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07. September 2010, von Michael Schöfer
Revolution


Wer Macht hat über die Worte, hat auch Macht über die Menschen. "Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke." (George Orwell, 1984)

Der Atomkompromiss der schwarz-gelben Bundesregierung ist, zumindest in den Augen von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), ein "großer Wurf". "Sensationell", tönt selbst Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), obgleich er dabei genaugenommen eine schwere Niederlage hat einstecken müssen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht in dem Konzept gar eine "Revolution im Bereich der Energieversorgung".

Revolution? Ha! Das Wort hat im Allgemeinen die Bedeutung "Veränderung, plötzlicher Wandel, Neuerung". Es hat sich aber auch die Definition "gewaltsamer politischer Umsturz" eingebürgert. Welche Bedeutung zutrifft, kommt auf den Kontext an. Etliches wurde - manchmal zu Recht oder zu Unrecht - revolutionär genannt. Tatsächlich revolutionär war etwa die "kopernikanische Revolution", weil sie das herkömmliche Bild vom Aufbau des Universums zerstörte. Darwins Abstammungslehre ist so revolutionär, dass sie von religiös orientierten Menschen nach wie vor strikt abgelehnt wird. Einsteins Relativitätstheorie war zweifellos eine ebenso grandiose Revolution, wie die zur gleichen Zeit gewonnenen epochalen Erkenntnisse über die Quantenphysik. An beidem haben wir noch heute ordentlich zu knabbern.

Es gab außerdem die "neolithische Revolution" (der Übergang vom Jäger- und Sammlerdasein zu Ackerbau und Viehzucht), die "landwirtschaftliche Revolution" (Strukturwandel in der Landwirtschaft), die "grüne Revolution" (Entwicklung moderner landwirtschaftlicher Hochleistungssorten), die "industrielle Revolution" und die "digitale Revolution". In Letzterer stecken wir noch mittendrin. Nicht zu vergessen die "sexuelle Revolution" der 68er. Von den zahlreichen politischen Revolutionen, beispielsweise der "Glorious Revolution" in England (1688/1689), der "Französischen Revolution" (1789) oder der "Russischen Revolution" (1917), ganz zu schweigen. Bloß damit klar wird, womit die Physikerin Angela Merkel ihre scheinbare "energiepolitische Revolution" vergleicht.

Scheinbar, denn der Atomkompromiss der Bundesregierung ist weder ein "plötzlicher Wandel" noch eine "Neuerung", er schreibt vielmehr das Bestehende fort, ist also in Wahrheit konservativ. Die alten Strukturen der Energieversorgung bleiben bis auf weiteres erhalten, im Schnitt sollen nämlich die deutschen Atomkraftwerke 12 Jahre länger laufen (ältere Meiler acht Jahre, neuere 14 Jahre). Ursprünglich sah der von der früheren rot-grünen Bundesregierung mit den Energieversorgern ausgehandelte Atomausstieg vor, das letzte Kernkraftwerk spätestens 2022 vom Netz zu nehmen. Jetzt könnte sich der Abschied von der Atomkraft bis 2040 hinauszögern, unter Umständen sogar darüber hinaus (Stichwort: Übertragung von Reststrommengen). Eine seltsame Revolution ist das, die die alten Strukturen über Jahrzehnte hinweg konserviert.

Wer Macht hat über die Worte, hat auch Macht über die Menschen. Angela Merkels Versuch ist zwar dilettantisch, weil leicht zu durchschauen, aber der Vorgang zeigt immerhin, dass sie versucht, die Deutungshoheit über die Begriffe zurückzugewinnen. Das kommt Ihnen bestimmt bekannt vor, in George Orwells Roman "1984" war ja das "Ministerium für Wahrheit" in Wirklichkeit auch das "Ministerium für Lüge" (= Propaganda). Genau in diese Rubrik ist Merkels "Revolution im Bereich der Energieversorgung" einzuordnen, nirgendwo sonst.