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13. September 2010, von Michael Schöfer
Lustig ist nicht das Zigeunerleben...


...sondern in zunehmenden Maße der Wirtschaftsteil meiner Zeitung. Ja, Sie lesen richtig: Genau das, was normalerweise "furztrocken" ist, wie man in der Pfalz frei heraus zu sagen pflegt. Heute möchte ich den Wirtschaftsteil der Süddeutschen keinesfalls mehr missen, denn er ist Satire auf höchstem Niveau. Realsatire! Beispiele gefällig?

Die HSH Nordbank entwickelt sich langsam von der Pleitebank zur Skandalbank. In den zurückliegenden Wochen haben wir nämlich mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen dürfen, was in der sich sonst so seriös gebenden Branche alles möglich sein soll. Da habe man dem früheren Leiter der New Yorker HSH-Filiale eine Falle gestellt und ihn als Konsument von Kinderpornos desavouieren wollen. "Im Bilderrahmen eines Fotos der Tochter des New Yorker Filialleiters Roland K. wurde dabei ein Aufkleber mit einer E-Mail-Adresse entdeckt, in der das Wort 'kid' vorkam. Daneben stand ein Begriff, der sich als Passwort herausstellte. Auf K.s Rechner wurden E-Mails eines 'Jan Nowak' sichergestellt, die zu Dateien mit kinderpornographischen Fotos führten", schreibt die SZ. [1] Angeblich alles bewusst untergeschoben, bloß um den offenbar unbequemen Herrn elegant loszuwerden. Verständlich, denn Abfindungen erreichen bekanntlich, insbesondere in den USA, eine horrende Höhe.

Schon vorher wurden Meldungen verbreitet, in der HSH Nordbank gebe es eine Spitzelaffäre. Es ist von Wanzen im Vorstandsbüro, illegalen Durchsuchungen einer Privatwohnung und präparierten Dokumenten die Rede. Auch hier habe man einem später geschassten Vorstandskollegen eine fiese Falle gestellt. [2] Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher streitet die Vorwürfe natürlich ab. Doch jetzt muss die Bank mächtig zurückrudern, der seinerzeit fristlos entlassene Vorstand Frank Roth habe keinen "vorsätzlichen" Geheimnisverrat begangen, sondern lediglich einen "fahrlässigen". Genüsslich zitiert die Presse aus der Beschwerdebegründung gegen die Einstellung des Strafverfahrens gegen Roth: "Darin argumentiert die Anwältin der HSH Nordbank nun, Roth habe möglicherweise durch Unachtsamkeit zugelassen, dass Unbefugte die Papiere an sich nehmen konnten. 'Wer aber darauf verzichtet, seinen Schreibtisch aufzuräumen und die Kenntniserlangung Dritter von ihm persönlich zur Geheimhaltung anvertrauter Unterlagen in Kauf nimmt, offenbart durch Unterlassen'." [3]

Ist das nicht lustig? Unaufgeräumte Schreibtische sollen also neuerdings den Tatbestand des fahrlässigen Geheimnisverrats erfüllen, in sämtlichen Büros der Republik wird demnach Geheimnisverrat begangen. Vor allem in den üblicherweise für Unbefugte frei zugänglichen Vorstandsetagen. Wahrscheinlich ist jede Putzfrau potenziell als eine mit Minoxkamera ausgestattete Spionin einzustufen, das Niedriglohn-Image des Reinigungspersonals demzufolge nur raffinierte Tarnung. Hört sich an wie bei James Bond.

Die nächste Erheiterung rief bei mir ein Kommentar von Catherine Hoffmann hervor. Wir erinnern uns: Griechenland bekam von seinen Partnern als Ausgleich für Kreditgarantien ein drastisches Sparprogramm aufs Auge gedrückt. "Die Regierung in Athen ist durch die 110 Milliarden Euro schweren EU- und IWF-Hilfen zum Sparen verpflichtet. Steuererhöhungen sowie Lohn- und Pensionskürzungen sollen dabei helfen, das Haushaltsdefizit des hoch verschuldeten Landes zu reduzieren." [4] Griechenland hat seine Staatsausgaben folgsam um 10 Prozent gekürzt, die Löhne im öffentlichen Dienst um 20 Prozent gesenkt und die Rentner ordentlich bluten lassen. Konsequenz: "Die Zahl der Insolvenzen ist in die Höhe geschossen - die Insolvenzquote der Athener Geschäfte liegt bei 17 Prozent. Die Arbeitslosenquote wird dieses Jahr voraussichtlich im Schnitt über zwölf Prozent betragen; für das kommende Jahr werden über 14 Prozent erwartet." [5] Wenig verwunderlich: Im zweiten Quartal 2010 ist das griechische Bruttoinlandsprodukt im Jahresvergleich um 3,7 Prozent gesunken. [6] Nur, damit Sie einen ungefähren Eindruck bekommen, was da unten abgeht.

Kritiker des rigiden Sparkurses haben schon seit langem eindringlich darauf hingewiesen, dass man sich als Volkswirtschaft buchstäblich zu Tode sparen kann, die schrumpfende griechische Wirtschaft scheint das nun zu belegen. "Schafft es die Regierung nicht, die Bürger zu Konsum und Investitionen zu ermuntern, gerät das Land in eine gefährliche Sparspirale, die Wachstum und damit auch die Steuereinnahmen schrumpfen lässt. Dann wäre die staatlich verordnete Diät nicht nützlich, sondern schädlich", schreibt Catherine Hoffmann in ihrem Kommentar zur europäischen Schuldenkrise. [7] Und wie, bitteschön, soll die Regierung die Bürger zu Konsum und Investitionen ermuntern? Etwa mit sinkenden Löhnen und gekürzten Renten?

Sich allerdings über die absurde Küchenökonomie (ganz nach dem Rezept der schwäbischen Hausfrau) aufzuregen, schadet nur dem Herz. Ich find's daher inzwischen lustig. Der Wirtschaftsteil ist keine, wie allgemein angenommen wird, Spaßbremse, er ist mittlerweile in der Tat Satire auf höchstem Niveau. Wer braucht da noch Urban Priol, Volker Pispers oder Georg Schramm? Niemand. Die können glatt einpacken. Oje, drei Arbeitslose mehr.

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[1] Süddeutsche vom 29.08.2010
[2] Süddeutsche vom 24.08.2010
[3] Süddeutsche vom 13.09.2010
[4] Reuters vom 13.09.2010
[5] Die Welt-Online vom 26.08.2010
[6] Reuters vom 08.09.2010
[7] Süddeutsche vom 13.09.2010