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24. September 2010, von Michael Schöfer
Zwangspause für den Large Hadron Collider


Der Large Hadron Collider (LHC), das ist ein 27 km langer ringförmiger Teilchenbeschleuniger, mit dessen Hilfe man u.a. das Higgs-Boson nachweisen will, hat ungefähr 3 Mrd. Euro gekostet. Und obgleich er erst seit November letzten Jahres in Betrieb ist, gibt es bereits spektakuläre Ergebnisse: "Forscher der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) haben bei Experimenten im Teilchenbeschleuniger LHC einen bislang unbekannten Effekt beobachtet. Demnach scheinen einige Teilchen bei Proton-Proton-Kollisionen, in denen hunderte von geladenen Teilchen entstehen, gekoppelt zu sein. (…) Über den Ursprung dieses Effektes können die Forscher noch nichts genaueres sagen. Hierzu sollen bald weitere Daten erhoben werden." [1] Der Beginn der Experimente ist also ziemlich vielversprechend.

Doch 2012 wird der LHC schon wieder stillliegen - nicht wegen technischer Probleme, sondern wegen Geldsorgen. Die Mitgliedstaaten des europäischen Forschungszentrums CERN, das den LHC betreibt, werden in den kommenden fünf Jahren 104 Mio. Euro weniger überweisen. Angeblich Folge der Wirtschaftskrise. Deshalb wird der größte Teilchenbeschleuniger der Welt im Jahr 2012 ruhen, das verspricht den größten Einspareffekt. Auch alle anderen Beschleuniger und Experimente unter der Regie von CERN werden für ein Jahr ausgesetzt. [2] Das ist ungefähr so, wie wenn man sich für 160.000 Euro einen Lamborghini Gallardo zulegt, ihn aber anschließend in der Garage stehen lässt, weil man sich die Benzinkosten nicht mehr leisten kann. Mit anderen Worten: Vollkommen absurd.


Auswertung einer Protonen-Kollision im LHC [Quelle: CERN]

"Wenn Deutschland als Hochtechnologieland spitze bleiben will, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, sind wir darauf angewiesen, dass wir immer wieder Innovationen hervorbringen, dass wir immer wieder Dinge können, die andere nicht können. So sehr, wie wir besser als andere leben wollen, so sehr müssen wir auch besser als andere im Erfinden und Entwickeln von Dingen sein. Wir wollen ja ein Hochtechnologieland, ein Industrieland bleiben. Forschung und Entwicklung sind dabei das Fundament unseres Wohlstands. Deshalb tut die Bundesregierung auch sehr, sehr viel dafür, dass dies gelebt werden kann", behauptet Bundeskanzlerin Angela Merkel. [3]

Die Bundesregierung tut "sehr, sehr viel" für Forschung und Entwicklung? 104 Mio. Euro soll CERN in den nächsten fünf Jahren sparen, das sind 20,8 Mio. Euro pro Jahr. Wenn man das Ganze auch noch durch alle 20 Mitgliedstaaten teilt, bleiben im Durchschnitt bei jedem Land gerade mal 1,04 Mio. Euro hängen. Allerdings: Das Budget des Forschungszentrums tragen die Mitgliedstaaten zu unterschiedlichen Teilen, die Bundesrepublik ist mit einem Anteil von 19,88 Prozent der größte Finanzier. Genaugenommen müsste Deutschland, um den Stillstand des LHC zu vermeiden, pro Jahr 4,1 Mio. Euro aufwenden.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Weil die Europäer jährlich nicht einmal läppische 20,8 Mio. Euro zusammenbringen, muss eine der teuersten Forschungsanlagen der Welt ein Jahr lang pausieren. Was hat uns die Bankenrettung bislang gekostet? Was kostet das umstrittene Bahn-Projekt "Stuttgart 21"? Die Mehrwertsteuersenkung für Hotelübernachtungen belastet die öffentlichen Haushalte mit rund einer Milliarde Euro. Allein die Boni für die Mitarbeiter der verstaatlichten Skandalbank Hypo Real Estate (HRE) betragen insgesamt 25 Mio. Euro - und das, obwohl die Pleitebank im vergangenen Jahr einen Verlust von 2,2 Mrd. Euro einfuhr und weitere 40 Mrd. Euro Staatsgarantien braucht (über die bereits gewährten 103,5 Mrd. Euro hinaus). [4] Mit den ungerechtfertigten Boni für die HRE-Banker hätte man den deutschen Anteil an der Summe, die dem LHC pro Jahr fehlen wird, sechsmal bezahlen können. Hier werden eindeutig die falschen Prioritäten gesetzt.

3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wollten die EU-Mitgliedstaaten im Rahmen der Lissabon-Strategie für Forschung und Entwicklung ausgeben. Das angestrebte Niveau sollte 2010 erreicht sein. Nach den vorliegenden Zahlen haben dieses Ziel im Jahr 2008 aber nur Finnland (3,73 %) und Schweden (3,75 %) geschafft, Deutschland lag bei 2,63 Prozent. [5] Grundlagenforschung ist extrem wichtig? Von wegen, wie man an der Zwangspause des Large Hadron Collider sieht. Mit dem Bekenntnis zur Grundlagenforschung, das die Bundeskanzlerin in ihren Sonntagsreden gerne verbreitet, kann man sich folglich auf dem Klo die Wände tapezieren.

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[1] netzwelt.de vom 23.09.2010
[2] FAZ.Net vom 03.09.2010
[3] Bundesregierung, Rede anlässlich des Empfangs der diesjährigen Preisträger des Bundeswettbewerbs "Jugend forscht", 22.09.2010
[4] RP-online vom 19.09.2010
[5] Wirtschaftskammern Österreich, Ausgaben für Forschung und experimentelle Entwicklung in % des BIP, PDF-Datei mit 32 kb