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08. Oktober 2010, von Michael Schöfer
Friedensnobelpreis - diesmal traf es den Richtigen


Als vor Jahresfrist Barack Obama für alle völlig überraschend den Friedensnobelpreis erhielt, wusste niemand so richtig zu sagen, wofür eigentlich. Nicht einmal er selbst. Erst seit dem 20. Januar 2009 im Amt und schon am 9. Oktober 2009 mit dem begehrten Preis bedacht - das waren seinerzeit bestenfalls Vorschusslorbeeren, denn geleistet hatte der US-Präsident bis dahin noch nichts. Und bis heute sind auch keine nennenswerten Leistungen hinzugekommen, die die Preisvergabe wenigstens nachträglich gerechtfertigt hätten. Alles in allem war die damalige Auszeichnung, offenbar der zu dieser Zeit überall grassierenden Obamania geschuldet, ein Missgriff.

In diesem Jahr ist jedoch alles ganz anders, das Nobel-Komitee hat nämlich heute dem chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis zuerkannt. Liu werde für seinen "langen und gewaltlosen Kampf für Menschenrechte" in China geehrt, erklärte das Nobel-Komitee in Oslo. Daran wird Peking mächtig zu schlucken haben, denn der Mitinitiator der "Charta 08" [1] wurde wegen seines Engagements für ein demokratisches China am 24. Dezember 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt. Die Parallelen zu Carl von Ossietzky, der 1935 während seiner Haft im Konzentrationslager den Friedensnobelpreis erhielt, sind evident. Das Nobelpreis-Komittee liegt diesmal also goldrichtig.

Peking bezeichnet Liu Xiaobo als Kriminellen, der wegen Gesetzesverstößen verurteilt worden sei. "'Die Vergabe durch das Nobelkomitee an solche Leute widerspricht völlig den Prinzipien des Preises.' Es sei auch 'eine Schmähung' dieser Auszeichnung. 'Der Friedensnobelpreis sollte jenen verliehen werden, die sich für ethnische Harmonie, internationale Freundschaft und Abrüstung einsetzen und Friedensgespräche führen. Dies waren Nobels Wünsche' (...). Die Verleihung werde den chinesisch-norwegischen Beziehungen schaden", schäumen die Machthaber im Reich der Mitte. [2] Liu Xiaobo beteiligte sich bereits an den Studentenprotesten von 1989, die am 04.06.1989 auf dem Tiananmen-Platz in einem Massaker endeten. Hu Jintao, der heutige Staatspräsident der Volksrepublik, war damals in Tibet "für die gewaltsame Niederschlagung von Protesten und die Verhängung des Kriegsrechts verantwortlich". [3] Dass die Preisvergabe an Liu bei den Autokraten in Peking auf wenig Zustimmung stößt, war von vornherein klar, doch genau das ist ja ihr Sinn. Und von den Prinzipien des Preises versteht das chinesische Regime wohl am allerwenigsten.

Die KP Chinas ist allergisch gegen alles, was mit Demokratie und Meinungsfreiheit zu tun hat. Und Regimegegner müssen, wie einst in der Sowjetunion, mit drakonischen Strafen rechnen. Liu ist nur einer von vielen Verfolgten. Wie die Volksrepublik, die in jüngster Zeit dank wachsender ökonomischer Bedeutung äußerst selbstbewusst (manche behaupten, arrogant) auftritt, langfristig auf die Preisverleihung reagiert, bleibt abzuwarten. Ossietzky durfte nicht zur Entgegennahme des Preises nach Oslo reisen, das hätte für die nationalsozialistische Propaganda eine herbe Niederlage bedeutet, denn dazu war er von Haft und Folter schon viel zu angegriffen. Das Bild, das die Nazis im Ausland von sich zeichnen wollten, hätte bestimmt Kratzer bekommen. Ob Liu freikommt und nach Oslo reisen darf, ist ebenfalls äußerst fraglich, denn das wäre der chinesischen Propaganda genauso abträglich. Wie auch immer, mit Liu Xiaobo hat das Nobel-Komitee jedenfalls den Richtigen getroffen. Eine weise Entscheidung.

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[1] aus dem Chinesischen von Dr. Jörg-M. Rudolph, Ostasieninstitut, Fachhochschule Ludwigshafen, mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers, PDF-Datei mit 160 kb
[2] Die Zeit-Online vom 08.10.2010
[3] Wikipedia, Hu Jintao, Parteisekretär in Guizhou und Tibet