die innerjüdische (!) Diskussion über die Identität des jüdischen Volkes in jüngster Zeit ein Buch des israelischen Historikers Shlomo Sand. Der kruden Rassentheorie der Nazis wurde stets entgegengehalten, dass es sich beim Judentum lediglich um eine Religion handele, in die man hineingeboren werde. Oder man konvertiert als Nichtjude zum Judentum, nimmt den Glauben also an. Juden seien keine Rasse, hieß es, sondern eine Glaubensgemeinschaft. So weit, so gut. Doch kurioserweise gibt es ausgerechnet in Israel Strömungen, die das Judentum mit Hilfe genetischer Merkmale gegenüber anderen Völkern abgrenzen wollen, insbesondere gegenüber den Arabern. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass dadurch die wissenschaftlich vollkommen haltlose Rassentheorie der Nazis quasi durch die Hintertür wieder eingeführt wird. Genau dagegen hat Shlomo Sand sich in seinem Buch "Die Erfindung des jüdischen Volkes" gewehrt und in Israel heftigen Widerspruch geerntet.

"Die meisten israelischen Historiker sind überzeugt, dass sie Nachkommen von König David und von den zwölf Stämmen sind, die aus Ägypten ausgezogen sind. Sie unterrichten das Alte Testament im Fach Geschichte, und nicht im Religionsunterricht. Ich halte das Alte Testament für ein elementares Werk unserer westlichen Zivilisation, aber es ist kein Geschichtsbuch. Das beweise ich in meinem Buch auch anhand von archäologischen Funden. Aber ich gehe noch einen Schritt weiter: Ich halte den Begriff 'Volk' für falsch, wenn wir von den Ereignissen in der Antike sprechen." Für Shlomo Sand gibt es kein jüdisches Volk, sondern nur eine jüdische Religionsgemeinschaft. [5]

"Nach halachischem Recht ist jüdisch, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder zum Judentum konvertiert ist. Die enge Verbindung von Kultur, Tradition, Religion und Volkszugehörigkeit zeichnet das Judentum im Besonderen aus. Durch die sich wiederholenden Judenverfolgungen und -Verdrängungen entwickelte sich über die Jahrhunderte eine gewisse genetische Homogenität, die durch einen DNA-Test sichtbar wird. Aktuelle genetische Studien belegen, dass über 60-80% der Juden noch heute ein typisch jüdisches DNA-Profil aufweisen. Es gibt bestimmte genetische Merkmale, die auf eine jüdische Herkunft hinweisen", liest man hingegen auf haGalil.com, dem deutsch-jüdischen Nachrichtenmagazin. Daraus folgt unwillkürlich die Frage: "Ist das Judentum mehr als eine Religion? Gibt es ein jüdisches Gen?" [6]

Halten wir fest: Viele Basken besitzen ein besonderes Gen, aber nicht ausschließlich, es kommt auch andernorts vor. Und selbst wenn sie das Gen exklusiv für sich hätten - ändert das irgendetwas? Ob sich das Judentum über genetische Unterschiede zu anderen Gruppen definieren lässt, darüber wird vor allem in Israel heftig gestritten. Thilo Sarrazin nur für seine Worte zu verurteilen, wäre daher verfehlt. Aber bei Sarrazin geht es um das, was er uns außerdem mitteilen will: Dass nämlich die muslimischen Zuwanderer dümmer wären als andere und alle Bemühungen wegen der - von ihm postulierten - Vererbbarkeit von Intelligenz quasi vergebliche Liebesmüh sei. Kurzum, er zieht kulturelle Schlüsse aus angeblich vorhandenen genetischen Unterschieden. Man kann ihn eigentlich nur so interpretieren.

Sehen wir es einmal andersherum: Vor ungefähr 310 Millionen Jahren, in der zweiten Hälfte der Karbonzeit, lebte unser "rund 170-Millionen-Mal-Urahn". Dieser war nicht nur der Vorfahre von uns Menschen, sondern auch der der Sauropsiden: Vögel und Reptilien (Krokodile, Schlangen, Echsen, Schildkröten etc.). Dazu gehören längst ausgestorbene Vertreter, wie etwa die Dinosaurier. [7] Zweifelsohne existieren in uns Gene, die man auch in Dinosauriern gefunden hätte bzw. heute noch in Vögeln, Krokodilen, Schlangen, Echsen und Schildkröten findet. Doch was sagt uns das konkret über uns Menschen (außer, dass wir zusammen mit allen anderen Lebewesen auf der Erde die gleichen genetischen Wurzeln haben)? Für das Leben in der Bundesrepublik ist so ein "Reptilien-Gen" gewiss irrelevant. Genauso irrelevant wäre ein Basken- oder Juden-Gen - ganz gleich, ob es wirklich existiert. Insofern ist die Diskussion darüber absurd.

Menschen und menschliche Gesellschaften über genetische Merkmale definieren zu wollen, geht - ob bei Basken, Juden oder Migranten - häufig mit Rassismus einher. Doch genetische Unterschiede sagen noch lange nichts über den Wert von Individuen oder Gruppen aus. Alle Menschen sind (vor dem Gesetz) gleich, unabhängig von ihrer genetischen Ausstattung. Menschen mit einem bestimmten Gen haben schließlich nicht weniger Rechte als andere. Mit der genau umgekehrten Argumentation begründeten die Nazis die Diskriminierung und Ermordung der Juden, Juden seien anders und obendrein minderwertig. Thilo Sarrazin bewegt sich in der Tat in gefährlicher Nähe zu ihrem Fahrwasser.

Wichtig ist vielmehr die Debatte über die kulturellen Ursachen mangelnder Integration, wer letztere allerdings genetisch begründet, lenkt nur vom Thema ab.

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[1] Die Welt-Online vom 29.08.2010
[2] Spiegel-Online vom 30.08.2010
[3] Die Welt vom 06.12.1995
[4] Jüdische Allgemeine vom 17.06.2010
[5] Deutschlandradio vom 09.04.2010
[6] iGENIA
[7] Richard Dawkins, Geschichten vom Ursprung des Lebens, Berlin 2009, Seite 365