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22. Oktober 2010, von Michael Schöfer
Schlimme Eigentore


Was ist der Unterschied zwischen Borussia Mönchengladbach und Borussia Mönchengladbach? "Wie bitte?", werden Sie jetzt vielleicht fragen. Aber großes Indianer-Ehrenwort, ich habe wirklich keine Drogen genommen. Der Unterschied zwischen Borussia Mönchengladbach (Profimannschaft) und Borussia Mönchengladbach (Amateure) ist, dass Letztere nun schon seit sieben Spieltagen ungeschlagen sind und damit in der Spitzengruppe der Regionalliga West stehen, während die Profis in der ersten Liga wie so oft im Tabellenkeller herumdümpeln. Dabei gehörte die einstige "Fohlenelf" in den siebziger Jahren zu den renommiertesten Fußballmannschaften in Europa. Das war freilich zu einer Zeit, in der Günter Netzer auf dem Platz noch weite Flanken schlug und sein späterer Co-Moderator Gerhard Delling gerade mal aufs Gymnasium ging. Tja, lang ist's her.

Was ist der Unterschied zwischen der Bundesregierung und der Bundesregierung? Keiner! Dort gibt es nur Amateure, keine Profis. Und die stehen momentan alle im Umfragekeller. Zu Recht. "Die Bundesregierung will mit scharfen Maßnahmen für einen stabilen Euro sorgen. Dazu gehörten härtere Sanktionen bei Verstößen gegen die Euro-Stabilitätsregeln", hieß es vor sieben Monaten. Angela Merkel: "In letzter Konsequenz muss es künftig möglich sein, einem Land, das seine Verpflichtungen nicht einhält, zumindest vorübergehend das Stimmrecht zu nehmen. Deutschland hält das für unerlässlich." [1] Noch im vorigen Monat hat sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble für automatische Strafzahlungen bei einer Verletzung der EU-Stabilitätskriterien ausgesprochen. Es war eigentlich von vornherein klar, dass die Bundesregierung für ihr Anliegen bei den EU-Partnern keine Unterstützung erhalten würde, dennoch hat man diese Sau monatelang durchs Dorf getrieben.

Vor ein paar Tagen hat die Bundeskanzlerin dann kleinlaut verkündet, die bislang von Deutschland favorisierten automatischen Sanktionen fallen zu lassen, diese Forderung sei nämlich nur von drei anderen Ländern mitgetragen worden. Das hatten ihr Kritiker schließlich von Anfang an prophezeit. Jetzt soll es nur noch zu "politisch vereinbarten" Sanktionen kommen, zumindest hat das Angela Merkel mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy so abgesprochen. "Der Ministerrat muss zuerst beschließen, dass ein Land nicht genug zum Abbau seines Defizits getan hat." [2]

Damit hat sich die Pariser Linie durchgesetzt. Im Gegenzug unterstützt Frankreich Deutschlands Forderung nach Änderung der EU-Verträge, "mit der Berlin weiter gehende Reformen des Stabilitätspakts durchsetzen will." Es soll etwa ein Insolvenzrecht für Staaten eingeführt werden, dadurch würden endlich auch die Gläubiger der Staaten einen Preis zahlen, nicht bloß die Steuerzahler. Doch der Ministerrat "besteht aus je einem Vertreter jedes Mitgliedstaats" (Artikel 16 Abs. 2 des EU-Vertrags), folglich entscheiden nach wie vor die Defizitsünder über sich selbst. Es bleibt somit alles beim Alten. Und die Änderung der EU-Verträge, der alle 27 Mitgliedstaaten zustimmen müssen, teilweise sogar per Referendum, ist vollkommen illusorisch. Noch haben ja alle das Desaster von Lissabon in den Knochen. Faktisch steht Merkel also mit leeren Händen da.

Zu allem Überfluss hat die Bundeskanzlerin mit der jähen Wende um 180 Grad ihren Koalitionspartner verärgert. "Sanktionen dürften nicht der 'politischen Opportunität' unterworfen werden", stellte der düpierte FDP-Chef klar. [3] Westerwelles Parteifreundin Silvana Koch-Mehrin warf Merkel indirekt Wortbruch vor. Doch damit nicht genug, nun muss sich obendrein Regierungssprecher Steffen Seibert beim Außenminister entschuldigen. Ein unüblicher Vorgang. "Seibert hatte (...) in der Bundespressekonferenz auf Nachfragen von Journalisten erklärt, die Regierung 'billigt und stärkt den Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf diesem Weg'. Und Seibert hatte ausdrücklich hinzugefügt: 'Das Kabinett steht in dieser Sache in einer Linie.'" Westerwelle machte hingegen deutlich, dass er im Kabinett sehr wohl Kritik geäußert habe. Es tue ihm leid, die Äußerungen des FDP-Chefs nicht erwähnt zu haben, ließ Seibert daraufhin mitteilen. [4]

Man greift sich an den Kopf. Fassungslos nimmt man zur Kenntnis: Amateurhafter geht’s nimmer. Die Bundesregierung schießt ein Eigentor nach dem anderen und tut es damit dem Bundesligaverein Hannover 96 gleich. Im Dezember 2009 schossen die Niedersachsen in einem einzigen Spiel drei Eigentore und erlitten eine herbe 3:5-Niederlage. Bundesligarekord: Drei Eigentore in einem Spiel waren zuvor keiner anderen Bundesligamannschaft gelungen. Und jetzt raten Sie mal, gegen wen Hannover 96 damals so spektakulär verlor - gegen Borussia Mönchengladbach! Allerdings nicht gegen die Amateurmannschaft, sondern gegen die Profis. [5] Tja, die Borussia hat wenigstens noch welche.

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[1] n-tv vom 01.05.2010
[2] FAZ.NET vom 20.10.2010
[3] Spiegel-Online vom 21.10.2010
[4] Spiegel-Online vom 22.10.2010
[5] ARD-Sportschau vom 12.12.2009