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16. Oktober 2010, von Michael Schöfer
Pathologisch


Also der Philipp Rösler, unser Bundesgesundheitsminister, treibt es jetzt wirklich zu weit. Die Gesundheitskosten ufern mittlerweile derart aus, dass sich nicht einmal mehr gut betuchte Ministerpräsidenten die dringend notwendige psychologische Behandlung leisten können. Es ist wirklich traurig mitanzusehen, wie CSU-Chef Horst Seehofer mit Schaum vor dem Mund durch ganz Deutschland rennt und nirgendwo ärztliche Hilfe bekommt. Dabei ist seine Zwangslage offenkundig. Eine Schande ist das. Schämen Sie sich, Herr Rösler.

Seehofers Abneigung gegen Türken und Araber, ja generell gegen alle Menschen aus anderen Kulturkreisen, trägt eindeutig pathologische Züge und bedarf dringend einer professionellen Behandlung. "Die hier lebenden Menschen müssten sich zur deutschen Leitkultur bekennen. Dies bedeute christliche Werte zu achten", schreit Seehofer mit hochrotem Kopf auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in den Saal. "Multikulti ist tot", ereifert er sich und fuchtelt dabei wild gestikulierend mit den Armen herum. Der CSU-Chef verschluckt sich fast vor Bekenntnisdrang: "Wir haben eine christlich orientierte Wertorientierung in Deutschland und die ist Maßstab für die Alltagskultur. (...) Wir fühlen uns dem christlichen Menschenbild verbunden, das ist das, was uns ausmacht." [1] Warum hilft ihm denn keiner? Hat denn niemand Mitleid?

Vielleicht liegt's am JU-Vorsitzenden Philipp Mißfelder, der von der Jungen Union in seinem Amt bestätigt wurde. Zur Erinnerung: Das ist der, dem sein christliches Menschenbild alten Omis gesundheitlich belastende Hüftgelenksoperationen ersparen wollte. "Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen." [2] Und der Arbeitnehmer aus christlicher Nächstenliebe heraus vor der Altersarmut verschonen wollte, indem er die "Rente mit 70" propagiert. [3] Außerdem plädiert Mißfelder gegen einen "flächendeckenden Mindestlohn", weil irgendwo in der Bibel steht: "Eher geht ein Reicher durchs Nadelöhr..." Reich sein ist absolut unchristlich, liebe Leute. Und Armut beileibe keine Schande. Mißfelders Engagement für den Niedriglohnsektor ist demzufolge aus christlicher Sicht konsequent. [4] Zum Glück bin ich Atheist. Und hoffentlich ist Christentum nicht ansteckend.

In diesem extremen Umfeld sind Seehofers Äußerungen zumindest verständlich. Gruppendruck, nennt man das. Vielleicht ist er ungewollt in einer skurrilen Selbsthilfegruppe gelandet. Mein Gott, hat der Mann Pech. Wie dem auch sei, jedenfalls müssen wir ihm künftig den Umgang mit Extremisten aller Art strikt untersagen. Nur im Interesse der Wiederherstellung seiner geistigen Gesundheit, versteht sich. Und wenn Philipp Rösler mitspielt (heißen eigentlich alle sozialpolitischen Geisterfahrer Philipp?), können wir Horst Seehofer demnächst einen staatlich bezuschussten Gutschein für eine kostenlose Schnupperstunde auf der Psychologen-Couch überreichen. In München soll es erstklassige Therapeuten geben.

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[1] Stern vom 15.10.2010
[2] Der Tagesspiegel vom 03.08.2003
[3] RP-online vom 19.10.2007
[4] Handelsblatt vom 04.01.2008