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01. September 2010, von Michael Schöfer
Viagra nicht nur fürs Herz problematisch


Potenzmittel sind bekanntlich nicht ohne Nebenwirkungen. Wer's am Herz hat, sollte vorsichtig damit umgehen, er könnte sich beim Sex übernehmen und einen Infarkt bekommen. Doch Viagra & Co. sind auch politisch bedenklich, zumindest wenn man der Boulevard-Presse Glauben schenkt. Die Schweizer Zeitung "Blick", die ist dort so etwas wie bei uns "Bild" (es ist also in puncto Wahrheitsgehalt allergrößte Vorsicht angebracht), hat jetzt angeprangert, dass die ohnehin bereits üppig besoldeten Abgeordneten des Europäischen Parlaments die Potenzpille angeblich gratis erhalten. Das habe "die englische Independence Party ans Tageslicht gebracht (...). 'Es ist vollkommen verrückt, was die britischen Steuerzahler den Eurokraten alles zahlen!', wird deren Abgeordnete Marta Andreasen zitiert." [1] Früher sagte man in den Parteien boshaft: "Hast Du einen Opa, dann schick ihn nach Europa." Nun wundert mich das nicht mehr, denn gerade Opas haben Viagra besonders nötig. Ahnen Sie jetzt, warum abgehalfterte Politiker, ob sie Edmund Stoiber (68), Günther Oettinger (57) oder Jo Leinen (62) heißen, so gerne in den europäischen Institutionen arbeiten? Ich schon.

Also, wenn Sie mich fragen, da kann der gebrauchte Porsche von Klaus Ernst, dem Chef der Linken, einfach nicht mehr mithalten. Es wundert mich ohnehin, dass die Empörungs-Karawane nicht längst nach Straßburg weitergezogen ist, das schlüpfrige Thema ist doch wesentlich interessanter als die krude Rassentheorie von Thilo Sarrazin. Wäre Sarrazin Europaabgeordneter, hätte er vielleicht ein Buch mit dem Titel "Die 268 Stellungen des Kamasutra" geschrieben. Untertitel: "Endlich enthüllt: Warum indische Migranten mehr Kinder haben als Deutsche." Mein Gott, er hätte nicht bloß Tausende verkauft, sondern Millionen. Die Verdienstmöglichkeiten über die ganze Verwertungskette hinweg wären enorm gewesen: Der Film zum Buch (Hauptdarstellerin: Dolly Buster), der Bildband zum Film (mit einem Vorwort von Oswalt Kolle). Blaue Schlüsselanhänger in der markanten Pillenform - Merchandising as its best. Und Pfizer, die Herstellerfirma von Viagra, hätte in den Kinos bestimmt ein paar Packungen blaue Gummibärchen verteilt (die blauen Pillen selbst sind ja leider rezeptpflichtig). Obgleich, können Sie sich die Verbindung Sarrazin-Kamasutra-Viagra vorstellen? Intuitiv käme man da in hundert Jahren nicht drauf.

"Bild" lässt die Europaabgeordneten links liegen, aber auch hierzulande gibt es neuerdings ein kleines Potenzpillen-Skandälchen. Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün versorgte nämlich eigenem Bekunden zufolge ältere Parlamentskollegen mit billigem Viagra aus der Türkei. "Akgüns Nebenjob begann am Rande einer Bundestagssitzung. Ein Kollege bat die Deutsch-Türkin darum, ihm bei ihrer nächsten Türkei-Reise ein Medikament zu besorgen. 'Ich dachte, er meint Aspirin', schreibt Agkün. 'Aber er wollte Viagra.' Zwei Tage später trat ein weiterer Genosse mit der Bitte an sie heran. In einer Apotheke in der Hafenstadt Cesme gab Akgün eine Großbestellung auf." [2] Namen nennt die studierte Medizinerin allerdings nicht. Schade, jetzt können wir nur spekulieren. War's etwa der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering? Kein Wunder, dass der damals 69-Jährige 2009 eine vierzig Jahre jüngere Frau geheiratet hat. Heiraten konnte! Oder vielleicht Rudolf Scharping? Der planschte vor Jahren liebestoll mit seiner Gräfin im Swimming-Pool herum. Die Ausgelassenheit hat, wie wir nachträglich vermuten dürfen, gute Gründe gehabt. Tja, ein erfülltes Sex-Leben entspannt eben ungemein.

Wie dem auch sei, eigentlich müsste die Staatsanwaltschaft gegen Lale Akgün ermitteln, denn die Einfuhr von Medikamenten aus einem Nicht-EU-Staat ist strafbar: "In Deutschland unterliegt die Einfuhr von Arzneimitteln den strengen Bestimmungen des deutschen Arzneimittelgesetzes", warnt der Zoll. "Arzneimittel, die in Ländern außerhalb der Europäischen Gemeinschaft erworben werden, dürfen grundsätzlich nur in der Menge eingeführt werden, die dem üblichen persönlichen Bedarf für die Dauer der Reise entspricht." Schließlich waren die Potenzpillen eingestandenermaßen nicht für den persönlich Bedarf von Frau Akgün, sie spricht obendrein ausdrücklich von einer "Großbestellung".

Womöglich hat sie sich sogar der illegalen gewerblichen Einfuhr schuldig gemacht. "Die Einfuhr von Arzneimitteln (...) gewerbs- oder berufsmäßig zum Zwecke der Abgabe an andere oder zur Weiterverarbeitung aus Ländern, die nicht Mitgliedstaaten der Europäischen Union oder Vertragsstaaten des Europäischen Wirtschaftsraumes sind, ist gemäß § 72 AMG nur mit einer Einfuhrerlaubnis der zuständigen Arzneimittelbehörde zulässig", erläutert der Zoll auf seiner Website. Die Abgeordneten werden Akgün für ihre kleine Gefälligkeit gewiss etwas bezahlt haben, zumindest den Preis fürs Viagra. Das ist zweifellos gewerblich! Und ob die so verständnisvolle wie hilfreiche Kollegin eine Einfuhrerlaubnis besaß, ist äußerst fraglich. Das wäre nämlich der Skandal im Skandälchen. Ich hab' bereits die Schlagzeile vor Augen. "Von deutschen Behörden genehmigt: Abgeordnete dürfen Billig-Viagra importieren, Hartz IV-Empfänger zahlen Apothekenpreise." Aber diese Chance hat sich "Bild" entgehen lassen. Warum, ist vollkommen schleierhaft. Stellen Sie sich vor, Bild-Kritiker Günter Wallraff hätte illegal mit Viagra gehandelt... Auf so eine Story wären die total abgefahren - inklusive eines gestellten Fotos von Wallraffs Selbstversuch in der gemischten Sauna, versteht sich.

Jedenfalls habe ich meinen letzten Urlaub, wie ich jetzt mit Erschrecken feststelle, völlig falsch geplant. Hätte ich das früher gewusst, wäre ich nicht nach Spanien gedüst, sondern nach Cesme. Dort soll es jede Menge Apotheken geben, die für Touristen preiswerte Angebote bereithalten. Welche genau, das wird hier nicht verraten.

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[1] Blick vom 10.08.2010
[2] Bild vom 29.08.2010